Zum Glauben gehört auch Wissen

Für reformierte Christen gibt es keine Instanz, die festlegt, was zu glauben ist. Was gelehrt und gepredigt wird, soll im Einklang mit der Bibel stehen. Darauf zu achten ist auch die Aufgabe jedes Gemeindemitglieds. Ein hoher Anspruch!

"Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort offenbart hat, ..." Der Heidelberger Katechismus (Frage 21) betont die Wichtigkeit des Wissens für den Glauben. Jedes Gemeindemitglied sollte so viel wie möglich wissen, damit es seinen Glauben begründen und weitergeben kann.

In der aktuellen Situation wird das aus verschiedenen Gründen wieder wichtig: Der christliche Glaube steht zunehmend in einem Wettbewerb mit anderen Religionen und Glaubensrichtungen und sieht sich den Fragen und Verdächtigungen kritischer Mitmenschen ausgesetzt.

Deshalb ist es wichtig, den 
D i s k u r s  über Glaubensfragen und theologische Zusammenhänge in den Kirchen zu beleben und sich in weltanschauliche Diskussionen einzubringen. Zu diesem Zweck haben wir einen BLOG eingerichtet. (gr)

Kirchenzucht - Versuch einer Einordnung

Vorurteile, Tatsachen und Chancen

Wollte Calvin einen Gottesstaat grĂ¼nden? Ist die Kirchenzucht mit der Scharia zu vergleichen? Was hat die Kirchenzucht in den folgenden Jahrhunderten angerichtet? Was kann man trotzdem von Calvin lernen?

Die mit Calvin in Verbindung gebrachte "Kirchenzucht" ist ein Schlagwort, das nur zum Teil zu dem passt, was Calvin in Gang gesetzt hat. Was Calvin in Genf durchgesetzt hat, war, dass sich das Konsistorium (vergleichbar mit dem Presbyterium oder Kirchenvorstand heute) als eine Art Schiedsstelle oder auch Gerichtsbarkeit verstand, die innergemeindliche Konflikte zu lösen hatte. Dazu war es ab 1555 mit Sanktionsmöglichkeiten ausgestattet, die im schlimmsten Fall zur Ausweisung aus der Stadt führen konnten. Zuvor musste es sich auf Ermahnungen beschränken.

Auch wenn eine strikte Trennung zwischen der kirchlichen und der weltlichen Gerichtsbarkeit nicht umgesetzt wurde, war es doch Calvins  fortwährendes Ziel, Kirche und Staat in ihren Aufgabenbereichen zu trennen. Insofern ist der Vergleich mit der in muslimischen Ländern geltenden Scharia unpassend, die als "göttliches Recht" alle Bereiche des Lebens regelt.

Die Situation in Genf

Johannes Calvin kam 1536 nach Genf zwei Monate nachdem die Reformation per Ratsbeschluss eingeführt worden war. Schon zwanzig Jahre vorher hatte sich die Stadt aus der Bevormundung durch die Herzogen von Savoyen befreit, dann auch vom direkten Einfluss des Fürstbischofs. Von dem schon seit 1528 evangelischen Bern ging Druck aus, dass die verbündete Stadt Genf auch die Reformation einführen solle. Mit dem weiteren Schritt in die Unabhängigkeit entstand zu dem politischen auch ein kirchliches Machtvakuum: Welche Regeln sollten nun gelten? Manche Bürger nutzten die Freiheit zu einem zügellosen und rücksichtslosen Leben.

In dieser Situation setzten Pierre Viret und Guillaume Farel, die beiden Genfer Reformatoren, auf Calvin. Er sollte eine neue Ordnung entwerfen und durchsetzen helfen. Für kompetent wurde er deshalb gehalten, weil er durch die Veröffentlichung der "Institutio" (in ihrer ersten Fassung) bewiesen hatte, dass er klare Vorstellungen hatte und formulieren konnte. Zudem war Calvin studierter Jurist.

Die Protokolle der Sitzungen des Konsistoriums zeigen aber, dass die Ausrichtung der Verhandlungen und Entscheidungen vorwiegend seelsorgerlicher Art war. Erst nach mehreren Stufen der Ermahnung und Vermittlung konnten bei einer weiteren Eskalation oder Uneinsichtigkeit der Beteiligten ein Ausschluss - zunächst vom Abendmahl und dann aus der Gemeinde - die Folge sein. >>>mehr dazu von Michael Weinrich

Wirkungsgeschichte

In den folgenden Jahrhunderten nutzten in manchen Gegenden Europas die Presbyterien und Kirchenräte die "Kirchenzucht" als Mittel, den Gläubigen einen Moralkodex aufzuerlegen und diesen durch bis ins Privatleben eindringende Kontrolle durchzusetzen. Verbunden mit einer Theologie, der alle weltlichen Genüsse verdächtig waren, kam es zu Auswüchsen von Lebensfeindlichkeit und Gesinnungsterror. Auch der Puritanismus in Nordamerika hat seine Wurzeln in dieser Geisteshaltung. Diese Entwicklung ist aber keineswegs in allen reformierten Traditionen gleich. In anderen Regionen der Welt sind die Reformierten auch Vorreiter einer rational begründeten Ethik.

Kann man trotzdem aus Calvins Kirchenzucht etwas lernen?

So sehr Calvins "Kirchenzucht" Ordnung herstellen sollte, so sehr ist es auch ihr Ziel, die Konflikte offen auszutragen. Gegenüber der Gemeinde und der Öffentlichkeit wurde ein Konflikt in den ersten Stadien diskret behandelt, so dass niemand sein Gesicht verlieren musste. Für die Beteiligten war das Prozedere immer transparent und die Folgen des eigenen Handelns absehbar. Nicht Boshaftigkeit und Rachsucht leiteten die Verhandlungen, sondern das Bemühen um eine Lösung und den Frieden in der Gemeinde. >>>mehr dazu bei Barbara Schenck

Gemessen an unseren Vorstellungen von persönlicher Entfaltungsfreiheit mag die Ordnung und die kirchliche Rechtssprechung in Genf rückständig sein. Sie hat aber immerhin auch in hohem Maße den sozialen Frieden befördert, insofern auch wirtschaftliche Vergehen (Wucherzins, Betrug und Ausbeutung) angezeigt und verhandelt wurden. In der Evangelischen Kirche in Deutschland gibt es - angestoßen durch einen Synodenbeschluss der Evangelischen Kirche im Rheinland durchaus Konsens darüber, dass die Kirchenzucht in diesem Sinne weiterhin Anwendung finden sollte. Lediglich der Ausschluss vom Abendmahl wird nicht mehr als eine zeitgemäße Sanktion angesehen. >>>mehr dazu hier         


Georg Rieger
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Ein alter Begriff modern gedeutet

Hat Calvin die Menschen in Genf mit strengen moralischen Vorschriften tyrannisiert?
Die Postkarte 'Kirchenzucht' als PDF
 

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