Zum Glauben gehört auch Wissen

Für reformierte Christen gibt es keine Instanz, die festlegt, was zu glauben ist. Was gelehrt und gepredigt wird, soll im Einklang mit der Bibel stehen. Darauf zu achten ist auch die Aufgabe jedes Gemeindemitglieds. Ein hoher Anspruch!

"Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort offenbart hat, ..." Der Heidelberger Katechismus (Frage 21) betont die Wichtigkeit des Wissens für den Glauben. Jedes Gemeindemitglied sollte so viel wie möglich wissen, damit es seinen Glauben begründen und weitergeben kann.

In der aktuellen Situation wird das aus verschiedenen Gründen wieder wichtig: Der christliche Glaube steht zunehmend in einem Wettbewerb mit anderen Religionen und Glaubensrichtungen und sieht sich den Fragen und Verdächtigungen kritischer Mitmenschen ausgesetzt.

Deshalb ist es wichtig, den 
D i s k u r s  über Glaubensfragen und theologische Zusammenhänge in den Kirchen zu beleben und sich in weltanschauliche Diskussionen einzubringen. Zu diesem Zweck haben wir einen BLOG eingerichtet. (gr)

Jesaja 6,1-13 - ein atemberaubendes Berufungserlebnis

Predigt am Pfingstsonntag, 12. Juni 2011 in der Reihe: ''Herausgerufene - Gottes befremdliche Aufträge''

von Uta Walger, Köln

Jesaja 6,1-13 in der Bibel in gerechter Sprache

1. Im Todesjahr des Königs Usija sah ich die göttliche Herrschaft auf einem hohen und erhabenen Thron sitzen, und ihre Kleiderschleppe füllte den Tempel.
2. Serafim  standen oberhalb um sie herum. Sechs Flügel – sechs Flügel hatte jeder: Mit zweien bedeckten sie ihr Gesicht, mit zweien bedeckten sie ihre Füße, und mit zweien flogen sie.

3. Und sie riefen einander zu und sagten: »Heilig, heilig, heilig ist Gott der Heere! Die ganze Erde ist erfüllt mit Gottes Glanz.«
4. Die Türschwellen erbebten von der Stimme der Rufenden, und das Haus füllte sich mit Rauch.
5. Da sagte ich: »Wehe mir, denn ich bin vernichtet, denn ein Mensch mit unreinen Lippen bin ich und inmitten eines Volkes mit unreinen Lippen wohne ich, denn meine Augen haben die königliche Hoheit, Gott der Heere, gesehen.«
6. Einer von den Serafim kam zu mir geflogen, in seiner Hand eine glühende Kohle, mit einer Zange vom Altar genommen.

7. Er berührte meinen Mund und sagte: »Sieh da, dies berührt deine Lippen, damit deine Schuld weicht und deine Sünde gesühnt wird.«
8. Und ich hörte die Stimme der göttlichen Herrschaft, wie sie sagte: »Wen soll ich schicken und wer wird für uns gehen?« Da sagte ich: »Siehe – ich! Schicke mich!«
9. Da sagte sie: »Geh und sprich zu diesem Volk: Hört nur, hört, aber versteht nicht! Und seht nur, seht, aber erkennt nicht!
10. Mach das Herz dieses Volkes fett, seine Ohren schwer und seine Augen verklebt, damit es nicht mit eigenen Augen sehe und mit eigenen Ohren höre, sein Herz könnte sonst verstehen, umkehren und sich selbst heilen!«
11. Da sagte ich: »Bis wann, du göttliche Herrschaft?« Sie sagte: »Bis dass die Städte verwüstet sind, unbewohnt, die Häuser menschenleer und das Ackerland verödet, eine Wüste.«
12. Dann wird Gott die Menschen weit wegbringen und das Landesinnere wird weitgehend verlassen sein.
13. Und ist noch ein Zehntel in ihm, wird es wieder weggeräumt, wie bei einer Eiche, wie bei einer Steineiche: Beim Fällen bleibt ein Stumpf. Heiliger Same ist der Stumpf.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Schöpfer und unserem Herrn Jesus Christus.

Liebe Gemeinde,

„…da wird auch dein Herz sein.“ So war die Losung des Kirchentages am vergangenen Wochenende in Dresden. Herzenssachen wurden da  besungen, gebetet, diskutiert, gepredigt.

Es geht einem schon zu Herzen, wenn hunderttausend Menschen singen: „Ich lobe meinen Gott, von ganzem Herzen.“ Es geht einem zu Herzen, selber Teil dieses Chores zu sein, mitzusingen, sich am vollen Klang zu freuen und an den vielen, die da rechts und links der Elbe zusammen feiern. Es ist der Abschlussgottesdienst, das letzte Lied des Kirchentages. Nun geht es, gestärkt und gesegnet, wieder nach Hause, für mich zurück nach Köln.

Am Montagmorgen der Blick in den Kölner Stadtanzeiger. Auf Seite 4 lese ich einen Kommentar zum Kirchentag: „Käßmanns Kinderkirche“ so der Titel, darin lese ich: „Die Käßmann-Kirche gefällt sich als Zitatgeberin für moralisches Allerlei mit christlicher Tünche.“ (KStA  6.6.2011)

Das ist ernüchternd, wenn in der Presse ein solches Bild vom Kirchentag  gezeichnet wird. Nicht Gotteslob und Fürbitte mit ganzem Herzen, nicht Diskurs über politisches Handeln und Weltverantwortung werden in den Blick genommen, sondern moralisches Allerlei mit christlicher Tünche – Kirchentag wird als Käßmanns Kinderkirche geschmäht. Willkommen zurück im Alltag.

Im Todesjahr des Königs Usija sah ich die göttliche Herrschaft auf einem hohen und erhabenen Thron sitzen, und ihre Kleiderschleppe füllte den Tempel.
Serafim  standen oberhalb um sie herum.
Sechs Flügel – sechs Flügel hatte jeder:
Mit zweien bedeckten sie ihr Gesicht, mit zweien bedeckten sie ihre Füße, und mit zweien flogen sie.

Und sie riefen einander zu und sagten: „Heilig, heilig, heilig ist Gott der Heere! Die ganze Erde ist erfüllt mit Gottes Glanz.“ Die Türschwellen erbebten von der Stimme der Rufenden, und das Haus füllte sich mit Rauch.

Die Berufung des Propheten Jesaja. Fast 2750 Jahre ist das her. Jesaja hat eine Vision. Er steht im Tempel vor dem Thron Gottes. Atemberaubend - alle Sinne, der ganze Mensch wird erfasst und überwältigt von der Gegenwart Gottes.

Was hier erzählt wird, das ist keine Geschichte vom lieben Gott, der mal freundlich vorbeischaut. Hier offenbart sich die Macht Gottes: gewaltig und überwältigend, größer als alles, was ein Mensch sich vorstellen kann. Und der Mensch vor Gott erkennt seine Unvollkommenheit, seine eigene Winzigkeit, seine Sünde.

„Wehe mir, denn ich bin vernichtet, denn ein Mensch mit unreinen Lippen bin ich und inmitten eines Volkes mit unreinen Lippen wohne ich, denn meine Augen haben die königliche Hoheit, Gott der Heere, gesehen.“

„Ich bin vernichtet!“ So vergeht Jesaja in Todesangst, weil er die Herrlichkeit Gottes geschaut hat. Aber mit einer glühenden Kohle reinigt ein Engel seinen Mund. Kein Schmerz, kein Tod. Der Mund verbrennt nicht. Stattdessen Reinigung, Schuld weicht, Sünde wird gesühnt - mit glühenden Kohlen.

Jesaja steht vor Gott. Und er kann Gott antworten, der nun fragt: „Wen soll ich schicken und wer wird für uns gehen?“ - „Siehe – ich! Schicke mich!“ So antwortet Jesaja und nimmt seine Berufung an.

Auf dem Kirchentag gab es keine atemberaubenden Berufungserlebnisse; wohl gab es einen Schauer beim Betreten der Frauenkirche. Es gab Gänsehaut, als der Kreuzchor mit seinen 150 Jungen das Vater unser von Oskar Wermann sang. Es gab die eine oder andere Träne beim Nachtgebet auf dem Altmarkt.

Und jetzt, zu Pfingsten, werden ein paar von uns ergriffen sein, ansonsten wird es ein ruhiges Fest, wie alle Jahre. Wir werden den heiligen Geist nicht brausen hören wie einen gewaltigen Wind, keine Zungen wie von Feuer werden sich auf uns setzen. Die Serafim werden schweigen und keine Spur von Rauch zu sehen sein. Es wird Feiertag sein, und danach kommt wieder der Alltag.

Und in diesem Alltag werden wir lesen, welche Vermögen sich die Mächtigen der Welt an Land ziehen und vor den Mitmenschen verstecken; welche Reichtümer verbrannt werden mit Luxusyachten und Waffenarsenalen; wir werden darüber lesen, dass 1/3 der Lebensmittelproduktion weltweit verdirbt, statt die Hungernden zu ernähren. Wir werden es in unseren Gemeinden erleben, wie die Schere zwischen Reich und Arm auch dort immer weiter auseinander geht. Und das Herz wird uns dabei schwer werden.

Nein, es ist keine Zeit, in der man mit moralischem Allerlei und christlicher Tünche etwas ändern wird. Der Kommentator des Stadtanzeigers hat recht, wenn er Ernsthaftigkeit und Relevanz anmahnt. Aber wäre das mächtige Wort Gottes aus dem Munde eines Propheten wirksamer? Würde es gehört, würde es erkannt?

„Geh und sprich zu diesem Volk: Hört nur, hört, aber versteht nicht! Und seht nur, seht, aber erkennt nicht! Mach das Herz dieses Volkes fett, seine Ohren schwer und seine Augen verklebt, damit es nicht mit eigenen Augen sehe und mit eigenen Ohren höre, sein Herz könnte sonst verstehen, umkehren und sich selbst heilen!“

Jesaja wird ausgesendet. Im 8. Jahrhundert vor Christus ist das. Da war Israel aufgeteilt in zwei Reiche  Israel und Juda. Die kommenden Großmacht Assur bestimmt die Politik. Die kleinen Länder schmieden Allianzen, um dem Untergang zu entgehen. Machtpolitik, Machtgeschacher ums Überleben. Auf Gott setzen die Menschen ihre Hoffnung nicht.

Und so soll Jesaja Zeuge sein in der Welt und Gottes Wahrheit laut ansagen. Aber wird die Botschaft gehört, wird die Wahrheit gesehen, geht die Wirklichkeit zu Herzen? Nein, denn Jesaja soll die Herzen der Menschen  verfetten, „verstocken“, wie  Martin Luther es übersetzt. Und ein verfettetes Herz taugt nicht mehr, genauso wenig wie blinde Augen und taube Ohren.

Tiefe Hoffnungslosigkeit spricht aus diesen Worten. Nein, es wird sich nichts ändern unter den Menschen, Macht und Gier werden weiter den Takt angeben. Und in diesem Takt werden die verstockten Herzen schlagen.

Auch wenn uns viele Jahrhunderte trennen, Weltreiche gekommen und gegangen sind, viel verändert hat sich nicht seit der Zeit des Jesaja: die Reichtümer  der Welt sind immer noch ungleich verteilt, die Herrschenden unehrlich und verschwenderisch, in vielen Ländern sind die Richter korrupt und ihre Urteile ungerecht, es gibt Gewalt und Krieg. Und statt auf Gott zu vertrauen wird sein Name missbraucht im Kampf um die Macht.

Jesaja erschrickt und fragt, wie lange es denn so gehen wird: So lange, bis alles  zerstört ist , bis das Unrecht sich selber tot gelaufen hat, bis alles verwüstet und nur noch ein kleiner Rest übrig ist

Ein schreckliches Bild, damals wie heute. Und doch sagt Jesaja den Menschen die Wahrheit. Denn die Wahrheit darf nicht schweigen, auch wenn sie bitter ist. Unrecht aufdecken, im Namen der Opfer die Stimme erheben, sich für Gerechtigkeit und Frieden einsetzen, Gott die Ehre geben.  

„Wo dein Schatz ist, da schlägt auch Dein Herz.“ So ein Kirchentag ist gut als Stärkung und Wegzehrung, als Vergewisserung und Ansage. Wie es auch die Prominenz auf solchen Veranstaltungen braucht - mögen Sie Margot Käßmann oder anders heißen. Ihre starken Worte werden mit Beifall bedacht oder hämisch kritisiert. Aber sie sind nur Begleiter auf einem Weg, den jeder und jede von uns selber gehen und verantworten muss. Jeden Tag aufs Neue.

Und, wie ist es mit unseren Herzen? Sind sie offen für Mahnung und Ansage, offen genug,  Schuld einzugestehen und die Richtung zu ändern?

Sind unsere Herzen offen für Gott und sein Wort? Hören wir  auch die leisen Töne Gottes?

Unsere Kirchen wandeln sich nicht in den Thronsaal Gottes, wo uns der Allmächtige in all seiner Herrlichkeit begegnet und zu uns spricht. Das Brausen vom Himmel erfüllt nicht unsere Häuser. Wir leben mit der Überlieferung des Wortes Gottes in der Bibel und mit den leisen Tönen Gottes.

Unser Predigttext entlässt uns mit dem Bild des Baumstumpfes, der wieder ausschlagen wird und wachsen kann. Ein Hoffnungszeichen. Gott lässt uns nicht ohne die Hoffnung leben, dass Umkehr und Neuanfang möglich sind. So  sendet er uns seinen Geist, dass unsere Herzen sich öffnen für Gott, für unsere Mitmenschen und die ganze Schöpfung.  Das ist unser Schatz und dafür schlägt unser Herz.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Uta Walger, Pfarrerinin Köln, Evangelische Kirchengemeinde Bickendorf

Predigt am Pfingstsonntag, 12. Juni 2011 in der Reihe:
"Herausgerufene - Gottes befremdliche Aufträge" -
Predigt-Gottesdienst nach reformierter Tradition in der Antoniterkirche, Köln 2011.
Flyer mit weiteren Terminen >>>

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