Zum Glauben gehört auch Wissen

Für reformierte Christen gibt es keine Instanz, die festlegt, was zu glauben ist. Was gelehrt und gepredigt wird, soll im Einklang mit der Bibel stehen. Darauf zu achten ist auch die Aufgabe jedes Gemeindemitglieds. Ein hoher Anspruch!

"Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort offenbart hat, ..." Der Heidelberger Katechismus (Frage 21) betont die Wichtigkeit des Wissens für den Glauben. Jedes Gemeindemitglied sollte so viel wie möglich wissen, damit es seinen Glauben begründen und weitergeben kann.

In der aktuellen Situation wird das aus verschiedenen Gründen wieder wichtig: Der christliche Glaube steht zunehmend in einem Wettbewerb mit anderen Religionen und Glaubensrichtungen und sieht sich den Fragen und Verdächtigungen kritischer Mitmenschen ausgesetzt.

Deshalb ist es wichtig, den 
D i s k u r s  über Glaubensfragen und theologische Zusammenhänge in den Kirchen zu beleben und sich in weltanschauliche Diskussionen einzubringen. Zu diesem Zweck haben wir einen BLOG eingerichtet. (gr)

''Kein Zurück zu einem exklusiven christlichen Westen''

Diskussion über das ''Europa der Religionen''

Michael Bünker, Generalsekretär der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE), Bischof der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich

Der Generalsekretär der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE), Michael Bünker, diskutierte mit Daniel Cohn-Bendit und Tariq Ramadan über das „Europa der Religionen“.

„Europa ist anders“, so Michael Bünker. Die Weltkriege, der Holocaust und die totalitären Regimes des 20. Jahrhunderts bedeuten eine schmerzhafte Vergangenheit. Nun gehe es darum, mit dieser Vergangenheit umzugehen. Hierbei könnten die Evangelischen Kirchen in Europa einen wertvollen Beitrag leisten. Dies sagte der Generalsekretär der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) am 24. Februar in der Podiumsdiskussion „Das Europa der Religionen“ im Wiener Burgtheater. Teilnehmer waren unter anderem der Europapolitiker Daniel Cohn-Bendit und der Islamwissenschaftler Tariq Ramadan.

Religion verschwinde keineswegs von der Bildfläche, so Bünker weiter. Dies komme zum Beispiel im jüngst geschlossenen Reformvertrag der EU zur Geltung. Dieser unterstreicht, im Gegensatz zur Betonung auf wirtschaftliche Zusammenarbeit früherer Zeiten, das „kulturelle, religiöse und humanistische Erbe“ Europas.

Die Evangelischen Kirchen in Europa können einen wichtigen Beitrag zur Versöhnung des Kontinents leisten. Für Bünker liegt die Stärke der Protestanten dabei im Erinnern der eigenen Vergangenheit. Aus diesem Wissen heraus wachse eine Sorge um gesellschaftliche und sozial Ausgegrenzte. Zudem seien die Protestanten aus ihrer Natur heraus stets kritisch gegenüber einer Politik, die sich zu weit von den Menschen entfernte. Die evangelischen Kirchen fordern daher eine integrative Gesellschaft, die auch Minderheiten Rechte und Chancen ermöglicht.

„Mit der Freiheit kommt für die Protestanten jedoch immer auch die Verantwortung“, betonte Bünker. Europa sei nie ein rückwärtsgewandtes Projekt gewesen. Deshalb gebe es für die Evangelischen kein Zurück zu einem exklusiven „christlichen Westen“. Die Protestanten würden immer ihre Werte und Vorstellungen einbringen. Die Vision eines gemeinsamen Europas könne jedoch nur dann gelingen, wenn auch die Werte und Vorstellungen anderer wahrgenommen werden. Aus diesem Miteinander werde Euroopa gestärkt hervorgehen, so Bünker. Jedoch: „Grundlegend dafür ist, dass sich alle an die Hausordnung Europas halten. Diese ist nicht verhandelbar“. Dazu zählten besonders die Universalität der Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. In diesem Sinne würden sich die evangelischen Kirchen in Europa an der Initiative der EU und des Europarates zum interkulturellen Dialog beteiligen.

Bünker: „Wenn das GEKE-Modell der ‚Einheit in versöhnter Verschiedenheit’ auch ein Modell für das sich vereinende Europa ist, dann wäre ich in diesem Sinne froh, wenn Europa protestantischer würde“.


Bern, 25. Februar 2008, Thomas Flügge (Pressesprecher)
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