Zum Glauben gehört auch Wissen

Für reformierte Christen gibt es keine Instanz, die festlegt, was zu glauben ist. Was gelehrt und gepredigt wird, soll im Einklang mit der Bibel stehen. Darauf zu achten ist auch die Aufgabe jedes Gemeindemitglieds. Ein hoher Anspruch!

"Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort offenbart hat, ..." Der Heidelberger Katechismus (Frage 21) betont die Wichtigkeit des Wissens für den Glauben. Jedes Gemeindemitglied sollte so viel wie möglich wissen, damit es seinen Glauben begründen und weitergeben kann.

In der aktuellen Situation wird das aus verschiedenen Gründen wieder wichtig: Der christliche Glaube steht zunehmend in einem Wettbewerb mit anderen Religionen und Glaubensrichtungen und sieht sich den Fragen und Verdächtigungen kritischer Mitmenschen ausgesetzt.

Deshalb ist es wichtig, den 
D i s k u r s  über Glaubensfragen und theologische Zusammenhänge in den Kirchen zu beleben und sich in weltanschauliche Diskussionen einzubringen. Zu diesem Zweck haben wir einen BLOG eingerichtet. (gr)

„…der gewürgte Christus soll ewig leben!“

Martin Luthers Verständnis von der Auferstehung des Gekreuzigten

von Rolf Wischnath

Das ist eine seltsame, unerhörte Predigt, / welche die Vernunft nicht fassen kann, / sie muss geglaubt sein, / dass Christus lebe, und dennoch tot sei, / und so tot, dass doch der Tod in ihm sterben muss und alle seine Macht verlieren. / Es wird aber solches uns zum Trost gepredigt, / dass wir glauben und lernen sollen, / der Tod habe seine Macht verloren. / Denn da findet sich - Gott habe ewig Lob! - / ein solcher Mensch, welchen der Tod angreift, / wie alle anderen Menschen, / und würgt ihn: / aber im Würgen muss er selbst sterben / und verschlungen werden, / und der gewürgte Christus soll ewig leben.

„…auferstanden von den Toten“ - das ist nach Luther der im Namen Gottes erfolgende Aufstand des getöteten Christus gegen den Würge-Tod. Gegen die Sieger der Geschichte. Gegen die, die so viele erwürgt haben und über Leichen gegangen sind. Mit Blick auf den Gekreuzigten und Auferstandenen bestreitet der Reformator, dass den Würgern die Zukunft gehört. Es geht stattdessen in der Auferstehung des Christus darum: Gott kommt zu seinem Recht. Und Er setzt sich vor aller Augen durch. Und erst recht setzt er die Opfer ins Recht.

Der Wittenberger Professor hätte sich nie damit abgefunden, wenn einer nur von einer geistigen Fortexistenz des Gekreuzigten gesprochen hätte. Vielmehr besteht dieser Lehrer der Kirche auf der neuen Leiblichkeit des Christus. Von der „anderen Gestalt“ des Auferstandenen ist im Markusevangelium (16, 12) die Rede. Von dorther speist sich Luthers glühende Hoffnung auf Erneuerung auch seiner Leiblichkeit. Sein Vertrauen in den Gott, der den Menschen mit Leib und Seele geschaffen hat, schreit nach der neue Leiblichkeit im Licht: „Wo Christus auch immer ist, da ist Licht!“.

Martin Luther entnimmt den Ostererzählungen des Neuen Testaments eine beispiellose Hoffnung: In der Auferstehung Jesu Christi ist die Macht des Todes spürbar und unwiderleglich gebrochen. Denn es geht beim auferstandenen Christus um Gott. Gott siegt in einem aufsehenerregenden Krieg, in einem schlimmen Kampf. Luthers Bild: Es ist der Krieg des erwürgten Christus gegen den Erwürger Tod. Hier steht Gott zu seiner Verheißung, es werde einmal mit dem Tod und dessen Herrschaft ganz und gar aus sein. Einmal wird aus dem Es-ist-Versprochen ein Es-ist-geschehen. Die dem Tod verfallene Welt und unsere Wirklichkeit werden ins ewige Leben verwandelt – in die „andere Gestalt“. Die Auferstehung des Gekreuzigten trägt unsere Auferstehung in sich. Und dem kann dann niemand mehr widersprechen. Der Auferstandene zieht uns durch den Tod zu sich: „Er reißet durch den Tod, / durch Welt, durch Sünd durch Tod, / er reißet durch die Höll, / ich bin stets sein Gesell“ (Paul Gerhardt). Und so versteht Luther das Ereignis des Ostertages als ein Kampfgeschehen, dessen Sieg nunmehr schon geschehen ist, aber erst in der Kraft der großen Auferstehung aller vollendet sein wird.

Für Luther ist der zweifelnde Jünger Thomas der wichtigste Oster-Zeuge. Und eben dieser sei vor der Erscheinung des Auferstandenen in die Knie gegangen. So wie ein Gläubiger aus dem Volk Israel vor der Erscheinung Gottes in die Knie geht. Und er habe das klarste Glaubensbekenntnis in der Begegnung mit dem lebendigen Christus ausgesprochen: „Mein Herr und mein Gott!“ (Johannes 20, 28). Und dieses Thomas-Bekenntnis nimmt der Reformator auf:

„Fragst du, wer der ist, / er heißt Jesus Christ, / der Herr Zebaoth / und ist kein andrer Gott / das (Kriegs-) Feld muss er behalten.“

Wer sich auf den kampferprobten Jesus verlässt, macht Erfahrungen mit Gott, die - wie bei Thomas - den Zweifel mildern oder gar ausräumen. Es sind schon jetzt Lebenserfahrungen, dass die Hoffnung größer ist als die Angst. Trotz der Bedrohungen bleiben Lebensbejahung, Zuversicht, Menschenfreundlichkeit. Nichts Menschliches wird mehr vergöttert. Auch unser eigener Kampf mit dem Tod kann und soll durchgestanden werden. Auch mein „Madensack“, wie Luther den Leib manchmal nennt, wird in die Auferstehung hineingenommen:

Ach, das ist der schöne Gesang, / von den alten Christen; die da singen: / Christ ist erstanden von seiner Marter allen, / des soll‘n wir alle froh sein, / Christ soll unser Trost sein. / Das unschuldige Lamm Christus / hat uns arme irrende Schafe mit seinem Vater versöhnt, / und ist ja ein wunderbarer Krieg, / dass Tod und Leben miteinander kämpfen, / und der Herr des Lebens stirbt, / aber dennoch wieder lebt und regiert.


Prof. Dr. Rolf Wischnath, April 2017
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