Zum Glauben gehört auch Wissen

Für reformierte Christen gibt es keine Instanz, die festlegt, was zu glauben ist. Was gelehrt und gepredigt wird, soll im Einklang mit der Bibel stehen. Darauf zu achten ist auch die Aufgabe jedes Gemeindemitglieds. Ein hoher Anspruch!

"Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort offenbart hat, ..." Der Heidelberger Katechismus (Frage 21) betont die Wichtigkeit des Wissens für den Glauben. Jedes Gemeindemitglied sollte so viel wie möglich wissen, damit es seinen Glauben begründen und weitergeben kann.

In der aktuellen Situation wird das aus verschiedenen Gründen wieder wichtig: Der christliche Glaube steht zunehmend in einem Wettbewerb mit anderen Religionen und Glaubensrichtungen und sieht sich den Fragen und Verdächtigungen kritischer Mitmenschen ausgesetzt.

Deshalb ist es wichtig, den 
D i s k u r s  über Glaubensfragen und theologische Zusammenhänge in den Kirchen zu beleben und sich in weltanschauliche Diskussionen einzubringen. Zu diesem Zweck haben wir einen BLOG eingerichtet. (gr)

Wir beten zu dir, allmächtiger Gott

Die Verantwortung Gottes für Leid und Tod

Einer der Transportwagons nach Auschwitz ist in der Gedenkstätte Yad Vashem ausgestellt (Foto: Rieger)

Wir können uns nicht vorstellen, dass Gott für Grausamkeiten und sinnlose Tode verantwortlich ist. Aber kann es denn sein, dass Gott nicht eingreifen kann? Warum beten wir ihn dann um Hilfe an? Oder tut er es aus Berechnung nicht? Warum bezeichnen wir ihn dann als den 'lieben' Gott?

Wann immer Katastrophen passieren und Menschen unvorstellbares Leid auferlegt wird, taucht die Frage nach der Verantwortung Gottes auf. Die kürzeste Form dieser Frage lautet schlicht „Warum?“. Etwas ausführlicher ausgedrückt: „Wie kann Gott das zulassen?“ Diese Frage geht davon aus, dass Gott es irgendwie hätte anders machen können. Ist das nur ein verzweifelter Wunsch? Oder beten wir in solchen Situationen mit Recht zu einem allmächtigen Gott, der in der Lage ist, uns zu helfen?

Hierüber ist angesichts verschiedener Anlässe ein theologischer Streit neu entflammt. Die Terroranschläge in den USA 2001, der Tsunami im Indischen Ozean 2004, die Atomunfälle in Japan und jüngst der Terroranschlag in Norwegen werfen die Frage auf: Dürfen wir Gott  die unschuldigen Opfer zum Vorwurf machen?

In früheren finsteren Zeiten war es insofern einfacher, als die Menschen andere Mächte als Gegenspieler Gottes kannten: die personifizierten Naturgewalten, Dämonen oder gar den Teufel. Je mehr der Mensch freilich in die Natur eingreift, desto mehr sieht er sich selbst in der Verantwortung. Die kausalen Zusammenhänge sind auch in manchen Fällen leicht erklärt und unbestreitbar: Umweltbelastung, Globalisierung und die Chancenungleichheit in der Gesellschaft tragen jedenfalls zu der einen oder anderen Katastrophe gehörig bei.

In den politischen und ethischen Kategorien ist es richtig und wichtig, diese Mitverantwortung anzusprechen. Doch in der theologischen und seelsorgerlichen Dimension ist der Verweis auf die Mitverantwortung des Menschen geradezu hämisch. Denn wenn wir uns mitschuldig fühlen, bringt das den Opfern gar nichts. Kein Mensch wird in der Lage sein, diese Katastrophe abzuwenden oder die Gewalt zu beenden.

Wenn sich die Betroffenen, die Überlebenden oder auch die solidarisch Betenden an Gott wenden, dann geht es nicht um Schuldanteile, sondern um Hilfe, um Erlösung und um Schicksale. Jede einzelne Menschengeschichte sucht nach einer Erklärung. So ist es ja nicht nur bei Mega-Katastrophen, sondern auch im alltäglichen Leben. Ständig passieren grausame und tragische Dinge, die uns völlig unerklärlich sind.

Nüchtern betrachtet ist es aber gar nicht außergewöhnlich, dass wir Gottes Willen nicht verstehen. Es ist sogar unsere alltägliche Erfahrung mit ihm. Genau das zeichnet uns als Gläubige aus, dass wir ihm trotzdem vertrauen. In extremen Situationen wird dieses Vertrauen freilich besonders strapaziert – und unter Umständen sogar erschüttert. Aber daraus zu schließen, dass Gott für bestimmte Vorgänge nicht mehr verantwortlich zu machen ist, mag unserem menschlichen Wunschbild von Gott entsprechen, logisch ist es nicht.

Wenn wir uns und Anderen Erlösung wünschen, dann müssen wir Gott auch die Macht dazu zutrauen. Wenn wir zu jemand beten wollen, der nicht nur Mitleid mit uns hat, sondern der uns beim Wort nehmen kann und unsere Wünsche erfüllen, dann braucht Gott die Macht dazu.

Die Psalmen sind eindrückliche Beispiele dafür, wie Menschen vor vielen Jahrhunderten schon mit Gottes Plänen und ihrem Ergehen haderten. Die Gebete der Bibel schlagen manchmal mitten im Satz um von der Verzweiflung in tiefes Vertrauen – und umgekehrt. Klar ist immer: Die da beten, beten zu einem Gott, dem sie alles zutrauen – dem allmächtigen Gott.

Georg Rieger

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Zwei weiterführende kurze Texte:

Gott hat freie Menschen erschaffen

Unter der Rubrik 'Religion für Einsteiger' findet sich auf evangelisch.de ein gerade diese Tage aktualisierter Artikel über die Allmacht Gottes, in dem es u.a. heißt: "Dass Gott für ein von Menschen verursachtes Unglück direkt verantwortlich ist, lässt sich zumindest logisch ausschließen. Gott hat nach biblischem Bekunden eindeutig freie Menschen erschaffen. Warum und wie sollte er sie dann lenken wollen, ihre Eigenverantwortung durchkreuzen?"  >>> weiterlesen

Quelle: Eduard Kopp und Bernd Buchner, Religion für Einsteiger, gefunden unter http://www.evangelisch.de/themen/religion/wo-warst-du-gott-das-leid-und-die-allmacht45387

Ein Allmächtiger hat das, was geschieht, auch bewirkt

Der Umgang der Kirche mit dem Tsunami ist für mich in der Tat ein Ausdruck der Sprachlosigkeit. Und einfach zu sagen, Gott habe ja nichts mit dem Wetter zu tun, schränkt die Allmacht Gottes ein. Es ist eine absolute Untiefe, Gott bei diesem Tsunami freisprechen zu wollen. Deshalb ist der Tsunami auch für den Religiösen fast schmerzhafter als für den Nichtreligiösen. Es gibt Leute, die sagen, das ist nicht Gottes eigenes Wirken, Gott hat das nur geschehen lassen. Aber jemand, der allmächtig ist, kann nicht etwas nur geschehen lassen. Ein Allmächtiger hat das, was geschieht, auch bewirkt. Und die Allmacht Gottes ist ein Teil unseres Glaubensbekenntnisses. Wir glauben an Gott den Allmächtigen. (...) Ich kann nur davor warnen, die Allmacht Gottes einfach so loswerden zu wollen. Das könnte bittere Konsequenzen haben. Denn, wenn ich seiner Zusage vertraue, dass er mich erlösen wird, dann muss ich auch an seine Allmacht glauben. Diese Zusage setzt ja eine Allmacht Gottes voraus. Sonst könnte er mich nicht erlösen.

Quelle: Homepage von Gunnar Jehle http://www.gunnarjehle.de/?vom-tsunami-und-der-allmacht-gottes,45&PHPSESSID=aac448ad15b07acecb9767aef81bb5db (Michael Roth, Professor für Systematische Theologie in Bonn im Gespräch mit dem Philosophen Herbert Schnädelbach)

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Magdalene L. Frettlöh, Magdeburg

Solange der auferweckte Gekreuzigte Gott mit der Frage konfrontiert: Warum? - Warum lässt Du dies Leid zu? hat auch unsere Frage ihren Ort in Gott selbst: »Wo warst du, Gott, in Buchenwald?«
 

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