Zum Glauben gehört auch Wissen

Für reformierte Christen gibt es keine Instanz, die festlegt, was zu glauben ist. Was gelehrt und gepredigt wird, soll im Einklang mit der Bibel stehen. Darauf zu achten ist auch die Aufgabe jedes Gemeindemitglieds. Ein hoher Anspruch!

"Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort offenbart hat, ..." Der Heidelberger Katechismus (Frage 21) betont die Wichtigkeit des Wissens für den Glauben. Jedes Gemeindemitglied sollte so viel wie möglich wissen, damit es seinen Glauben begründen und weitergeben kann.

In der aktuellen Situation wird das aus verschiedenen Gründen wieder wichtig: Der christliche Glaube steht zunehmend in einem Wettbewerb mit anderen Religionen und Glaubensrichtungen und sieht sich den Fragen und Verdächtigungen kritischer Mitmenschen ausgesetzt.

Deshalb ist es wichtig, den 
D i s k u r s  über Glaubensfragen und theologische Zusammenhänge in den Kirchen zu beleben und sich in weltanschauliche Diskussionen einzubringen. Zu diesem Zweck haben wir einen BLOG eingerichtet. (gr)

Versöhnte Verschiedenheit

40 Jahre Leuenberger Konkordie – auch in Lippe

Vortrag von Gerrit Noltensmeier vor der Synode der Lippischen Landeskirche im Juni 2013 - jetzt online.

Im Frühsommer dieses Jahres fand ich in einer großen Tageszeitung – im Feuilleton auf der ersten Seite- einen üppig illustrierten Beitrag zur Wiedereröffnung eines Hauses in einer deutschen Großstadt, das der Kunst gewidmet ist. Der Artikel trug die Überschrift „Die goldene Versöhnung“  (FAZ 8. Mai 2013). Fast war ich versucht, dem, was ich hier sagen möchte, diese Überschrift nun auch zu geben. Die Überschrift ist bei mir dann doch – wie sich das in Lippe gehört - etwas bescheidener ausgefallen. Aber um die Versöhnung soll es auch hier gehen.

In diesem Artikel fand ich dann die folgenden Sätze: „Von den einstigen Fehden und Streitereien ist heute nichts mehr zu spüren – im Gegenteil. Im Kosmos des neuen Hauses bilden die restaurierten Räumlichkeiten des … Malers keine düstere Gegenwelt, sondern einen Teil der Vielfalt, die sich vor den Besuchern ausbreitet. Kunstgeschichte, so erhält man den Eindruck, wurde lange genug als ein Entweder-Oder erzählt, als eine Schlacht zwischen Stilen, die einander ausschließen, als richtig und falsch, gut und böse , modern oder regressiv.“  So „Die goldene Versöhnung“. Müssen wir das Gesagte nur geringfügig modifizieren, um zu dem zu kommen, was uns heute Abend hier beschäftigen soll? So etwas euphorisch vielleicht, das mag am Anfang mal erlaubt sein.
Sagen wir also: Von den einstigen Fehden und Streitereien ist heute nichts mehr - oder besser: nicht mehr viel - zu spüren. Wir erleben in den Räumen des Glaubens eine reizvolle Vielfalt. Ja, die Geschichte der Kirchen, auch die Geschichte der protestantischen Konfessionen wurde lange genug, beschämend lang, als ein Entweder-Oder erzählt, als ein kämpfendes Ringen, positioniert  in Prägungen, die einander ausschließen, einander als richtig oder falsch,  als biblisch oder bekenntnistreu, so oder so reformatorisch begegneten.
Es geht hier – wohlgemerkt - um Gegensätze im Bereich der evangelischen, protestantischen Traditionen. Wir sind inzwischen gewohnt, in weiteren Horizonten zu denken: Evangelisch-katholische, die westliche und die orthodox östliche Christenheit, oder, noch weiter, der Dialog, die Verständigung zwischen den Weltreligionen. Und wir? Innerevangelisch? Provinzielles Klein-Klein?

1973 geschah es. Auf dem Leuenberg, einem kirchlichen Tagungszentrum in der Schweiz nahe bei Basel. Es  war der 16. März des Jahres, als man nach viel Arbeit, nach immer neuen Entwürfen, Studien und Papieren, nach einem weit ausholenden Konsultationsprozess in einer hochrangig und qualifiziert besetzten  Arbeitsgruppe lutherischer, reformierter und unierter Theologen, Wissenschaftlern und Kirchenleuten aus verschiedenen protestantischen Kirchen Europas und solchen, die ihnen im Bekenntnis verwandt waren, den Text einer Konkordie verabschiedete, ein Dokument  des Einvernehmens, dessen entscheidender  Ertrag so markiert werden mag:  die lutherischen, die reformierten und die aus ihnen hervorgegangenen unierten Kirchen, die dieser Konkordie zustimmen, stellen unter sich das gemeinsame Verständnis des Evangeliums fest. Dies ermöglicht ihnen, Kirchengemeinschaft zu erklären und zu verwirklichen. Und dieser Text wurde nun den protestantischen Kirchen Europas vorgelegt. Würden sie zustimmen? Ja, viele taten es, inzwischen sind es deutlich über hundert Kirchen. Einige in Lateinamerika kamen dazu. Sie haben deutsche Wurzeln. Die Lippische Landeskirche steht als erste da in der Liste der Unterzeichner, vor all den anderen Kirchen, die unterschrieben haben. Dazu kommen wir noch.

Frühjahr also 1973. Ist die Konkordie ein Kind ihrer Zeit, dieser Zeit damals? Gewiss, das auch. Man braucht kein Rechenkünstler zu sein, um festzustellen: Das Jahr 1968 lag damals nicht so weit zurück. Man spürte die großen Brüche der Traditionen;  die einen genossen das, andere litten darunter. Manche schüttelten im Gefühl großer Befreiung die engen Fesseln steriler Dogmatik in vielen Lebensbereichen ab, entdeckten Eigenes, individuell, subjektiv, wanderten aus, heraus den traditionellen Lagern. Bildeten neue Zirkel. Oder verfielen neu den alten Ideologien, die von der Freiheit der Kinder Gottes nichts wissen. Konfession? Da witterte mancher  gleich den abständigen Konfessionalismus, ein Schreckgespenst aus den Rumpelkammern längst vergangener Zeiten. Plunder. Da, wo um uns herum Traditionen verblassen, Elementares zu verdunsten scheint, müsste es doch gelingen, gemeinsam den elementaren Herausforderungen einer neuen Zeit zu begegnen, in neuer Offenheit füreinander und für die Welt, die als Herausforderung zur gemeinsamen Verantwortung erlebt wird, in Treue auch zu dem, was den Glauben im Innersten trägt und Kirche gründet ohne all die ausziselierten theologischen Feinheiten, die ohnehin kaum noch jemand versteht. So dachten manche und suchten Gefährten. War es an  der Zeit, auch hier den Muff und den Staub, der sich in Jahrhunderten abgelagert hatte, weg zu pusten, abzuräumen? Gleichgültigkeit und Provokation lagen in der Luft, das Bangen und die Lust am Aufbruch begegneten sich. Das Ringen um Gemeinsamkeit in unübersichtlicher Zeit legte sich denen nahe, die Unverzichtbares retten wollten.
Waren sie alle anno 1973 Kinder ihrer Zeit? Die da auf dem Leuenberg und die, die sie begleiteten? Gewiss, was denn sonst?  Und doch zugleich Erben, Nachfolger, Staffelläufer in einem Prozess, der lange zuvor begonnen hatte. Die ökumenische Bewegung war längst zu einer Kraft der Erneuerung, des Suchens und Findens geworden, zu einem Lichtblick in der gelegentlich düsteren Kirchengeschichte. Und hatte nicht die Bekenntnissynode in Barmen 1934 die Erfahrung geschenkt, dass es gut ist zusammenzustehen, wenn der Ungeist und das Unrecht die Horizonte verdüstern, die Erfahrung auch, es gelingt, das Notwendige gemeinsam zu sagen. Uns verbindet mehr als uns trennt. Davon gingen sie aus, das fanden sie bestätigt im gemeinsamen Studium der Schrift, in unzähligen Dialogen, in der gemeinsamen Mühe um das Tun des Rechten und des Gerechten. Es war nicht flüchtige Mode, es war längst tief verwurzelt bei und in denen, die nicht einfach fortschreiben wollten und konnten, was überkommen war.
Einheit? Kirchengemeinschaft? Verschiedene Modelle, realistisch oder eher utopisch, wurden entwickelt, bewährten sich, wurden verworfen. Auf dem Leuenberg ging  man einen eigenen, zukunftsfähigen Weg. Man beschränkte  sich zunächst auf die protestantischen Kirchen Europas. Das allein konnte schon mühsam genug werden. Man konzentriert sich auf die Zentren der theologischen Arbeit, fragte nach der Mitte der Verkündigung und des kirchlichen Lebens: Predigt des Evangeliums, Sakramente. Das hat seinen Anhalt an der Confessio Augustana. So findet es sich auch in reformierten Bekenntnisschriften – etwa der Confessio Helvetica Posterior. Und da fand man zusammen. Kirchengemeinschaft ist uns im gemeinsamen Verständnis, das in dem reformatorischen Bekenntnis von der Rechtfertigung allein aus Glauben Mitte und Horizont bekommt, gegeben, ist längst geschenkt. Und Vielfalt, die sich dem zuordnet,  ist Reichtum, ist in diesem Horizont der Fülle der bunten Gnade Gottes zu verdanken, die uns in der Schrift geschenkt wird. Keiner kann sie ausschöpfen allein für sich, keiner hat da etwas für sich gepachtet. Keine  Kirche kann für sich allein Kirche sein. Vielfalt wird insbesondere im gottesdienstlichen Leben, in den Ausprägungen der Frömmigkeit und in den kirchlichen Ordnungen erlebt. Kirchentrennend ist das alles nicht. Sagt man nun. Und viele hatten es bisher anders empfunden, erlebt. Gewiss, man verschloss die Augen nicht vor der Wucht der Kontroversen von einst. Da gab es ja die massiven gegenseitigen Vorhaltungen, die Verwerfung dessen, was andere bekannten. Man stellt sich den Themen der großen Kontroversen: Abendmahl, Christologie, Prädestination. Manches war einst ein Missverständnis. Sagte man jetzt. Doch durchaus nicht alle Verwerfungen waren einst unangemessen. Heute aber, heute treffen sie den Partner nicht mehr.
Kirchengemeinschaft also. Aber das, was geschenkt ist, was Vorgabe ist, was jetzt befreit anerkannt wird, ist zugleich Aufgabe, Verpflichtung. Indikativ und Imperativ, wir kennen das, gehören auch hier notwendig zusammen. Das Anerkennen und das Bekennen, das Feststellen dessen, was gewachsen ist, und die Erwartung, gemeinsame Weiterarbeit wird die Gemeinschaft vertiefen und bestärken.

Und in Lippe? Die Lippische Landeszeitung brachte am 7. Juni 1973 – also vor 40 Jahren und 5 Monaten -  die große, fett gedruckte Überschrift: „Lippische Landeskirche ist wieder einmal schneller als alle anderen“. Es bleibt mir verborgen, bis heute, worauf sich das „wieder einmal“ eigentlich bezog. Bei dem Menschschlag hierzulande geht es doch eher bedächtig zu. Und in unserer Kirche  ja eher auch. Gelegentlich mag das, was allzu behende ausschreitet,  ja auch verdächtig sein. Gelegentlich ist es gut, wenn die Dinge in Ruhe wachsen und reifen  können ohne bemühte Beschleunigung. Aber hier waren die Lipper wirklich die ersten. Das mag an den Terminen der Synoden gelegen haben. Aber gewiss nicht nur. Man war gut vorbereitet: Die Lippische Landessynode hatte bereits 1970 zu einem Vorentwurf der Konkordie Stellung genommen. Die Synode hatte im  November 1970 erklärt, dass Thesen zur Kirchengemeinschaft vom 4. Mai 1970 „für die Herstellung von Kirchengemeinschaft eine ausreichende Grundlage zwischen lutherischen, reformierten und unierten Gemeinden bieten.“  Wie gut, dass dies nicht das letzte Wort in der Sache blieb. Denn dies wäre ein peinlicher theologischer Betriebsunfall  geblieben: „Herstellung von Kirchengemeinschaft“. Die Sprache der Macher passt nicht überall. Von noch so braven Christenmenschen wird hier nicht hergestellt, was doch Gottes Gabe ist. Und dann unsere Aufgabe wird und bleibt. Und zudem:  konnte man hier in Lippe nicht mit gutem Grund der Überzeugung sein: Wir haben doch Kirchengemeinschaft verschiedener Konfessionen, lange schon?!  Sie ist unsere Wirklichkeit. Warum also nicht zustimmen? Ganz schnell! Warum sollten wir dies nicht mit anderen evangelischen Kirchen in Europa teilen? Ja, seit 1605 gibt es hier zwei protestantische Konfessionen. Erst hatten sie Mühe, einander zu ertragen, waren einander eine Last, kampfeslustig, streitbar.  Dann lernten sie, gemeinsam Kirche in dieser kleinen Region zu sein, fanden gar in einer Synode zusammen, die Reformierten zunächst, dann schlossen sich 4 Jahre später auch die 4 lutherischen Gemeinden von damals an (1878 und 1882). Man hatte längst eine gemeinsame Kirchenleitung, den Landeskirchenrat, eine gemeinsame Verfassung mit einem theologisch-geistlichen Vorspruch, der die tiefe Gemeinsamkeit bestimmt.
Und doch, leicht war es nicht immer, nahe war man sich nicht durchweg. Im Frühjahr  hat Frank Walter Steinmeier bei der entsprechenden Jubiläumsveranstaltung in Berlin auf seine Kindheit und Jugend hier im Lipperland zurückgeblickt. Und wenn man in kirchengeschichtlichen Dimensionen denkt, ist das so lange ja gar nicht her. Er sprach davon  am 17. März im Berliner Dom. Da beschrieb er recht liebevoll, mit leiser Ironie wohl auch die Schlichtheit der reformierten Kirchen, die sehr ausführlichen Predigten dort. „Das war meine Welt“, so sagte er, „und daneben gab es keine andere bis zum Ende der Grundschulzeit. In der Oberschule ging es dann in die nächstgrößere Stadt.“ Das war Detmold, fügen wir hinzu. Und  weiter Steinmeier: „Auch die war überwiegend reformiert, aber eben nicht nur. Es gab eine lutherische Kirche. Und für uns Kinder und schon Jugendliche war das eine andere Welt. Die Lutherischen schienen uns genau so fremd wie die Katholiken. Oder noch anders: Das Reformierte war das Normale, die lutherische Kirche die „andere“ Kirche, oder die Kirche der „Anderen“, weil es Katholiken nicht gab.“ So Steinmeier. Ja, so war es. Wer das Glück hatte, etliche Jahre in Lemgo zu leben, konnte die Geschichte auch unter umgekehrten Vorzeichen hören. Und all die Vertriebenen, die aus durchweg lutherischen oder unierten Landen kamen, würden eigene Geschichten erzählen. Auch da gäbe es die „anderen“, die Begegnung mit dem Befremdlichen in der einen evangelischen Kirche. Das ist anders geworden, ganz anders, auch und gerade im Bewusstsein der Leute, ganz abgesehen von der kirchlichen Verfassung und den kirchlichen Ordnungen. Leuenberg war hier ein Doppelpunkt. Michael Weinrich hat unlängst in einem Vortrag dieses treffende Bild vom Doppelpunktes benutzt: „Die Leuenberger Konkordie ist weniger als eine konzise Statuierung eines bereits theologisch feinjustierten Einvernehmens zu verstehen, sondern eher als ein hinreichend abgestimmter Doppelpunkt zu einem Prozess.“ (1)
Damals hat die Lippische Synode einstimmig und – so scheint es - auch einmütig beschlossen, der Konkordie zuzustimmen. Schon am Tag drauf ging der Brief nach Genf ab, an den Ökumenischen Rat der Kirchen. So schnell teilte man den Beschluss mit. Die Lippische Landeskirche war die erste.
Sieht man das Synodalprotokoll von damals durch, merkt man, sie haben sich nicht schwer getan. Liest man die Namen derer, die da das Wort genommen haben, liest man in der Kurzfassung des Protokolls, was sie beigetragen haben, meint man, mit etwas Rührung im Herzen, sie wirklich zu sehen und zu hören, die von damals. Der Landessuperintendent empfahl die Zustimmung. Mit Nachdruck! Es gäbe zwar noch Fragen, die weiter zu klären seien, meinte der lutherische Superintendent, die Annahme aber sei zu empfehlen und zu begrüßen; Konkordie, da gehe es um „herzliche Gemeinschaft“.  Ein reformierter Superintendent warnte vor voreiliger Euphorie, es gäbe doch heute Fragen, die die gleiche Trennschärfe wie die Fronten des 16. Jahrhunderts hätten, die Behauptung etwa, Jesus sei im Mitmenschen auferstanden. Da seien die alten Kontroversen doch unerheblich. So war auch er für die Zustimmung. Einer, der damals zu denen gehörte, die man mal die Evangelikalen nennen würde, meinte, bisher habe der evangelischen Christenheit ein richtungweisendes Wort wie die Konkordie gefehlt. „Nun ist es da“. So oder so, sie alle waren dafür, und das war ja auch gut so. Sie haben weise und zukunftsweisend entschieden.
Nur 9 Jahre später folgte konsequent der nächste Schritt: Die Landessynode beschloss, in den §1 der Verfassung den Satz aufzunehmen: „Zwischen ihnen (den Gemeinden der Landeskirche) besteht Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft im Sinne der Leuenberger Konkordie. Sie erstreben möglichst große Gemeinsamkeit in Zeugnis und Dienst.“ Auch bei der späteren Verfassungsreform ist diese Aussage wortgleich erhalten geblieben.

Und der Doppelpunkt? Die so verbundenen Kirchen haben sich auf der europäischen Ebene etabliert. Aus der Leuenberger Familie wurde die GEKE,  die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa. Das ist für Außenstehende nun wirklich etwas verständlicher! Sie wurde nun auch die Stimme des europäischen Protestantismus in Europa, nicht immer sehr vernehmlich - aber immerhin. In ihr sind die einzelnen Kirchen in regionalen Netzwerken nachbarschaftlich verbunden. Man hat die Verpflichtung von damals aufgenommen und Lehrgespräche initiiert und geführt und meist mit beachtlichen Ergebnissen abgeschlossen. Ob sie bei uns über den theologischen Ausschuss hinaus gedrungen sind? Ich glaube: Eher nicht.

Und Lippe? Der Doppelpunkt?

Haben wir die Verschiedenheit hinlänglich fruchtbar gemacht, den Reichtum ausgeschöpft? Blieb man nicht doch sehr oft lieber unter sich, um ungestört das Eigene zu pflegen? Ist es gelungen, den Reichtum der Verschiedenheit anderen zu vermitteln, die etwas ratlos fragten: Was soll denn das? Haben wir der Versöhnung deutlich genug entsprochen, wenn hier und da doch eigentlich das Streben  nach Macht und Einfluss der eigenen Seite betrieben wurde, nach Posten auch, wenn kleine, eigene Vorteile zu Lasten der anderen gesucht und berechnet wurden?  Wurden auch Animositäten gepflegt, Vorurteile auch? Ja, das alles auch. Und doch und viel deutlicher: Wie viel geschieht Tag für Tag in größter Selbstverständlichkeit in großer Gemeinsamkeit?! Ich zähle das nicht auf. Und die Leuenberger Konkordie hat dazu beigetragen. Wie gut.

Wir haben von dem „Doppelpunkt“ gesprochen, der vor 40 Jahren gesetzt wurde. Und 40 Jahre später? Heute? Wir werden nicht in der Versuchung sein zu meinen, nun sei ein Punkt zu setzen. Eher wohl gilt es, den Doppelpunkt fortzuschreiben, erneut zu setzen. Dankbar für all das, was gewachsen ist. Und der Verpflichtung treu, die im Geschenk auf den Weg gegeben ist.

Zweierlei unterstreiche ich in einem Schlussteil:

1. Ich halte einerseits die Gemeinsamkeit in der theologischen Konzentration fest, die damals ein neuerliches „satis est“, das ist genug, bedeuten sollte. Mehr braucht es nicht zum Kirche sein. Es wäre damals durchaus über das hinaus, was man anerkannte und bekannte, manches weiter zu sagen gewesen. Etwa von der Kirche Jesu Christi. Beliebig ist ihre Ordnung und Gestalt ja nicht. Und mit gutem Grund hängen wir gemeinsam an der recht verstandenen und praktizierten presbyterial-synodalen Ordnung. Die Fülle der intensiven Lehrgespräche, die nach 1973 folgten und die theologische Bedeutung dessen, was man da gemeinsam erarbeitet hat, macht dies ja deutlich, dass es mehr zu sagen gibt. Aber als Ausdruck der Kirchengemeinschaft und als Wille zur Kirchengemeinschaft hat es gereicht, was damals als bindende Mitte und als befreiende Wahrheit beschrieben wurde. Und bei unserem Fragen nach der Mitte, den Prioritäten unseres Redens und Tuns, mag dies wegweisend bleiben. Die Botschaft  von der Rechtfertigung als Botschaft von der freien Gnade Gottes. Solche Botschafter sind wir. In Predigt und Seelsorge, Bildung und Unterricht, in Mission und Diakonie. Der Schrift verpflichtet und zugleich auf der Höhe der Zeit, Leute der Kirche und zugleich persönlich berufen. So gibt es diese Botschaft nicht in den Konserven zu finden; sie will durch uns hindurch, durch uns als Lehrerinnen und Lehrer, Pastorinnen und Pastoren, Kirchenälteste, Menschen halt, die ihre Kirche ein wenig liebhaben, von dem Wort nicht lassen wollen, will in der konkreten Situation und im Horizont der Mitchristen  nah  und fern ausgerichtet sein. Es gilt dabei die tägliche Umkehr und Erneuerung. So befreit Gott Menschen zum verantwortlichen Dienst in der Welt von heute. In der Nähe und in der Ferne. Und in der Taufe und im Abendmahl werden Gabe und Aufgabe dem Menschen in besonderer Weise zugeeignet. Prioritäten sind dies. In gesammelter Klarheit.

2. Lassen Sie mich schließlich nochmals das große, gültige Wort von der „versöhnten Verschiedenheit“ aufnehmen. Wir hatten damit begonnen. Eigentlich wurde diese Wendung nicht durch die Konkordie in die Welt gesetzt. Sie fand ihre Ausprägung ein Jahr später, 1974. Die Delegierten der ökumenischen Kommission für Glaube und Kirchenverfassung waren in Salamanca beisammen, fragten nach dem Weg der konfessionellen Weltbünde und schrieben in ihrem Abschlussbericht: „Konfessionelle Loyalität und ökumenische Verpflichtung sind kein Widerspruch, sondern sind eins –so paradox das klingen mag. Wenn die bestehenden Unterschiede zwischen Kirchen ihren trennenden Charakter verlieren, dann entsteht die Schau einer Einheit, die den Charakter der „versöhnten Verschiedenheit“ besitzt“. (2)  In diesem Zusammenhang wird Leuenberg als Exemplum erwähnt. So mag einerseits Leuenberg  solche Formulierungen inspiriert haben, so mag andererseits diese Formulierung Leuenberg prägnant auf den Punkt bringen. Versöhnte Verschiedenheit: Hier gilt es, die Balance zu halten, die Gratwanderung jeweils aktuell zu bestehen: Versöhnung, die dazu befreit, die christlichen Geschwister, die andere Farben tragen, andere Prägungen zu erkennen geben, andere Neigungen pflegen, die - wie auch wir, nur eben anders - ihre Macken und Spleens haben, nicht als Widersacher zu begreifen. Verschiedenheit, die nicht nivellieren möchte, die  Einheit nicht  mit der Einförmigkeit  verwechselt. Versöhnte Verschiedenheit: Dieses gnädige Geschenk Gottes könnte doch in einer zerklüfteten Welt ein Modell sein, das dazu hilft, jeweils auszuloten, wie tief die Gemeinsamkeiten zwischen den Streitenden sein könnten, wie die Fratzen der Vorurteile weichen und Gesichter lesbar werden. Ist Europa, so schwer man sich gerade jetzt da manchmal  tut, insgesamt auf diesem Weg? Es mag keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen der Konkordie und dem ökumenischen, grenzüberschreitenden Weg unserer kleinen lippischen Kirche geben. Aber beides mag in e i n e Richtung weisen: Der Geist der Versöhnung, der subversiv in dem einst geteilten Europa die Grenzen der feindlichen Ideologien unterwanderte, die Geschwister im Osten suchte und nicht lassen wollte. Der Geist der Versöhnung, der die Lasten der Geschichte nicht leicht nahm und doch der Kraft der Vergebung und der erneuernden Kraft des Heiligen Geistes traute. Wie erschütternd und beglückend etwa in Polen, dort, wo das Ghetto einst der reformierten Kirche benachbart war, wo die Menschen in der Gemeinde noch die Befehle in der deutschen Sprache im benachbarten Ghetto im Ohr hatten, gemeinsam Gottesdienst zu feiern, gar in der deutschen Sprache predigen zu dürfen. Und weiter noch  in die Ferne: Wie bewegend, im westlichen Afrika an den Stränden der großen Meere das Sklavenfort zu besuchen und heute dort Geschwister zu finden, so anders als wir, so groß die Verschiedenheit. Und doch gelebte Versöhnung.

Und nun 40 Jahre danach. Manche denken daran, die Konkordie könnte ein gemeinsames Bekenntnis sein, das in der EKD verbindet. In diese Gespräche bin ich nicht mehr verwickelt. Mit etwas Abstand freilich meine ich: Man sollte die Konkordie selbst beim Wort nehmen. Sie erklärt ausdrücklich von sich selbst: „Sie versteht sich nicht als ein neues Bekenntnis.“
Die Unterschiede zwischen den protestantischen Konfessionen haben an Bedeutung verloren. Andere Differenzen mögen schmerzlich sein. Den Weg freilich in die Union mochten wir hier (bisher?) aus guten Gründen nicht gehen. Und leben mit den kleinen und größeren Verschiedenheiten eine Kirche. Weist dies Modell über sich selbst hinaus, hinein in eine weitere  Ökumene? Es gehört zu den schönen Kapiteln der Kirchengeschichte, unter dieser Überschrift eine kleine Wegstrecke der Kirche zu beschreiben: Versöhnte Verschiedenheit.

Erinnern Sie sich noch: Das Haus der Kunst, das einen Berichterstatter an die „Goldene Versöhnung“ denken ließ?
Ist es die Kunst des Glaubens, unsere Häuser so zu renovieren, dass in ihren verschiedenen Räumen gelegentlich der Glanz der „Goldenen Versöhnung“ aufscheint.

(1) Michael Weinrich: Die Leuenberger Konkordie heute. Eine reformierte Perspektive. Vortrag in Braunschweig am 26. Januar 2013. Noch unveröffentlicht.
(2) Zitat nach Harding Meyer: Ökumenische Zielvorstellungen, Bensheimer Hefte 78, Göttingen 1996, S. 143. Den Hinweis auf diese Veröffentlichung verdanke ich dem o.g. Vortrag von Michael Weinrich. 

Artikel, die aus der Leuenberger Konkordie gelesen werden:
Nr. 1
Nr. 6 – 10
Nr. 27 – 28
Nr. 11
Nr. 29 + 35


Landessuperintendent i.R. Pfr. Gerrit Noltensmeier, Juni 2013
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Konkordie reformatorischer Kirchen in Europa 16. März 1973

Mit der Leuenberger Konkordie haben lutherische, reformierte und unierte Kirchen Europas in der Bindung an die sie verpflichtenden Bekenntnisse und unter Berücksichtigung ihrer Traditionen die theologischen Grundlagen ihrer Kirchengemeinschaft dargelegt und einander Gemeinschaft an Wort und Sakrament gewährt. Dies schließt Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft und die gegenseitige Anerkennung der Ordination ein. Die Leuenberger Konkordie ist als Dokument ökumenischer Gemeinschaft von allen Kirchen angenommen worden.
Peter Bukowski plädiert für einen ökumenischen Realismus

In einem Gespräch mit dem Journalisten Rüdiger Durth (Berlin) plädierte der Moderator des Reformierten Bundes für einen „ökumenischen Realismus“.
Interview mit Peter Bukowski

In einem Gespräch mit dem Journalisten Rüdiger Durth (Berlin) plädierte der Moderator des Reformierten Bundes für einen „ökumenischen Realismus“ und für ein „Gespräch darüber, wie Ökumene angesichts nicht auszuräumender Lehrunterschiede gedacht und mit noch mehr Leben gefüllt werden kann“.
Am 16. März 1973 wurde auf dem ''Leuenberg'' in Baselland, Schweiz die Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft zwischen Lutheranern, Reformierten und Unierten in Europa in einer Konkordie ''besiegelt''.

"Aus konfessioneller Gegnerschaft ist eine sich bereichernde Gemeinschaft gewachsen. Wir leben 'Einheit in versöhnter Verschiedenheit'", schreibt Peter Bukowski zu Beginn des Jahres 2013 über die Wirkung der Leuenberger Konkordie. In der Gemeinschaft der verschiedenen evangelischen Kirche sei Konfessionalität ein "Ressource". Die "eigene Prägung wird als Bereicherung für das Ganze evangelischen Kirche-Seins eingebracht", so der Moderator des Reformierten Bundes, der als solcher von 1996 bis 2012 im Rat der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) war.
 

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