Reformiert-info unterwegs: Evangelisch in Liechtenstein

Von Fabian Brüder

Kirchengeläut vom Plattenspieler, eine Holzkirche on Tour und ein rheinischer Pfarrer in Vaduz.
Eine Bilderreise auf den Spuren evangelischer Geschichte in Liechtenstein.

Vor drei Jahren erschien mit der Filmdokumentation „Vom Bauer zum Banker – 1818 Liechtenstein Saga“ erstmalig ein filmisch kompakter Überblick über die 300-jährige Geschichte des zwischen der Schweiz und Österreich gelegenen Fürstentums.
Fabian Brüder, Vikar in München, machte sich nun auf den Weg, auch die Geschichte des dortigen Protestantismus in Bildern einzufangen.

 St. Mamerta in Triesen (erbaut 9./10.Jh.), älteste Kapelle Liechtensteins

Ansiedlung

1869 übernehmen die Schweizer Industriellen Enderlin & Jenny eine Weberei im liechtensteinischen Triesen. Ausländische Fachkräfte ziehen ins Dorf – darunter auch Evangelische. Dass der evangelische Glaube nicht bereits zu Zeiten Luthers und Zwinglis in Liechtenstein Fuß fassen konnte, liegt auch im Wirken des Grafen Rudolf von Sulz begründet, der mit Erfolg den Einzug der schweizerischen Reformation verhindert hatte. Bis heute zählen sich etwa drei Viertel der Bevölkerung zur römisch-katholischen Kirche.[1] Diese hatte 1997 das bis dato zum Bistum Chur gehörende Dekanat Liechtenstein zum Erzbistum erhoben.

Gasometer auf dem Gelände der Alten Weberei in Triesen

1875 bittet Pfarrer Sulzberger aus dem benachbarten Schweizer Ort Sevelen die Fürstliche Regierung um Erlaubnis, mit den ca. 50 Evangelischen in Triesen Gottesdienste feiern zu dürfen. Sie bilden mittlerweile immerhin ein Zehntel der Einwohnerschaft des Dorfes. Dass zunächst dennoch keine Gottesdienste gefeiert werden, liegt vor allem an dem dafür seitens der Fürstlichen Regierung veranschlagten Ort: dem Fabrikgebäude. Jener Ort entbehrte wohl schon deshalb jedweder Zugkraft, da die evangelischen Werktätigen hier – außer sonntags – tagtäglich bis zu zwölf Stunden Schwerstarbeit zu leisten hatten.

Fünf Jahre später bittet Pfarrer Sulzberger die Fürstliche Regierung mit Erfolg um Erlaubnis, evangelischen Religionsunterricht anbieten zu dürfen.

Beginn gottesdienstlichen Lebens

 

 

 

 

 

Kanzel aus dem ehemaligen Betsaal der Evangelischen Gemeinde Triesen

 

 

Am 20. Februar 1881 wird schließlich ein angemieteter Betsaal feierlich eingeweiht. In Liechtenstein finden von nun an jeden zweiten Sonntag sowie an den katholischen Feiertagen evangelische Gottesdienste statt.

Entwicklung des Gemeindelebens

 

Tannerhaus in der Dorfstraße 46, Triesen

1885 kann mit finanzieller Unterstützung aus der Schweiz und Deutschland ein Haus mit Betsaal gekauft werden – das so genannte „Tannerhaus“. Noch zehn Jahre später werden drei Fünftel der Auslagen von Hilfsvereinen aus Deutschland und der Schweiz gedeckt.

Zur Gemeinde gehören sowohl reformierte wie auch lutherische Christinnen und Christen. Donnerstagabends werden zur Förderung des Kirchengesangs Lieder aus dem evangelischen Gesangbuch eingeübt. Außerdem finden Kindergottesdienste statt.

Vorzeitiges Ende

 

Alte Rheinbrücke zwischen Vaduz und Sevelen

Bis zu Beginn des Ersten Weltkrieges kehren die meisten Evangelischen auf Grund der wirtschaftlichen Entwicklung Triesen den Rücken. Das evangelische Gemeindeleben kommt zum Erliegen. Die verbleibenden Evangelischen gehen fortan zum Gottesdienst ins benachbarte schweizerische Sevelen. Nur an wenigen Feiertagen macht sich der dortige Pfarrer auf den Weg nach Liechtenstein.
Erst in den 1940er Jahren sind erneut so viele Evangelische in Triesen ansässig, dass es zur Wiederaufnahme evangelischer Gemeindeaktivitäten kommt.

Erneuter Beginn

 

Häuserblock in der Landstraße 50, einst Standort des Hauses von Barbara Spoerry-Streiff

1938 wird im Haus von Barbara Spoerry-Streiff der erste evangelische Gottesdienst in der Landeshauptstadt Vaduz gefeiert. Weitere Gottesdienste im Rathaussaal Vaduz folgen – gestaltet von Pfarrern aus dem schweizerischen Sevelen und Buchs SG sowie dem österreichischen Feldkirch.

Anfang der 1930er Jahre waren vermehrt Ausländer*innen und Auslandsliechtensteiner*innen (zurück) nach Vaduz gezogen, darunter viele Evangelische. Die Gemeinde zählt somit von Beginn an Christinnen und Christen verschieden nationaler Herkunft – lutherischer wie reformierter Konfession. Dem fünfköpfigen Vorstand gehören zudem von Beginn an zwei Frauen an.  

Vereinsgründung in Eschen/Mauren

 

Evangelisch-reformierte Kirche in Sevelen (Schweiz) auf deren Friedhof auch manch Evangelische aus Liechtenstein begraben liegen; Photo: Evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Sevelen

Ostern 1943 wird der Evangelische Verein Eschen/Mauren gegründet. Anders als die evangelischen Gemeinden in Vaduz oder Triesen ist der Evangelische Verein Eschen/Mauren im Zuge seiner Entstehungsgeschichte von Anfang an durch eine Nationalität sowie eine Konfession geprägt: 1924 war ein Zollvertrag zwischen Liechtenstein und der Schweiz in Kraft getreten, in dessen Folge Grenzwächter aus der Schweiz an der liechtensteinisch-österreichischen Grenze positioniert wurden – darunter viele Reformierte. 
Im Schulhaus Mauren gestaltet Pfarrer Schneider aus dem schweizerischen Sevelen mehrmals jährlich Gottesdienste. Zu Beginn wird vom Grenzwachtkorporal eine Platte abgespielt, auf der das Kirchengeläut der Glocken von Rüschlikon zu hören ist. Auch der Kirchengesang wird mangels verfügbarer Musikinstrumente bzw. Musiker*innen vom Grammophon begleitet.

Zusammenschluss der Evangelischen

 

Ausschnitt aus dem „Liechtensteiner Vaterland“ vom 4. März 1944; Quelle: Liechtensteiner Vaterland, Vaduzer Medienhaus AG

1944 schließen sich die drei „Evangelischen Vereine“ in Triesen, Eschen/Mauren und Vaduz zum „Verein der Evangelischen im Fürstentum Liechtenstein“ zusammen, der 1961 in „Evangelische Kirche im Fürstentum Liechtenstein“ umbenannt wird.

Spaltung der Evangelischen

Evangelisch-lutherische Johanneskirche in Vaduz; Photo von Pfr. Helmut Sobok

1954 führen unterschiedliche Meinungen zur etwaigen Anstellung eines eigenen Pfarrers, namentlich des deutschen Pfarrers Felix Troll, zur Spaltung der Evangelischen in Liechtenstein – die Evangelisch-lutherische Kirche im Fürstentum Liechtenstein entsteht. Bereits 1956 errichtet die Gemeinde ein eigenes Kirchengebäude. Sie war das Geschenk einer Evangelisch-methodischen Gemeinde aus Stuttgart, die jene Holzkirche nach dem Zweiten Weltkrieg als Notkirche genutzt hatte. Die Johanneskirche birgt eine Barockorgel aus dem frühen 18. Jahrhundert, die wohl in Zwinglis Geburtsregion, dem Toggenburg angefertigt wurde.

Festigung

Rathaus in Vaduz

Im Dezember 1955 wird Im Rathaussaal von Vaduz die Schaffung eines vollamtlichen Pfarramts beschlossen. Ein Jahr später wird Eugen W. Pfenninger, zuvor Pfarrer in Mailand, in dieses Amt eingeführt. Die Landeskirche St. Gallen, die den Prozess der Festigung evangelischen Gemeindewesens in Liechtenstein aktiv begleitet, schließt 1958 einen Patronatsvertrag mit den Evangelischen im Fürstentum: Sie zeichnet sich  für die Betreuung der Evangelischen Gemeinde in Liechtenstein verantwortlich, wobei die Selbstständigkeit der liechtensteinischen Gemeinde gewahrt bleiben soll.

Kirchenbau

Kirche in Vaduz-Ebenholz

Hatte die Übernahme der Weberei in Triesen durch Enderlin & Jenny 90 Jahre zuvor zur Ansiedlung der ersten Evangelischen im Fürstentum geführt, war es wieder die Firma Jenny + Spoerry (vormals Enderlin & Jenny), die wesentlich zur Entwicklung des liechtensteinischen Protestantismus beitrug: Mit der Schenkung eines Areals in Vaduz ermöglichte sie die Errichtung einer Kirche samt Pfarrhaus. Der 1963 fertiggestellte Bau wurde sowohl vom Land Liechtenstein als auch von evangelischen Kirchen in der Schweiz mitfinanziert. 1972 wird das Pfarrhaus um den „Treffpunkt Ebenholz“ ergänzt, der als Gemeindezentrum fungiert.

Zeichen der Ökumene

Altarbibel in Vaduz-Ebenholz

„Denen, die aus der gleichen Taufe zur gleichen Kindschaft Gottes wiedergeboren sind, und die mit uns glauben, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt, sondern ‚von jedem Wort, das aus dem Munde Gottes kommt‘, sei dieses heilige Buch übergeben. Johannes Tschuor im Namen vieler ökumenisch gesinnter Katholiken in Liechtenstein.“, so lautet die Widmung des damaligen römisch-katholischen Landesvikars in die Altarbibel der evangelischen Gemeinde, deren Anschaffung – ebenso wie die des Taufsteins – mit Spenden katholischer Gemeinden in Liechtenstein finanziert wurde.

Ökumenische Erfolgsgeschichte: Ein Liechtensteiner in München

 

Geburtshaus des Komponisten Josef Gabriel Rheinberger (1839-1901)

Der Streifzug durch die Geschichte des Protestantismus in Liechtenstein endet am Geburtshaus des römisch-katholischen Kirchenmusikers Josef Gabriel Rheinberger. Geboren in Vaduz, wird Rheinberger im Alter von zwölf Jahren nach München geschickt, wo man sich eine Förderung seines musikalischen Talentes erhofft. Unterrichtet wird er unter anderem vom evangelisch-lutherischen Organisten Johann Georg Herzog. Beide verbindet eine lebenslange Freundschaft. Während Herzog 1854 in die Hugenottenstadt Erlangen wechselt, wird Rheinberger später  Hofkapellmeister König Ludwigs II. Er gehört bis auf den heutigen Tag zu den bekanntesten Gestalten der römisch-katholischen Kirchenmusik – nicht zuletzt durch sein Abendlied.

Heute zählen sich zur Evangelischen Kirche im Fürstentum Liechtenstein ca. 2500 Personen, die zum großen Teil nicht in Besitz der liechtensteinischen Staatsbürgerschaft sind. Auch wenn dies auf politischer Ebene die Verhandlungsposition der Evangelischen in der derzeitigen Debatte um die Neugestaltung der kirchen- bzw. religionsrechtlichen Situation schwächt, ist es im Zuge der Diskussion bereits jetzt zu intensiveren Vernetzungen mit politischen Entscheidungsträgerinnen und -trägern gekommen.
Im Februar 2013 wurde Dr. Johannes Jung zum Pfarrer der Evangelischen Gemeinde gewählt. Ordiniert in der Evangelischen Kirche im Rheinland, war er später unter anderem als Militärseelsorger in Afghanistan und Pfarrer in der Schweiz tätig. Ihm sei ebenso wie seinem Vor-Vorgänger Hans Jaquemar sowie dem Gemeindeglied Frau Spoerry herzlich für ihre hilfreiche und aufgeschlossene Begleitung der Recherchen gedankt.

[1] Statistische Angaben mit Stand 2000 nach Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein (2013).

Literaturtipps

Wer mehr zur Geschichte des Protestantismus in Liechtenstein erfahren will, dem sei folgende Literatur empfohlen:

Hans Jaquemar/ André Ritter (Hrsg.), Frohe Botschaft und kritische Zeitgenossenschaft. 125 Jahre Evangelische Kirche im Fürstentum Liechtenstein (1880 – 2005), Triesen 2005.

Wilfried Marxer/ Martina Sochin: Protestantische und muslimische Zuwanderung in Liechtenstein seit der Mitte des 19. Jahrhunderts – Integration vor dem Hintergrund religiöser Pluralisierung, in: Schweizerische Zeitschrift für Religions- und Kirchengeschichte (SZRKG), Band 102, 2008, 211-231.

Ferner sind zwei Bände mit in Vaduz gehaltenen Predigten erschienen:

Hans Jaquemar (Hrsg.), Lernen am Mantel Gottes mitzustricken. Vaduzer Predigten, Eggingen 1998. Mit Predigten u.a. von Dorothee Sölle, Lukas Vischer und Dolores Maria Bauer.

André und Karin Richter (Hrsg.), Ortswechsel. Vaduzer Predigten 1997-2008, Zürich 2009.

Bis auf den Artikel von Marxer/Sochin sind die aufgeführten Publikationen über das Sekretariat der Evangelischen Gemeinde in Vaduz-Ebenholz (Email: evang@kirchefl.li) zu beziehen.

Links

Website der Evangelisch-lutherischen Kirche im Fürstentum Liechtenstein:

www.luth-kirche.li

Website der Evangelischen Kirchen im Fürstentum Liechtenstein:

www.kirchefl.li


Fabian Brüder, Vikar in München, Juni 2017
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