Zum Glauben gehört auch Wissen

Für reformierte Christen gibt es keine Instanz, die festlegt, was zu glauben ist. Was gelehrt und gepredigt wird, soll im Einklang mit der Bibel stehen. Darauf zu achten ist auch die Aufgabe jedes Gemeindemitglieds. Ein hoher Anspruch!

"Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort offenbart hat, ..." Der Heidelberger Katechismus (Frage 21) betont die Wichtigkeit des Wissens für den Glauben. Jedes Gemeindemitglied sollte so viel wie möglich wissen, damit es seinen Glauben begründen und weitergeben kann.

In der aktuellen Situation wird das aus verschiedenen Gründen wieder wichtig: Der christliche Glaube steht zunehmend in einem Wettbewerb mit anderen Religionen und Glaubensrichtungen und sieht sich den Fragen und Verdächtigungen kritischer Mitmenschen ausgesetzt.

Deshalb ist es wichtig, den 
D i s k u r s  über Glaubensfragen und theologische Zusammenhänge in den Kirchen zu beleben und sich in weltanschauliche Diskussionen einzubringen. Zu diesem Zweck haben wir einen BLOG eingerichtet. (gr)

Der Grund, da ich mich gründe ... Anmerkungen zum Fundamentalismus

von Paul Kluge, Leer

Von Fundamentalismus wird heute vor allem im Zusammenhang mit dem Islam gesprochen. Der Begriff aber entstammt dem Protestantismus des frühen 20. Jahrhunderts. Das Phänomen des Fundamentalismus ist religionsübergreifend.

„Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher Jesus Christus ist“ – heißt es im 1. Korintherbrief (3,11). In der lateinischen Übersetzung steht für „Grund“ das Wort „fundamentum.“ Die Frage ist, ob christlicher Fundamentalismus auf diesem Fundament steht oder auf einem anderen.

Nun ist „Fundamentalismus“ seit längerem schon ein Wort, das vor allem im Zusammenhang mit dem Islam genannt wird. Doch die Phänomene des Fundamentalismus sind in vielen Religionen und anderen Weltanschauungsmodellen anzutreffen. Seinen Ursprung hat der Begriff allerdings im Protestantismus: Er wird von einer 1910 -1915 erschienenen Schriftenreihe „The Fundamentals" abgeleitet, die auf schon vorhandene Strömungen innerhalb des Protestantismus reagierte. Herausgeber war der US-amerikanische Erweckungsprediger Reuben Archer Torrey (1856 – 1928). Er studierte an der Yale-University sowie in Leipzig und Erlangen. Nach dem Studium wurde er zum entschiedenen Gegner der damals aktuellen liberalen Theologie, der er als Student anhing.

Zu Beginn des 20, Jahrhunderts kam mit der Erweckungsbewegung der Fundamentalismus auch nach Deutschland und traf bei Gegnern des Liberalismus auf offene Ohren. Heute zählen innerhalb der EKD etwa 15 % der Gemeindeglieder zu dieser Richtung. Sie bezeichnen sich allerdings lieber als "evangelikal", "bibeltreu" oder "gläubig" – oder nennen sich schlicht „Christen.“ 

Schon die Selbstbezeichnung dieser Gruppierung macht ein Wesensmerkmal jeglichen Fundamentalismus' deutlich: Die Überzeugung, im Besitz der einzig gültigen Wahrheit zu sein. Diese Überzeugung basiert auf der Grundannahme, auf dem "Fundament" einer unfehlbaren und irrtumslosen Vorgabe mit Offenbarungscharakter. Dies ist für protestantische Fundamentalisten (vor allem) das Neue Testament, für katholische sind es die Dogmen, für jüdische das Alte Testament; im fundamentalistischen Islam ist es der Koran, und bei kommunistischen Fundamentalisten haben die Schriften von Marx bzw. Mao diese Funktion.

Von Anhängern eines Fundamentalismus wird erwartet, dass sie eine solche Schrift als die eine absolute Wahrheit anerkennen. Zweifel, Relativierungen, historisch-kritische Fragen, die die Texte in und aus ihrer Entstehungszeit zu verstehen trachten, sind nicht statthaft, eine Aktualisierung, also der Versuch, Fragen der Gegenwart mit den alten Texten in Beziehung zu setzen, ist unerwünscht.

Stattdessen gilt, dass die vorgegebene Schrift bereits für alle Zeiten gültige Antworten gegeben hat. Mit anderen Worten: die Wirklichkeit, wie sie ist, wird an der Schrift gemessen, und wo die Wirklichkeit nicht "passt", ist sie dem Vorgegebenen anzupassen. Es führt aber zwangsläufig zu einem Realitätsverlust, wenn nicht sein kann, was nicht sein darf, und „real existierendes“ Leben einfach ausgeblendet oder als „Sünde“ diffamiert wird.

Protestantische Fundamentalisten sagen von sich mit Recht, dass sie auf der Bibel als ihrem Fundament stehen. Sie zeichnen sich zumeist durch eine erstaunliche Kenntnis von Bibelworten aus und wissen diese virtuos anzuwenden. Dadurch wirken sie in Glaubensgesprächen oft überlegen. Doch es ist keineswegs so, dass der protestantische Fundamentalismus die ganze Bibel gleichwertig versteht. Vielmehr arbeitet er mit der Technik der "fettgedruckten Worte", unterdrückt ihm weniger wichtig erscheinende Textpassagen bzw. deutet sie seinem System entsprechend oft recht kunstvoll um.

Fundament christlichen Glaubens jedoch ist nicht die Bibel, sondern Christus. Ihn verkündigt die Bibel, er ist ihr Inhalt. Ein Bibel-Fundamentalismus aber erklärt die Verpackung zum Inhalt. Da Anhänger des Fundamentalismus nur eine Auswahl von Bibelworten kennen, bleibt von der „Verpackung“ nicht viel mehr als das Etikett.

Mit Ausnahme des jüdischen Fundamentalismus sind die anderen Fundamentalismen zudem davon überzeugt, dass die ihnen "offenbarte" Heilslehre, die nur ihnen bekannte absolute Wahrheit allen Menschen gilt und für alle Menschen gültig ist oder zu sein hat. Missionarisch-expansiv, zuweilen auch militant wird weltweit die Bekehrung der Ungläubigen erstrebt - und also eine Weltherrschaft. Fundamentalismus zeichnet sich nach innen (gegenüber seinen Anhängern) wie nach außen (gegenüber Andersdenkenden und -glaubenden) durch Totalitäts- und Absolutheitsanspruch aus. In jedem Fundamentalismus liegt daher eine Bedrohung des Friedens, erst recht in der Begegnung unterschiedlicher Fundamentalismen. Denn Andersdenkende sind aus fundamentalistischer Sicht grundsätzlich Feinde (der Wahrheit) und Vertreter des Bösen.

Aus einem fundamentalistischen System ergeben sich des Weiteren logischerweise folgende Charakteristika:

- Konservativismus und Antimodernismus (die aus der "Offenbarungsschrift" erkennbaren zeitgeschichtlichen Zu- und Umstände müssen erhalten oder wieder hergestellt werden)
- Determinismus (alles ist vorherbestimmt, das Welt- wie jedes Einzelschicksal)
- Rassismus und Sexismus
- Intoleranz und Autoritarismus
- Hierarchokratie und Personenkult
- Soziale Kontrolle und Sprachregelung
- ein fixiertes Weltbild und Wissenschaftsfeindlichkeit.

Zur (ideellen) Wissenschaftsfeindlichkeit, die sich auf Geistes-, Human- und Naturwissenschaften erstreckt, ist noch festzustellen, dass Fundamentalisten zur Durchsetzung ihres Zieles sich realiter geradezu hemmungslos wissenschaftlicher Forschungsergebnisse (etwa der Medien, aber genauso der Psychotechniken wie ggf. der Waffen) bedienen - hier heiligt der Zweck die Mittel.

Innerhalb des Fundamentalismus lassen sich drei Strömungen ausmachen. Zum ersten die dogmatisch-gesetzliche. In ihr bekommt die Offenbarungsschrift den Charakter eines Gesetzbuches, das für das Leben der einzelnen wie für Gesellschaft und Staat absolut verbindlich ist.

Daneben gibt es eine mystisch-charismatische Strömung. Hier spielen Bekehrungserlebnisse eine wichtige Rolle, und von den Gläubigen werden Selbsthin- bzw. -übergabe bis zur Selbstaufgabe erwartet.

Schließlich ist eine apokalyptisch-chiliastische Strömung erkennbar. Diese lebt von der Vorstellung, dass es vor dem Anbruch der endgültigen Heilszeit zur "Schlacht aller Schlachten" kommt, in der ein Endzeitprophet die "Heiligen" gegen den "altbösen Feind" zum schließlichen Sieg führt. Die in diesem Krieg getöteten Heilskämpfer werden nach dem Sieg als Märtyrer und Helden entsprechend belohnt.

Dieser grobe Überblick über das allen fundamentalistischen Richtungen Gemeinsame zeigt schon: Jeglicher Fundamentalismus ist menschenfeindlich und friedensgefährdend. Dennoch ist er für manche Menschen attraktiv.

Seine Anziehungskraft zieht jeder Fundamentalismus aus seinem schlichten Gut-Böse-Weltbild, aus der scheinbaren Unerschütterlichkeit seiner Logik (die auf einer irrationalen Grundannahme aufbaut), aus der Vortäuschung von Halt und Sicherheit und aus seinen geschickt inszenierten Großveranstaltungen.

Zielgruppe des Fundamentalismus sind unsichere, unselbständige Menschen, die ihre Selbstverantwortung nicht wahrnehmen können oder wollen, Menschen also mit dependenter Persönlichkeitsstruktur. Sie erleben es als Hilfe, sich einer Macht unterordnen zu können, empfinden das starre Weltbild als Sicherheit und Geborgenheit. Dadurch geraten sie in immer größere Abhängigkeit. Sie verlieren zunehmend den Blick für und den Bezug zur Realität, und der Kontakt zu anderen Menschen nimmt kontinuierlich ab. Schließlich bewegen sie sich nur noch unter Ihresgleichen, wo die gleiche Sprache gesprochen wird. Die „Schuld“ für ihre Isolation aber sehen sie bei der „bösen Welt“, sich selbst einerseits als deren Opfer und andererseits als über die Welt erhabene Elite. Parallelen zum Verhalten suchtkranker Menschen sind hier erkennbar.

Fazit: Wer auf dem Fundament der Bibel steht, kann kein Fundamentalist sein. Denn „einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher Jesus Christus ist.“

Weitere Texte zum christlichen Fundamentalismus auf reformiert-info unter Wissen > Glauben > Religion >>>


© Paul Kluge, Pastor i.R., Leer
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Christlicher Fundamentalismus als Phänomen der Moderne

Auf reformiert-info: kritische Analysen des Fundamentalismus mit seinem theologischen und politischen Schwarz-Weiß-Denken sowie dem imperialistischen Zug, dem Streben nach "Weltbeherrschung".
 

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