Zum Glauben gehört auch Wissen

Für reformierte Christen gibt es keine Instanz, die festlegt, was zu glauben ist. Was gelehrt und gepredigt wird, soll im Einklang mit der Bibel stehen. Darauf zu achten ist auch die Aufgabe jedes Gemeindemitglieds. Ein hoher Anspruch!

"Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort offenbart hat, ..." Der Heidelberger Katechismus (Frage 21) betont die Wichtigkeit des Wissens für den Glauben. Jedes Gemeindemitglied sollte so viel wie möglich wissen, damit es seinen Glauben begründen und weitergeben kann.

In der aktuellen Situation wird das aus verschiedenen Gründen wieder wichtig: Der christliche Glaube steht zunehmend in einem Wettbewerb mit anderen Religionen und Glaubensrichtungen und sieht sich den Fragen und Verdächtigungen kritischer Mitmenschen ausgesetzt.

Deshalb ist es wichtig, den 
D i s k u r s  über Glaubensfragen und theologische Zusammenhänge in den Kirchen zu beleben und sich in weltanschauliche Diskussionen einzubringen. Zu diesem Zweck haben wir einen BLOG eingerichtet. (gr)

Die Lutherbibel oder die Bibel?

Einspruch! - Mittwochs-Kolumne von Georg Rieger

Eine nach heutigen Maßstäben kraftvolle Sprache wäre die bessere Lösung für eine Neuübersetzung 2017 gewesen.

„Braucht jeder und jede eine neue Lutherbibel?“ fragt der Berliner Kirchenhistoriker Christoph Markschies in einem netten Werbefilmchen und nennt drei Gründe dafür: 1.  Lutherbibel sieht wunderschön aus. 2. Die kraftvolle Sprache Luthers macht Spaß zu lesen. 3. Für die, die nicht jedes Wort von Luther verstehen, ist sie dennoch gut erläutert.

Zum Gedenken an Luthers Thesenanschlag, eine wieder mehr an Luthers Sprache angelehnte Version herauszubringen, ist es keine schlechte Idee. Nostalgie ist nichts Verwerfliches. Diese Version allerdings als die neue Volksbibel anzupreisen, die jeder braucht – also ich weiß nicht.  Im Fokus der Kommission sei gestanden, „das Profil der Lutherbibel wieder zu schärfen“. Doch die mittelalterliche „kernige Sprache des Reformators“ verstellt vielen Menschen eben den Zugang, den sprachliche Modernisierungen des 20. Jahrhunderts erleichtert hatten. Diese werden nun teilweise wieder rückgängig gemacht.

Alles in Allem wirkt dieses Projekt „Lutherbibel 2017“ rückwärtsgewandt. Es ist ein weiterer Baustein der Luther-Huldigung und eine vertane Chance, die Anliegen der Reformation zu aktualisieren.

Die Klagen der Wissenschaftler über die Ungenauigkeit der „Guten Nachricht“ in Ehren. Aber diese Ausgabe wird wenigstens gelesen. Und ob das nicht mehr nützt als schadet? Eine Bibel, die alle verstehen, war Luthers Anliegen. Eine nach heutigen Maßstäben kraftvolle Sprache wäre die bessere Lösung für eine Neuübersetzung 2017 gewesen.

Zum Glück gibt es die Zürcher Bibel. Deren unaufgeregte klare Sprache lässt vielleicht ein bisschen die „Kraft“ vermissen, die Luther zugesprochen wird. Dafür ist die Wortwahl und Grammatik zeitgemäß und gut verständlich. Es ist eben eine Bibel und keine Lutherbibel. Das kann auch ein Vorteil sein.

Georg Rieger

Filmchen: http://www.evangelisch.de/videos/136606/10-10-2016/christoph-markschies-braucht-jeder-eine-neue-lutherbibel

Leseproben: https://www.die-bibel.de/ueber-uns/unsere-uebersetzungen/lutherbibel-2017/die-lutherbibel-2017-was-ist-neu/

Mitteilungen / Kommentare:

Frank Peters:  Auf diesen (gut reformierten) Zwischenruf habe ich lange gewartet! Ich bin ganz Herrn Riegers Meinung, dass wir Bibelübersetzungen in zeitgemäßer und zeitgenössischer Sprache brauchen und keine Wiederbelebungen eines wie auch immer gearteten 500 Jahre alten "Lutherdeutschs". Der Hype, der derzeit um Luther 2017 gemacht wird, befremdet mich, auch als Liturgiker. Nur die eine unierte Fußnote sei zu Herrn Riegers Kommentar erlaubt: Auch die Züricher Bibel ist nicht das Maß aller Dinge - aber will es zum Glück ja auch nicht sein.

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Manfred Schröder: Bei aller Liebe zur Züricher Bibel, in den meisten reformierten Kirchengemeinden wird die "Lutherbibel" gelesen!

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Steffen Tuschling: Ach Schorsch..., du kritisierst die "Lutherhuldigung" (vergleichen wir sie, um auf dem Boden zu bleiben, eben mit 1817 oder 1917...) und machst dann das Gleiche, das du den anderen vorwirfst: Konfessionalistisch sein. Oder warum sonst preist du die Zürcher Bibel an?
Dass die Gute Nachricht "wenigstens gelesen" wird, angeblich anders als die Lutherbibel, wodurch ist denn diese Behauptung gedeckt? In den reformierten Kreisen hier im Norden, die ich so kenne, liest man ausgiebig die Lutherbibel. By the way: Vielleicht wird in Deutschland am meisten die Einheitsübersetzung gelesen, aber die preist man in einer "reformiert.de"-Kolumne natürlich nicht an. :)

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Gerrit Noltensmeier: Liebe Schwester, lieber Bruder in der Redaktion!
Gerade habe ich den "Einspruch" Georg Riegers: Revision "Lutherbibel" gelesen. Nicht ohne Verständnis und zugleich etwas verärgert.
Gestern kam ich von der Buchmesse zurück. 5 Jahre hatte ich im Lenkungsausschuss mitgetan. Ob es denkbar gewesen wäre, einen, der in anderer Weise als Herr Markschies Einblick in und Verantwortung für das Projekt hatte (als einer von 8) zu hören, zu fragen, bevor man Einspruch einlegt?
Ich habe das Ganze als anspruchsvoll, beglückend, unendlich bereichernd erlebt… und bin der Bibel mit Hilfe Luthers und seiner Gefährten und mit Hilfe der Partner im Lenkungsausschuss mit fast unvergleichlicher Intensität nochmal begegnet. Aber eben der Bibel. Nicht dem Lutherkult.
[…]
Nicht zufällig stieß ich heute auf einen Text Steffenskys, der damals noch wesentlich jünger war als heute: "Kann man des Alten gedenken, sich von seinen Stärken, die es ja auch hatte, nähren, sich von seinen Bildern ermutigen lassen, die eigenen Lebenswntwürfe an ihm schärfen, ohne seinem Bann zu verfallen und ohne die Freiheit des Denkens und den Mut des Entschlusses aufzugeben?"
Ja, gewiss.
Mit gleichwohl freundlichen Grüßen
Ihr Gerrit Noltensmeier

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Bernd Kehren: Mitteilung: Ich greife schon allein wegen des Erläuterungsapparats immer wieder gerne zur Bibel in gerechter Sprache, die sich gleichermaßen dem "Urtext" wie auch der heutigen Sprache verpflichtet weiß.

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Und zwei Hinweise auf weitere kritische Stellungnahmen zur neuen Lutherbibel erreichten die Redaktion:

Rolf Wischnath: Lieber Georg,
Du hast wieder einmal einen hervorragenden Kommentar geschrieben […]
Einen sehr trefflichen Kommentar hat zu dem Unternehmen Ulrichs geschrieben […]:
https://jochenteuffel.wordpress.com/2016/10/17/hans-g-ulrich-kritisches-zu-bedford-strohms-vorwort-zur-neuen-luther-bibel/

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Jochen Teuffel: Hier ein Beispiel dafür, wie die Traditionsbindung an Luther zu Fehlübersetzungen führt:
https://jochenteuffel.wordpress.com/2016/10/19/neue-luther-bibel-2017-warum-ist-eigentlich-david-immer-noch-braeunlich-1sam-1612/
 

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Hinweise von Klaus Maßmann, Lotte:

Anstelle die Konfessionskeule zu schwingen: am besten die Lutherbibel 2017 kostenlos auf smartphone oder tablet laden, daneben die neue Zürcher und die Einheitsübersetzung legen. Die Ökumenische tägliche Bibellese anklicken, aufschlagen und lesen. Die Zürcher schneidet wirklich nicht schlecht ab.

(Nichtsdestotrotz: einen hervorragenden Kommentar hat die Lutherbibel 2017 in der Neuen Osnabrücker Zeitung vom 22.10 von einem ansonsten überkritischen Geist erhalten: http://www.noz.de/deutschland-welt/kultur/artikel/792380/lutherbibel-neue-ausgabe-in-prallem-luther-deutsch#gallery&0&0&792380)

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Die neue Lutherbibel wagt die Rückkehr zum Deutsch des Reformators
Von Reinhard Bingener

http://www.ndr.de/ndrkultur/epg/Aufs-Maul-geschaut,sendung570208.html

Sind die Neuerungen der überarbeiteten Lutherbibel gelungen?
Ein Jahrhundert lang wurde die Lutherbibel immer weiter dem Gegenwartsdeutsch angenähert. Nun vollzieht die Evangelische Kirche in Deutschland eine Kehrtwende im Umgang mit diesem ihr anvertrauten Kulturgut. Zum Reformationsjubiläum kehren die alten Formulierungen Luthers an vielen Stellen ebenso zurück wie der von ihm geliebte Konjunktiv. Aus der angekündigten "Durchsicht" der Lutherbibel ist so eine umfassende Revision geworden. An der einen oder anderen Stelle wagen die Überarbeiter auch Neuerungen. Sind sie gelungen?

Zu den Neuerungen, die in der Sendung aufgeführt werden, fehlt der Hinweis, dass es nicht mehr missverständlich heißt "die Heiden", sondern "die Völker" (KM).

Download: Aufs Maul geschaut

16.10.2016 08:40 Uhr

Die neue Lutherbibel wagt die Rückkehr zum Deutsch des Reformators - das Manuskript zur Sendung Download (115 KB)

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Notizen zum Gottesdienst anlässlich der Einführung der «Lutherbibel 2017» in Eisenach am 30.10.2016

von Magdalene L. Frettlöh, Bern
Zwischenruf von Magdalene L. Frettlöh.pdf
 

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