Flucht und Exil

Impulse für eine theologische Vergewisserung - veröffentlicht vom Moderamen des Reformierten Bundes

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Flüchtenden und Zuflucht Suchenden zu helfen gehört zum Wesen der evangelisch-reformierten Kirchen, das hat Ende April der Reformierte Bund in einem theologischen Impuls zu „Flucht und Exil“ erklärt. Für die Kirche stehe mit der Herausforderung, die Verantwortung den Flüchtenden gegenüber wahrzunehmen, ihr „eigenes Kirchesein auf dem Spiel“. Der Text im Wortlaut:

Flucht und Exil.
Impulse für eine theologische Vergewisserung

(Moderamen des Reformierten Bundes im April 2016).pdf

Interview mit Professor Dr. Michael Weinrich,
dem federführenden Verfasser des Impulspapiers
auf reformiert-info.de

Das Impulspapier im Wortlaut:

Flucht und Exil

Impulse für eine theologische Vergewisserung

Von den in Europa eintreffenden Flüchtenden wird die Kirche unmittelbar auf ihr Wesen und ihre Bestimmung angesprochen. Es handelt sich nicht um eine die Kirche nur von außen treffende ethische Herausforderung. Vielmehr steht in dieser Frage für die Kirche immer auch ihr eigenes Kirchesein auf dem Spiel. Denn die Kirche entdeckt nicht erst in dem Verweis auf die allgemeinen Menschenrechte ihre besondere Verantwortung, sondern sie sieht sich in der Treue zur Wahrnehmung ihrer eigenen Berufung und Sendung zu einem verbindlichen und nachhaltigen Engagement gerufen. Nicht zuletzt erweist sich die Kirche darin lebendig, dass sie immer wieder neu zur Kirche wird. Insofern nimmt sie ihre Verantwortung für die Flüchtenden im Horizont der Verheißung wahr, dass sie auch angesichts des Versagens in ihrer Geschichte immer wieder neu zur Kirche werden kann. Dabei orientiert sie sich an den Grundlagen, die ihr für die eigene Existenz und Praxis grundlegend und wegweisend sind. Vier Aspekte sollen im Blick auf unsere eigene kirchliche Tradition hervorgehoben werden:

1.  Menschenfreundlichkeit Gottes

»Denn weil wir menschliche Geschöpfe sind, müssen wir unser eigenes Gesicht, wie in einem Spiegel, anschauen in den Gesichtern der Armen und Verachteten, die nicht weiter können und unter ihrer Last zittern, selbst wenn es die Fremdesten der Welt sind. Wenn irgendein Maure oder irgendein Barbar zu uns kommt, weil er ein Mensch ist, bringt er einen deutlichen Spiegel mit sich, in dem wir sehen können, dass er unser Bruder und Nächster ist.« (Calvin, Predigt zu Gal 6,9-11).

Die Kirche wird durch nichts so sehr daran erinnert, dass sie in der Fremde unterwegs und keineswegs an ihrem Ziel ist, wie durch die reale Begegnung mit Flüchtenden, Vertriebenen und Armutsmigranten. In einer aus dem Paradies vertriebenen Menschheit bezeugt sie die Menschenfreundlichkeit Gottes. Sie ist dazu berufen, mit Gott in seinem Bunde zu leben in der Hoffnung auf das Kommen seines Reiches, in dem alle Tränen abgewischt sein werden (Offb 21,1-4). Indem die Kirche in Christus diesen Bund erneut bestätigt und verwirklicht sieht (Röm 15,8), lebt sie in der Verheißung der Erlösung dieser Welt von ihren Leiden (Röm 8,18ff). So lebt die Kirche nicht allein von den Möglichkeiten dieser Welt, sondern engagiert sich auch in den Widrigkeiten dieser Welt in die Richtung auf die von ihr verkündigte Hoffnung. Damit versucht sie, ihrem Zeugnis von der Menschenfreundlichkeit Gottes (Tit 3,4) mit einem stimmigen Leben zu entsprechen. Christliche Existenz wird immer auch von erkennbaren und benennbaren Reibungen mit den Spielregeln und Entscheidungsalternativen der sie umgebenden Gesellschaft gekennzeichnet sein.

Die Flüchtenden erinnern die Kirche in besonders unausweichlicher Form an die für sie essenzielle Bedeutung ihrer Fremdlingschaft in einer Welt jenseits von Eden. Mal wird der Kirche ihr Exil in der Welt deutlicher und mal weniger deutlich vor Augen stehen, aber niemals darf es ganz aus den Augen verloren werden.

2. Exil als Kennzeichen der Kirche

»Besonders aber ist es geradezu das Los der Christen, bei der Mehrzahl der Menschen verhasst zu sein. Das Fleisch kann nämlich die Lehre des Evangeliums nicht ertragen; keiner wird gern seiner Fehler überführt. ›Um der Gerechtigkeit willen leiden‹ bezieht sich auf die Menschen, die dadurch den Hass der Bösen auf sich ziehen und ihre Wut hervorlocken, dass sie sich mit ehrlichem, wohlwollendem Eifer bösen Interessen widersetzen und die Guten nach Kräften verteidigen. Auf dieser Seite nimmt allerdings die Wahrheit Gottes mit Recht den ersten Platz ein. So unterscheidet Christus an diesem Kennzeichen seine Zeugen von den Übeltätern und Gottlosen. Ich wiederhole, was ich oben gesagt habe: da alle, die gottselig in Christus leben wollen, der Verfolgung preisgegeben sind, so ist Paulus Zeuge (2 Tim 3,12), dass dieses Wort sich allgemein an alle Frommen richtet.« (Calvin, Auslegung zu Mt 5,10).

Ihrem Selbstverständnis nach lebt die Kirche in einer opfersensiblen Spannung zu den Herrschaftsmechanismen der Welt, die vor allem auf Selbstdurchsetzung ausgerichtet sind. Dies ist den Reformatoren gemeinsam, es gehört aber auch zum immer wieder übergangenen Erbe der ganzen Ökumene. Diese Spannung gilt sowohl für die ökonomischen als auch für die weltanschaulich-religiösen und kul­turellen Orientierungen, an denen die Kirche immer auch partizipiert. Diese Orientierung hat sie zugleich von ihrem Bekenntnis zum gekreuzigten und auferstandenen Christus aus kritisch zu hinterfragen. Das gilt ebenso für die machtpolitischen Optionen, unter denen in zunehmendem Maße militärische Lösungen als erfolgversprechend ausgegeben werden, obwohl dies im Widerspruch zu den Erfahrungen gerade der jüngeren Vergangenheit steht. Die schleichende Remilitarisierung insbesondere der internationalen Politik befindet sich längst nicht mehr in ihrem Anfangsstadium. Auch wenn dies teilweise Ausdruck der um sich greifenden Ratlosigkeit und Hilflosigkeit sein mag, gilt es dieser hoffnungslosen Entwicklung ebenso entgegenzutreten, wie der gegenwärtig zu beobachtenden innenpolitischen Aufrüstung. Die Kirche wird sich neu darauf einzustellen haben, dass die zu ihrem Wesen gehörende Spannung zu dem auf Selbstdurchsetzung ausgerichteten Lebensmanagement der Welt ihr unvermeidlich auch Konflikte und Verfolgung einträgt; dem kann sie sich nur durch die Preisgabe ihrer Sendung und ihres Seins entziehen.

In seiner Schrift »Von den Konziliis und Kirchen« (1539) zählt Luther bemerkenswerterweise ausdrücklich das Leiden und die Verfolgung zu den Kennzeichen einer sich recht verstehenden Kirche (WA 50, 641f). Nicht weniger deutlich wird diese Dimension von Johannes Calvin immer wieder hervorgehoben (siehe die Auslegung zu Mt 5,10). Für Calvin war das Exil eine ›nota ecclesiae‹, ein Kennzeichen der Kirche (Heiko A. Oberman, 2003). Dafür lassen sich sowohl greifbare historische Gründe als auch systematisch theologische Gründe beibringen. Im Blick auf die von der Kirche besonders zu erwartende Leidensbereitschaft ist zudem auf den über die reformatorischen Kirchen im Grundsatz hinausgehenden ökumenischen Konsens hinzuweisen. Denn auf mittelfristige Sicht wird es nicht ohne Bedeutung sein, dass sich die Kirchen in ihrem nachdrücklichen Engagement nicht auseinanderdividieren lassen, wenn möglicherweise weitere Bewährungsproben zu bestehen sein werden.

3. Trost in der Anfechtung dieser Welt

»Jesus Christus nimmt in seine Obhut und in seinen Schutz, die ihm von seinem Vater übergeben sind, und lässt nicht zu, dass etwas davon verloren geht. Wenn wir aber einmal in seiner Obhut stehen, verleiht er uns soviel Kraft, dass wir bis ans Ende standhaft beharren. (...) Das müssen wir sorgfältig im Auge behalten, um gegen die Unzahl von Versuchungen anzukämpfen, mit denen uns der Satan zu zerstreuen sucht. Denn wie sieht es sonst, wenn wir von allen Seiten bedrängt werden und zehntausend Tode um uns her stehen, mit unserer Stärke und Widerstandskraft aus? Gott aber ist unbesiegbar. Darum dürfen wir wissen, dass unser Heil fest steht. Warum? Weil es in Gottes Hand liegt. Und inwiefern dürfen wir dessen gewiss sein? Weil er es in die Hand unseres Herrn Jesus gelegt hat, der uns verbürgt, dass der Vater, der uns erwählt hat, seinen Ratschluss zur vollen Wirksamkeit und Vollendung führen wird.« (Calvin, Von der ewigen Erwählung Gottes).

Über diese ökumenische Gemeinsamkeit im Wissen um die geschichtlich unausräumbare Spannung zwischen Kirche und Welt hinaus gibt es für die reformierte Tradition infolge ihrer eigenen Verfolgungsgeschichte zudem eine besondere Verbundenheit mit dem Thema Flucht und Exil im Blick zu halten. Es ist inzwischen weithin anerkannt, dass sich Calvin nicht nur selbst zeitlebens als einen französischen Glaubensflüchtling verstanden hat, sondern dass sein Engagement in besonderer Weise den Glaubensflüchtlingen in Genf und in ganz Europa gegolten hat. Calvin hat den Protestantismus weithin als Fluchtbewegung erlebt. Das hat zunächst Konsequenzen für sein Verständnis der Kirche, für welches in zweifacher Weise die Bestimmung des Exils bedeutsam ist. Die Kirche hat einmal Anteil an dem Exil, in dem sich die Welt jenseits des Paradieses insgesamt befindet, d. h. sie leidet mit an der von Gott gegen den menschlichen Hochmut erlassenen Strafe, die sich der Mensch in seiner Verblendung vor allem selber zufügt. Und sie befindet sich zudem in einem weiteren Exil – gleichsam einem Exil im Exil –, in dem sie sich mit ihrem Glauben und Bekenntnis auf dem ihr ermöglichten und gewiesenen Heilsweg zur ewigen Stadt Gottes versteht. Während sie das erste Exil ebenso wie die Welt erleiden muss, darf sie sich im zweiten auf dem Weg ihrer Rettung wissen. Eben deshalb liegt bei Calvin immer wieder ein besonderer Akzent auf der Fremdlingschaft der Kirche gegenüber der Welt. Flucht und Exil haben zudem Konsequenzen für Calvins Zuspitzung der Prädestinationslehre, indem den Verfolgern und Peinigern der Flüchtenden die Härte der ihrem Unglauben entsprechenden Verwerfung entgegengehalten wird, während den um des Glaubens willen zur Flucht Genötigten der verlässliche Trost der gnädigen Erwählung zugesprochen wird. Eine letzte Konsequenz liegt in einer besonders akzentuierten Fassung der Vorsehungslehre, welche die Begleitung Gottes gerade für die Situationen des Lebens hervorhebt, in denen wir geneigt sind, uns von Gott verlassen zu fühlen (ein Akzent, der auch in der Vorsehungslehre von Karl Barth eine besondere Rolle spielt), so dass sie als eine Ermutigung für die Flüchtenden und deren Unterstützer verstanden werden kann.

4. Praktische Konsequenzen

»Wenn ihnen Gott aber die Fremden nicht minder wie die Stammverwandten ans Herz legt, müssen sie einsehen, dass sie Recht und Billigkeit immer und gegen jedermann walten lassen sollen. Es hat auch seinen guten Grund, dass Gott dem Fremdling, der etwa unterdrückt würde, seinen ganz besonderen Schutz zusagt. Sind doch Leute, die sonst im Lande keinen Freund haben, der Unterdrückung und Gewalttat seitens gottloser Menschen in ganz besonderem Maße ausgesetzt.« (Calvin, Auslegung zu Lev 19,33).

Es ist die besondere und konsequente Menschlichkeit Gottes, durch welche für den christlichen Glauben die Mitmenschlichkeit über allen anderen politischen, nationalstaatlichen, ökonomischen und kulturellen Orientierungen steht und diesen erst ihre eigentliche Bestimmung gibt. Wäre die Menschlichkeit tatsächlich die oberste Maxime der in unserer Gesellschaft gepflegten Sachlichkeit, so würde jetzt nicht ein Teil unserer Energie durch die teilweise hilflose und andernteils abgründige Erörterung der Grenzen unserer Kapazitäten den Flüchtenden entzogen. In diesem Horizont fällt auch das Argument in sich zusammen, dass sich nach dem Vorbild der Reformationszeit unsere Verantwortung auf die christlichen Glaubensgeschwister zu konzentrieren habe. Deren Bedrängnis macht zweifellos die besonderen Abgründe der gegenwärtigen Dramatik deutlich, die von uns auch in eigener Weise im Auge zu halten ist. Aber sie limitiert in einer von Rivalisierungen fundamental bedrohten Welt gerade nicht unsere Verantwortlichkeit. Im Blick auf einen achtsamen Umgang gerade auch mit den Fremden kann vom biblischen Zeugnis her keine Begrenzung legitimiert werden (vgl. auch Heidelberger Katechismus, Frage 111). Allen Anstrengungen, durch rechtliche Verschärfungen das grundgesetzlich garantierte Asylrecht sukzessive auszuhöhlen, um die eigenen Verpflichtungen so klein wie möglich zu halten, sollte der Widerstand der Kirchen gelten. Auf der anderen Seite müssen die Kirchen über ihr eigenes Engagement hinaus auch darauf drängen, dass die durch die Aufnahme der Flüchtenden übernommene Verantwortung auch wirksame Maßnahmen für eine gesellschaftliche Integration umfasst. Wir müssen uns darauf einrichten, dass sich unsere Lebensumstände ebenso verändern werden, wie wir das auch von den Flüchtenden erwarten. Während die erforderlichen Integrationsanstrengungen schließlich auch zu einer Bereicherung unseres gesellschaftlichen Lebens führen werden, wird eine Vernachlässigung der Integration mit erheblichen Folgebelastungen verbunden sein. Wir wollen den Flüchtenden rechte Helfer sein, indem wir uns auf die Suche machen nach neuen Möglichkeiten und Wegen, unsere Gesellschaft zu gestalten. Das gilt auch für jene Außenpolitik, deren offenkundiges Versagen uns durch die Flüchtenden vor Augen gestellt wird. Weder die gesellschaftlichen noch die politischen Entwicklungen können einfach sich selbst überlassen werden. Vielmehr wird es entscheidend darauf ankommen, dass die wahrzunehmende Verantwortung in einer über den Tag hinausreichenden Perspektive die verschiedenen miteinander verflochtenen gesellschaftlichen und friedenspolitischen Dimensionen so zusammenhält, dass es zu einer nachhaltig tragfähigen Lösung der Probleme und Konflikte kommt, an deren Entstehen unsere Gesellschaft in einem deutlichen Maße beteiligt ist.

In ihrem Verhalten gegenüber den hier eintreffenden Flüchtenden ist die Kirche Jesu Christi auf ihr Wesen und ihre Bestimmung angesprochen. Wir wissen um die Größe dieser Herausforderung, aber auch um die viel größere Verheißung, »dass die Kirche in Wort und Tat Zeugin des neuen Himmels und der neuen Erde ist, in denen Gerechtigkeit wohnt« (Belhar-Bekenntnis).

Moderamen des Reformierten Bundes, April 2016

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Michael Weinrich: „Eine Kirche, die sich nicht von den bei uns ankommenden Flüchtlingen unmittelbar angesprochen findet, verfehlt ihre Berufung und Sendung.“

ref-info-Interview mit Prof Dr. Michael Weinrich