Zum Glauben gehört auch Wissen

Für reformierte Christen gibt es keine Instanz, die festlegt, was zu glauben ist. Was gelehrt und gepredigt wird, soll im Einklang mit der Bibel stehen. Darauf zu achten ist auch die Aufgabe jedes Gemeindemitglieds. Ein hoher Anspruch!

"Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort offenbart hat, ..." Der Heidelberger Katechismus (Frage 21) betont die Wichtigkeit des Wissens für den Glauben. Jedes Gemeindemitglied sollte so viel wie möglich wissen, damit es seinen Glauben begründen und weitergeben kann.

In der aktuellen Situation wird das aus verschiedenen Gründen wieder wichtig: Der christliche Glaube steht zunehmend in einem Wettbewerb mit anderen Religionen und Glaubensrichtungen und sieht sich den Fragen und Verdächtigungen kritischer Mitmenschen ausgesetzt.

Deshalb ist es wichtig, den 
D i s k u r s  über Glaubensfragen und theologische Zusammenhänge in den Kirchen zu beleben und sich in weltanschauliche Diskussionen einzubringen. Zu diesem Zweck haben wir einen BLOG eingerichtet. (gr)

Stammzellenforschung in christlicher Perspektive - Heilung und Heiligkeit

ÖRK-Feature von Celia Deane-Drummond

Der sich rasch entwickelnde Bereich der Stammzellenforschung mobilisiert ungeheure Geldmengen an privaten und staatlichen Zuschüsse. Aber er wirft auch tiefgehende ethische Fragen zur gesundheitlichen Gerechtigkeit und zur Würde menschlichen Lebens auf.

Stammzellen können sich zu einer großen Bandbreite verschiedener Zelltypen entwickeln. Sie können gezüchtet werden, um Zellen zu produzieren, die denen verschiedener Gewebearten wie Muskeln oder Nerven exakt gleichen. Die Forschung in diesem Bereich konzentriert sich vor allem auf Therapien für verschiedene Krankheiten von Krebs bis Parkinson. Embryonale Stammzellenforschung erfordert die Zerstörung menschlicher Embryos, um an diese Zellen zu gelangen.

Etwa 40 Wissenschaftler/innen, Ethik-Experten/innen und Theologen/innen diskutierten entscheidende ethische und soziale Fragen in Bezug auf die Stammzellenforschung auf einer internationalen Konsultation, die vom 9. bis 11. November an der Volos-Akademie für Theologische Studien in Griechenland stattfand. Durch die Begegnungen unterschiedlicher Nationalitäten, Religionen und Kulturen fuhren alle Teilnehmenden mit einer veränderten Sichtweise nach Hause.

Dr. Fabian Salazar Guerrero aus Lateinamerika fand deutliche Worte: "Die Probleme, die hier diskutiert werden, haben weltweite Dimensionen. Aber die Menschen in den ärmsten Gegenden der Welt sind von dieser Diskussion ausgeschlossen. Dieser Zustand kommt einem langsamen, qualvollen Sterben gleich".

Was für die Menschen in den ärmsten Regionen der Welt auf dem Spiel steht, ist gesundheitliche Gerechtigkeit. Etwa 90 Prozent der weltweiten Gesundheitsausgaben werden für zehn Prozent der globalen Bevölkerung ausgegeben. Zugespitzt lautet die Frage: Warum wird so wenig in die Heilung der grundlegendsten, vermeidbaren Krankheiten investiert, wenn so hohe Beträge für die Stammzellenforschung verwendet werden? Dies gilt für alle Formen der Stammzellenforschung, unabhängig davon, ob sie adulte Stammzellen oder embryonale erforscht. Zu diesem Problem gesellt sich die Angst, dass es zu einer ungeregelten Stammzellbehandlung in Ländern ohne ausreichende rechtliche und Regulierungsstrukturen kommen könnte. Der Bedarf an Eizellen für die embryonale Stammzellenforschung hat bereits zu einer neuen Form der Ausbeutung von Frauen geführt.

Die Sorge um Ungleichheiten in den Forschungsausgaben war gekoppelt mit einem starken Verantwortungsbewusstsein. Prof. Aviad Raz äußerste sich aus jüdischer Perspektive: "'Wisse, vor wem du stehst, und wem du Rechenschaft ablegen wirst'... Der Gedanke geht zurück auf Moses, der vor dem brennenden Dornbusch in Midian steht. Stammzellen können unser brennender Dornbusch sein. Wir müssen erneut über Demut, Selbsterkenntnis und Rechenschaft im weiteren Kontext einer nachhaltigen Wirtschaft, der Umwelt, der Gleichheit bzw. Ungleichheit und sozialen Gerechtigkeit nachdenken. Wir sitzen alle im selben Boot."

Die ethischen und sozialen Schwierigkeiten zwangen die Teilnehmenden, ihre eigenen religiösen Traditionen tiefergehend zu betrachten. Eine Gemeinsamkeit fanden sie in der Bekräftigung des Lebens als Geschenk Gottes. Dies bedeutet in der Praxis, denen, die anders sind, aufmerksam und demütig zuzuhören. Ein Bewusstsein für die Bedeutung von Beziehungen und der starke Gemeinschaftsgeist in den Regionen der Erde, die von der High-Tech-Wissenschaft abgeschnitten sind, sind lehrreiche Mahnungen für westliche individualistische Gesellschaften.

Die Rhetorik der Stammzellenforschung, mit ihren Versprechungen längeren Lebens und "verbesserter" Menschen, hat keinen Bezug zu Ländern, die um ihr Überleben kämpfen. Gleichzeitig werden einige Länder durch das Prestige und durch lukrative Anreize von dieser Technologie angelockt. Prof. Un Hey Kim aus Korea stellte fest: "Die Frage, wer von der Stammzellenforschung profitiert, ist entscheidend, wird aber nicht angemessen erörtert." Die Stammzellentherapie könnte eventuell nicht der effektivste Ansatz für viele genetische Krankheiten sein, die von sozialen und Umweltfaktoren beeinflusst werden.

Ausgehend davon, dass der Mensch nach christlicher Überzeugung nach dem Bilde Gottes geschaffen ist, waren sich alle Teilnehmenden über die besondere Heiligkeit und Würde des Menschen einig. Allerdings konnten sich nicht alle anwesenden Christinnen und Christen der römisch-katholischen und orthodoxen Sicht anschließen, wonach der Mensch mit all seinen persönlichen Eigenschaften und seiner Seele von der Empfängnis an im befruchteten Ei enthalten ist. Trotzdem waren sich die Teilnehmenden darüber einig, menschliches Leben als von Anfang an von Gott gesegnet wertzuschätzen.

Alles menschliche Leben ist von einem tiefen Geheimnis des Seins umgeben. Pfarrer Prof. Vasileios Kalliakmanis sagte, das Christentum brauche zwar "heilige Regeln", gleichzeitig aber auch eine "ekklesiale Ökonomie", die ein "zeitweises Abschweifen davon" ermögliche. In bestimmten seelsorgerlichen Situationen sei Flexibilität gegeben. Dieser Gedanke beruht auf der theologischen Tradition der Göttlichen Ökonomie, die Gott als jemanden annimmt, dessen Heiligkeit immer durch Liebe und Gnade bestimmt ist.

Insgesamt war die Konsultation von gemeinsamem Ringen bestimmt. Stammzellforschung, einschließlich der neuesten Technologien, etwa mit Blick auf pluripotente Stammzellen, sind nur die Spitze des Eisbergs. Weitere biotechnologische Methoden zeichnen sich beispielsweise im Bereich der Nanotechnologie bereits ab.

Die Teilnehmenden waren sich einig, dass wenn die Kirche zu diesem Thema in der Öffentlichkeit die Stimme erhebt, Information unabdingbar ist. Wir müssen uns entschlossen in die Weisheit religiöser Traditionen vertiefen, um komplexe Entscheidungen zu treffen. Insofern als praktische Weisheit Diskussion, Beurteilung und Handeln beinhaltet, kann es sich keine religiöse Tradition leisten, inaktiv zu bleiben, denn Passivität bedeutet stillschweigendes Einverständnis.

Celia Deane-Drummond
ist Professorin für Theologie und Biotechnologie an der Universität Chester in Großbritannien.

ÖRK-Projekt "Glaube, Wissenschaft und Technik":
http://www.oikoumene.org/de/programme/gerechtigkeit-diakonie-und-die-verantwortung-fuer-die-schoepfung/glaube-technik-wissenschaft.html


Ökumenischer Rat der Kirche, Feature am 18. November 2009
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Ethische Überlegungen aus evangelischer Sicht: Hermann Barth, Wolfgang Huber, Ulrich Körtner, Hartmut Kreß

 

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