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„Mehr Licht!“ - Gedanken zu Chanukka und Weihnachten

von Klaus Müller, Karlsruhe

Foto: Alex Ringer/freeimages.com

Der Heilige Abend ist Lichtträger in düsteren Zeiten. Die Abenddämmerung ist – das weiß das biblische Zeitverständnis von Anfang an – der Beginn eines neuen Tages. Der Heilige Abend im Besonderen. Sein Licht stellt alle Dunkelheiten dieser Welt in den Schatten.

Das liegt an der Botschaft, die dieser lichtvolle Heilige Abend mit sich trägt: Dass Gott sich in seiner Liebe so tief ins Menschliche beugt, taucht alles Menschliche in ein strahlendes Licht und gibt ihm unverlierbare Würde. Das Weihnachtslied singt wie nichts sonst das Hohelied auf alles, was menschlich heißt. „Gottes Kind, das verbindt‘ sich mit unserm Blute“ - der erste Schrei eines neugeborenen Babys, die ersten Gehversuche, der erste „Zoff“ mit den Eltern – all das und alles, was noch kommen kann im Leben eines Menschen, hat der Nazarener ja selbst kennen gelernt, all das ist in einer ganz besonderen Weise geadelt durch Gottes Offenbarung im Menschen Jesus. 

Gott hat das Menschsein erwählt. Das Hohe Fest der Christnacht gibt uns Grund unübertreffbar hoch vom Menschen zu reden. Das ist unser Hochamt an Heiligabend.

Licht! Ja, mehr Licht! Der Abend des 24. Dezember fällt in diesem Jahr just auf die Eröffnung des jüdischen Chanukkafestes. Das erste Licht am neunarmigen Leuchter wird entzündet. Bescheiden, drin im Wohnzimmer der jüdischen Familie oder auch überdimensional telegen inszeniert vor dem Brandenburger Tor. Ein Licht aus jüdischer Quelle gegen die dunklen Machenschaften von Mächten und Gewalten, die diejenigen an Leib und Leben bedrohen, die anders glauben, anders beten, anders essen, anders lieben und anders sprechen als der Mainstream es tut. Lichter gegen die Dunkelheit. „Helle Lichter“ und „wahre Worte“ innerhalb und eben auch außerhalb der eigenen Kirchenwände – davon wusste jener Schweizer Kirchenvater des 20. Jahrhunderts trefflich zu reden.*

Die Lichter des Chanukkafestes tauchen auch die Advents- und Weihnachtstage in noch „mehr Licht“. Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier und so weiter und so weiter, bis acht - plus das dienende Licht, das den anderen zum Leuchten verhilft. Was wir nötig haben in diesen Tagen, ist die aufsteigende Linie hin zum hoffentlich Schöneren, Besseren, Helleren – nicht den Countdown in Richtung Tiefpunkt, an dem dann alle Hoffnungen auf Tage des Friedens und der Gerechtigkeit auf ein Nichts zusammenschnurren oder eben wie in einem Krater nach erfolgter Explosion versinken. Darum: Eins, zwei, drei, vier usw. usw. statt: vier, drei, zwei, eins … Das zunehmend heller werdende Licht von Advent bis Weihnachten – wird in diesen Tagen umstrahlt von den Lichtern des Chanukkafestes, das die Wiedereinweihung des Tempels mittels jenes Lichtes vom Öl des Olivenbaums anderthalb Jahrhunderte vor der Geburt Jesu feiert.

Zwei der großen Denkschulen in der rabbinischen Überlieferung, die Lehrhäuser Hillels und Schammais, diskutieren ein nur auf den ersten Blick belangloses Detail: „Wie ist das Gebot der acht Chanukkalichter auszuführen?“ Die Schule Schammais lehrt, man solle am ersten Tag acht Lichter anzünden und dann an jedem Tag ein Licht weniger, sodass am letzten Chanukkatag noch eine Kerze brennt. Die Schule Hillels dagegen lehrt anders: Am ersten Tag zünde man eine Kerze an, und dann jeden Tag eine mehr, bis am letzten Tag der volle Chanukkaleuchter brennt (Babylonischer Talmud Schabbat 21b).

Hillel, Gott sei Dank! Sachwalter menschlicher Empfindungen und Regungen, denen ein menschenfreundlicher Gott empathisch nahekommt. In Zeiten zunehmender Dunkelheit braucht es mehr Licht, nicht weniger. Das gilt jahreszeitlich ebenso wie tiefenpsychologisch und weltpolitisch. Mehr Licht, nicht das Fade-out zum Nullpunkt hin. Hillel votiert für das Aufhellen, für „Aufladen“ statt „Downloaden“. Und dies, obwohl historisch-political-korrekt, wie ein „Schammai“ nun mal denkt, das Ölwunder zu Chanukka logischerweise umgekehrt von Gott gewirkt und eben auch so erzählt wird: Am ersten Tag das volle Licht und dann während der folgenden acht Tage immer schwächer werdend und schließlich verlöschend. Doch was Mensch heute braucht – und damals auch – ist: „Mehr Licht!“

„Die Halacha, d.h. die religiös verbindliche Praxis, entspricht der Lehre des Hauses Hillel“, konstatiert die talmudische Überlieferung. Und dennoch sind die Worte des Hauses Schammai weiter zu tradieren, als Mahnung gegen alle Lichtphantasmen, die sich in sprühendem Optimismus der Kleinarbeit an allem Düsteren dieser Welt verweigern. Doch der Tenor ist Licht, ja mehr Licht – an Chanukka und an Weihnachten. Lichterfeste in Zeiten zunehmender Düsternis.

 „Mehr Licht!“, sprach Goethe jedenfalls nach populärer Überlieferung. Ich sage mit der Botschaft der Tage um Chanukka und Weihnachten: Mehr Licht in düsteren Zeiten durch einen lichtvollen Wandel der Kinder des Lichtes! Nicht der Countdown ist anzusagen, sondern die adventliche Linie von eins und zwei und drei und vier usw. bis acht. Wir halten Ausschau nach der Erleuchtung durch den Einen und sind verbunden im Warten auf den, von dem das Jesajabuch spricht: „Über dir geht auf der Ewige, und seine Herrlichkeit erscheint über dir“ (Jes 60,2).

Übrigens: Dass das volle achte Licht des Chanukkaleuchters in diesem Jahr auf Silvester oder anders gesagt: den Vorabend des Beschneidungstages Jesu, den 1. Januar, fällt, ist schon eine andere Geschichte … 

Prof. Dr. Pfr. Klaus Müller, Dezember 2016
Beauftragter der Evangelischen Landeskirche in Baden für das christlich-jüdische Gespräch
und Vorsitzender der Konferenz landeskirchlicher Arbeitskreise Christen und Juden (KLAK)

*Anm. der Red.:
Anspielung auf Karl Barth in KD IV,3,107f.:
„Klären wir nun gleich auch das Folgende: Daß Jesus Christus das eine Wort Gottes ist, heißt nicht, daß es nicht – in der Bibel, in der Kirche und in der Welt – auch andere, in ihrer Weise auch bemerkenswerte Worte – andere, in ihrer Weise auch helle Lichter – andere, in ihrer Weise auch reale Offenbarungen gebe. Da sind ja eben die Propheten des Alten und die Apostel des Neuen Testamentes. Da gibt es ja gewiß auch eine Prophetie und einen Apostolat der Kirche. Aber warum sollte es nicht auch weltliche Propheten und Apostel aller Art und aller Größenordnungen geben können? Indem die Bibel das eine Wort Gottes bezeugt, und wenn und sofern die Kirche dieses Zeugnis der Bibel aufnimmt und weitergibt, werden wahrhaftig gewichtige menschliche Worte gesprochen, werden im menschlichen Raum ganz bestimmt leuchtende Lichter aufgesteckt, kommt es zu allerhand großen und kleinen Offenbarungen.
[…]
Daß es in jenem inneren Bereich [der biblischen Propheten und Apostel, Anm. Red.] solche Worte gibt, das wäre ja nur zu bestreiten, wenn man die Gegenwart und Aktion Jesu Christi im Werk seiner Zeugen und im Werk der diesen Zeugen nachfolgenden Kirche bestreiten wollte. Und daß es solche Worte auch in jenem äußeren Bereich geben kann, das könnte doch nur zusammen mit der Welterhaltung und Weltregierung des Gottes, der dem Sohn Alles übergeben hat, in Abrede gestellt werden. Es gibt dort und hier solche guten, weil in Gottes Auftrag und Dienst gesprochenen menschlichen Worte: erhellend und hilfreich in dem Maß, als es ihnen als menschlichen Worten von Gott gegeben ist, erhellend und hilfreich zu sein. Wir leben davon, daß wir in der Bibel, in der Kirche und in der Welt solche guten menschlichen Worte immer wieder hören dürfen.“

 

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