Zum Glauben gehört auch Wissen

Für reformierte Christen gibt es keine Instanz, die festlegt, was zu glauben ist. Was gelehrt und gepredigt wird, soll im Einklang mit der Bibel stehen. Darauf zu achten ist auch die Aufgabe jedes Gemeindemitglieds. Ein hoher Anspruch!

"Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort offenbart hat, ..." Der Heidelberger Katechismus (Frage 21) betont die Wichtigkeit des Wissens für den Glauben. Jedes Gemeindemitglied sollte so viel wie möglich wissen, damit es seinen Glauben begründen und weitergeben kann.

In der aktuellen Situation wird das aus verschiedenen Gründen wieder wichtig: Der christliche Glaube steht zunehmend in einem Wettbewerb mit anderen Religionen und Glaubensrichtungen und sieht sich den Fragen und Verdächtigungen kritischer Mitmenschen ausgesetzt.

Deshalb ist es wichtig, den 
D i s k u r s  über Glaubensfragen und theologische Zusammenhänge in den Kirchen zu beleben und sich in weltanschauliche Diskussionen einzubringen. Zu diesem Zweck haben wir einen BLOG eingerichtet. (gr)

Fundamentalistischer Extremismus

Von Marten Marquardt

Die "Hauptinstrumente des Fundamentalismus" - die uns z.B. in der Politik von Präsident George Bush begegnen - analysiert und kritisiert Marquardt: die dualistische Aufteilung von Gottes Schöpfung in Licht und Finsternis, die Sehnsucht nach Einfachheit, die "dekadenzhermeneutische" Sicht auf die Welt, mit der es stetig bergab gehe, und eine Auslegung der Bibel, die innerbiblische Zusammenhänge ausblendet. Marquardts Fazit: Christen auf dem Fundament biblischer Tradition können keine Fundamentalisten sein.

Heute nichts und übermorgen alles

I. „...und Gott schied das Licht von der Finsternis...“ (Gen 1, 4)
II. „..denn die Erde ist voller Frevel von den Menschen her..“ (Gen 6,13)
III. „ ...wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich...“ (Matthäus 12,30)
IV. „...ein neuer Himmel und eine neue Erde...“ (Jes 66, 22)
V. „...zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes...“ (Röm 8, 22)

Heute nichts und übermorgen alles. Fundamentalistischer Extremismus.
Ein Vortrag von Marten Marquardt. PDF

I. „...und Gott schied das Licht von der Finsternis...“ (Gen 1, 4) 
Das ist die erste und fundamentale Schöpfungstat Gottes. Auf dem Fundament dieser Trennung von Licht und Finsternis ruht die ganze Welt. Das wissen wir seit Kindertagen, als wir die Schöpfungsgeschichte zum ersten Mal gehört haben. Das haben wir verinnerlicht, seitdem wir die ersten Erfahrungen unserer moralischen Erziehung mit ihrer Unterscheidung und Trennung von gut oder böse gemacht haben. Seither hat sich diese biblische und pädagogische Grundunterscheidung tief in unser aller Verstehen eingegraben wie ein Grundmuster, durch das wir alles in unserer Welt betrachten. Diese Unterscheidung geht so tief, dass wir im täglichen Leben überhaupt nicht mehr bemerken müssen, wie sehr dieses Grundmuster unser ganzes Gesichtsfeld beherrscht. Wir können nichts sehen, ohne es durch diese Brille der Trennung von Licht und Finsternis zu sehen. Dabei kann diese Unterscheidung natürlich auch mit anderen Worten belegt werden: hell oder dunkel, schwarz oder weiß, gut oder böse, richtig oder falsch, neu oder alt, wir oder ihr, usw. Und hier kommt es schon darauf an, zu registrieren, dass die Gegensätze niemals durch ein „und“, sondern immer nur durch ein „oder“ verbunden sind. Nichts kann bei dieser fundamentalen Sichtweise hell und dunkel, gut und böse, richtig und falsch sein. Und es scheint, als sei diese rigorose Einteilung alles dessen, was wir wahrnehmen mit dem entweder-oder-Blick, ein Schöpfungsprinzip, sodass alle, die „an Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde“ glauben, gezwungen wären, ständig solche fundamentalen Trennungen zu vollziehen.

Und so geschieht es leicht, dass Menschen, die derart fundamentale Trennungen betonen, uns unwillkürlich an dieses tief in unserer Weltanschauung verankerte Schwarz-Weiß-Muster erinnern. Hören wir solche fundamentalen Worte, so trifft ihr Hammer unweigerlich auf die in uns allen hängenden Glocken der Kindheit; die Töne klingen vertraut; wir reagieren oft genug, ohne nachzudenken, spontan, vielleicht sogar zwanghaft. Es wäre ja doch so zu wünschen, dass die Welt wieder so einfach zu begreifen wäre wie damals.

Jüdischer und christlicher Fundamentalismus versuchen, mit dieser trennenden Unterscheidung in uns die Erinnerung an die Kindheit mit der Gewissheit unseres Glaubens an Gott, den Schöpfer zu verbinden. Und darin liegt für jeden Menschen und besonders für jeden religiös empfindenden Menschen eine erkennbare Verlockung, denn wir alle haben ja unsere Kinderseele noch irgendwie in uns. Und wir freuen uns, wenn die vermutete „Schöpfungsordnung“ mit der Sehnsucht unserer Kinderseele nach einfachen und klaren Verhältnissen überein zu stimmen scheint.

Mit diesen ersten Sätzen haben wir die beiden Hauptinstrumente des Fundamentalismus bereits im Blick: Die angenommene Schöpfungsordnung und die ersehnte Einfachheit. Damit lässt sich die ganze Welt fundamental verstehen. - Allerdings lässt die Geschichte des letzten sächsischen Königs nun doch aufhorchen. Zu ihm kam sein jüngerer Sohn gelaufen mit der Beschwerde, der ältere habe ihm seinen Apfel weggenommen, da habe er sich gewehrt und dem älteren Bruder eine runtergehauen. Der König antwortet majestätisch: „Da hast du Recht gehabt“. Der ältere kommt hinterher und erklärt, er habe nur eben einmal in den Apfel gebissen, woraufhin der Jüngere sofort mit Gewalt reagiert habe; das sei doch wirklich übertrieben gewesen und so habe er sich seinerseits wehren müssen. „Da hast du Recht gehabt“ antwortet der gütige König. Der Kammerdiener, der die ganze Zeit dabeigestanden hatte, stellt Majestät zur Rede: „Majestät, die können doch nicht alle beiden gleichzeitig Recht gehabt haben!?“ „Da hast du auch wieder Recht!“ ist die unerschütterlich ruhige Antwort des Königs. – Die Wirklichkeit ist offenbar unendlich viel komplizierter, als beide, der König und seine beiden Söhne, wahrhaben wollten. Und so werden wir als Erwachsene damit zu rechen haben, dass auch die Welt sehr viel komplexer ist, als es eine prinzipiell nach Licht und Finsternis aufgeteilte Wahrnehmung es vermuten lassen würde.

Der Fundamentalismus aber denkt grundsätzlich dualistisch, kann die Welt nur in manichäischer Aufteilung zwischen Licht und Finsternis und zwischen Gut und Böse begreifen; ein drittes zwischen beiden kann es grundsätzlich nicht geben.

II. „..denn die Erde ist voller Frevel von den Menschen her..“ (Gen 6,13) 
Mit diesen Worten wird die bevorstehende Sintflut biblisch begründet. Wenn man von hier aus auf die Schöpfungsgeschichte zurückschaut, kann man bei oberflächlicher Betrachtung die Eindruck gewinnen, es sei in der Welt vom Anfang an immer nur bergab gegangen. Die Weltgeschichte seit den Tagen der Schöpfung sei eine Verschlimmerungsgeschichte, eine einzige Dekadenzgeschichte. Und wenn man diese Blickrichtung erst einmal eingenommen hat, dann versteht man die Welt nur noch richtig, wenn man an alles und jedes diesen Maßstab der Dekadenz anlegt. Wir sprechen bei dieser Sichtweise in der Theologie von einer „Dekadenzhermeneutik“, einer Verstehenslehre unter dem Gesichtspunkt der ewigen Verschlimmerung; der Mensch wird dabei immer nur auf der schiefen Ebene gesehen. (1)

Jüdischer und christlicher Fundamentalismus betrachten die Welt grundsätzlich unter den Vorgaben ihrer jeweiligen Dekadenzhermeneutik. Die gegenwärtige Welt sei seit ihren Anfängen immer schlechter geworden, sie sei heute sehr schlecht und sie könne in Zukunft grundsätzlich nur noch schlechter werden, bis sie eines Tages von anderer Seite, vom Guten, von Gott, vom Messias, vom wiederkehrenden Christus gerettet und wieder in den Urzustand der guten Schöpfung Gottes zurückversetzt werde. Bis dahin aber müsse es zunehmend finsterer werden; der/das Böse werde immer mehr die Oberhand gewinnen, es müsse deshalb immer weiter bergab gehen mit der ganzen Welt. Und alles, was der wissende und gläubige Mensch in dieser Lage tun könne, sei der Versuch, diese Epoche des Bösen zu überstehen, möglichst ohne dass er dabei seine Reinheit, seine Seele, seinen Glauben verliere.

Da diese Sicht aber nicht von allen Menschen rundherum geteilt wird, muss der fundamental gläubige Mensch sich von den anderen möglichst fernhalten und abschotten. Die Arche ist das Modell; und dabei haben wir von Kindesbeinen an die erbauliche Illustrationskunst vor Augen, durch die das Faszinierendste an der ganzen Arche Noah das Bild von angstverzerrten Gesichtern der draußen in den Fluten ertrinkenden Menschen und Tiere geworden ist. Hier ist die Trennung zwischen diesen und jenen fundamental vollzogen. Und von früh auf hat dabei die Dekadenzhermeneutik uns allzu viel natürliches Mitleid mit den Armen da draußen abtrainiert, denn sie sind ja die anderen, die nicht zu Noah gehören. Eine gewisse Herzlosigkeit gehört bei dieser Weltsicht schon dazu, sonst gerät das Gut-Böse-Schema möglicherweise noch ins Wanken.

Wenn aber das alles fundamental so ist, wenn die Welt sich grundsätzlich nur abwärts bewegen kann, wenn also die eine einzige Hoffnung in der allerletzten radikalen Rettung der Welt von oben her und erst am Ende aller Zeiten liegt, dann muss der Fundamentalismus zwei Feinde erkennen:
• die optimistische Aufklärung des 18. und 19. Jahrhunderts als das tragende Element der Moderne und
• jede Art von kritischer Exegese und von kritischer Theologie, die ihre politischen Konsequenzen mitdenkt und diese auf die Voraussetzungen des eigenen Denkens wieder kritisch rückbezieht.

Die Dekandenzhermeneutik stellt den biblisch begründeten Fundamentalismus in eine grundsätzliche Opposition zu jeder auf Veränderung oder Verbesserung der condition humaine zielenden Denkweise. Mehr noch, sie führt den Fundamentalismus in den Krieg gegen alle evolutionär denkenden oder handelnden Menschen, denn diese müssen ja auf der Seite der Finsternis, im Reich des Bösen stehen, wenn sie sich nicht auf die Seite des Fundamentalismus stellen wollen. Ein Drittes kann es nicht geben. Strukturell entspricht dieses fundamentalistische Denken jeder revolutionären Weltanschauung: beide halten den Versuch einer schrittweisen Veränderung zum Besseren für aussichtslos und darum für einen Verrat an der eigenen Sache. So gesehen kann man diesen Fundamentalismus eine religiös-reaktionär-revolutionäre Gesinnung nennen. Denn die Dekadenz kann mit Mitteln dieser Welt nicht aufgehalten werden.

Ihr gegenüber kann man nur auf eine „Revolution von oben“ setzen, die die goldenen Tagen von früher wieder heraufführen wird. Jeder Fundamentalismus befeuert die nach hinten gerichtete revolutionäre Gesinnung. Vom Menschen erwartet sie eigentlich nichts mehr. Sie ist darum in ihrer Welt- und Menschensicht prinzipiell pessimistisch und in ihrer gesellschaftlichen und weltpolitischen Praxis gegenüber allem und allen Bestehenden gnadenlos zynisch. (2)

III. „ ...wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich...“ (Matthäus 12,30) 
Wiederholt hat der amerikanische Präsident George Bush im Zusammenhang mit seiner Kampagne für einen Angriffskrieg gegen den Irak diese Formulierung gebraucht, die biblischen Klang haben sollte. Seine apodiktische Feststellung lautete: „Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich“ oder: „Wer nicht für uns ist, der ist gegen uns“. Die Formulierung ist fast wörtlich aus dem Neuen Testament genommen. Dort sagt Jesus nach Matthäus 12, 30 und parallel Lukas 11, 23:„Wer nicht mit mir ist, der ist wider mich, und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut“. Hier wird ein damals wahrscheinlich gängiges Sprichwort zitiert (3). Dabei wird die ursprünglich profane Redensart auf Jesus übertragen, um dem Vorwurf zu begegnen, er nutze dämonische Kräfte, um Kranke zu heilen. Es geht um die Beurteilung seiner Person und seiner Autorität. In diesem Zusammenhang besagt das Sprichwort: Über Person und Autorität Jesu kann man nicht neutral urteilen; wer ihn verstehen will, muss sich zunächst – und sei es probeweise – auf ihn einlassen.

Dieses eingängige Sprichwort wird auch an zwei anderen Stellen im Neuen Testament zitiert. Hier geht es dann aber nicht um die Autorität Jesu, sondern um die Autorität der Jüngerinnen und Jünger. Wenn Bush also schon dieses biblische Wort für sich in Anspruch nehmen will, dann müsste er hier anknüpfen, wo es nicht auf Jesus, sondern auf die Jünger angewandt wird.

Hier erfährt nun das Sprichwort allerdings eine charakteristische Umwandlung. Die Jünger wollen einen Fremden mit Gewalt daran hindern, Kranke zu heilen, weil er nicht dazu autorisiert sei: „denn er hält sich nicht zu uns“ (Markus, 9, 40 und Lukas 9, 50). Hier antwortet Jesus mit dem gleichen Sprichwort in bemerkenswerter Umkehrung: „Wer nicht wider euch ist, der ist für euch!“ Das nahezu gleiche Wort dient hier also genau der umgekehrten Argumentation: Keine Trennung zwischen den Menschen, wenn nicht unausweichlich nötig! Nicht schon das Fehlen von Zuspruch, sondern erst der Erweis tatsächlicher Feindschaft führt zu einem wirklich zwingenden Gegensatz. - Wenn der Präsident der Vereinigten Staaten diesen ostentativen Wechsel in Jesu Argumentation übergeht, um für sich das biblische Argument zu benutzen, so ist das ein typisch fundamentalistischer Missbrauch des Bibeltextes in mehrfacher Hinsicht:
• Er setzt sich bei seiner Zitierweise in blasphemischer Art an Jesu Stelle; als der Berufene kann er allein den Kampf gegen das Böse führen.
• Der fundamentalistische Sprecher ist selber Herr über den Text, denn er kann ihn souverän auf alle Fragen seines Alltags anwenden. Er verkleidet diese Herrschaft über den Text allerdings mit einer Geste des demütigen Hörens auf den Text.
• Es gibt nur Schwarz oder Weiß, ein Drittes kommt niemals in Frage.
• Die Entscheidung zwischen Licht und Finsternis muss zu Trennungen führen.
• Er treibt einen religiös verbrämten Keil zwischen „gute und böse“ Menschen, um seine politischen Ziele zu verfolgen.
• Er übergeht Jesu deutliche Unterscheidung vorsätzlich oder aus Unwissenheit.

Fundamentalistische Lesart der Bibel fragt ja grundsätzlich nicht nach den Zusammenhängen, sondern nur nach dem Wortlaut. Die Bibel ist irrtumslos in allen Bereichen, einschließlich des naturwissenschaftlichen. (4) Sie ist darum wörtlich und buchstäblich als Gottes Wort zu lesen. So wird die Bibel schon auf Grund ihres schieren Umfangs zu einem Rezeptbuch, aus dem man für alle Fragen immer eine Antwort finden kann, vorausgesetzt, man ist bereit, ihrem Wortlaut das kritische Denken grundsätzlich unterzuordnen. Diese scheinbare Unterordnung unter den Text macht aber paradoxerweise den fundamentalistischen Leser seinerseits unangreifbar, weil er sich ja auf einen grundsätzlich unangreifbaren Text bezieht. So kommt es zu der paradoxen Erscheinung, dass der Fundamentalist zugleich demütig auftreten kann, weil er sein Denken ganz dem Text unterordnet, und dass er zugleich arrogant und herrisch sein kann, weil er alle Erscheinungen dieser Welt eindeutig erklären zu können und darum auch beherrschen zu sollen meint.

In der Konsequenz ist diese Art des Umgangs mit der Tradition paradoxerweise menschlich und gnadenlos zynisch. Der gegenwärtige Präsident der USA versteht sich selbst als Gottes Werkzeug; darum sind seine Entscheidungen über jede Kritik erhaben. Seine Feinde aber sind dann selbstverständlich Gottes Feinde. Das bekommt u. a. das irakische Volke ebenso gutmeinend wie gnadenlos zu spüren. Es wird von der barbarischen Herrschaft des Diktators Saddam Hussein zu einer demokratischen und auf den unteilbaren Menschenrechten beruhenden Zukunft befreit. Gleichzeitig werden aber Recht und Gerechtigkeit für gefangene Irakis und für alle, die sich der amerikanischen Fremdherrschaft nicht kampflos unterordnen wollen, außer Kraft gesetzt. Die von Bush definierte „Achse des Bösen“ rechtfertigt anscheinend jede menschenverachtende Gegenmaßnahme: den Irakern gebührt heute nichts, damit sie übermorgen alles haben können, was der amerikanische Präsident ihnen verordnet hat. Und die religiös empfindende Bevölkerung wählt diesen Präsidenten wieder. Die fundamentalistische Denkweise hat offenbar die Massen des amerikanischen Volkes heute erfasst. Daraus erklärt sich m. E. wenigstens zu einem Teil die bedrohliche Rolle, die die Vereinigten Staaten heute in der Weltpolitik spielen.

Die zerstörerischen Auswirkungen dieser extremistischen Denkweise zeigen sich auch darin, dass Fundamentalisten aller Seiten sich immer gegenseitig aufwiegeln. So ist die geradezu trotzige Wiederholung der Fatwah von 1989 gegen Salman Rushdie durch den iranischen Ayatollah Khamenei im Januar 2005 eine islamisch-fundamentalistische Antwort auf den christlich fundamentalistisch begründeten Angriff arabischer Länder durch den Präsidenten der Vereinigten Staaten. Diese gegenseitige Verstärkung bekommt heute eine für die ganze Welt gefährliche und uns alle beängstigende Dynamik.

IV. „...ein neuer Himmel und eine neue Erde...“ (Jes 66, 22) 
Der zumindest für die Gegenseite destruktive totale Pessimismus des fundamentalistischen Denkens bezieht sich auf alles, was hier und heute gilt. Aber für übermorgen, für den Jüngsten Tag und für den qualitativen Sprung danach, hat der Fundamentalismus eine grenzenlose Hoffnung für alle Auserwählten und Bewährten. „Grenzenlos“ ist diese Hoffnung allerdings nicht über die Grenzen der Gerechten hinaus; und das werden nur wenige sein. Aber grenzenlos ist sie in allem, was sie dieser begrenzten Auswahl von Menschen verspricht. Alle Qualen, die heute noch in Kauf zu nehmen sind, alle Geburtswehen des Neuen, die der Welt noch unendliche Schmerzen bringen werden, sind nichts im Vergleich zu jenen Freuden. Ja in manchen fundamentalistischen Konzeptionen geht es sogar so weit, dass man den Schmerzensdruck in dieser Welt bewusst erhöhen sollte, um die große Erlösung dann zu beschleunigen.

Mit solcher Argumentation haben z. B. Berater des früheren Präsidenten Reagan auch die Möglichkeit eines totalen (Atom-) Kriegs gegen die böse Sowjetmacht gerechtfertigt. (5) Da nach ihrer Sicht der neue Himmel und die neue Erde gerade nicht von Menschen geschaffen oder vorbereitet werden können, da alles nur von Gott her kommen kann, kommt es auf alles, was wir hier und jetzt haben, gar nicht an. Man kann diese Welt getrost (!) opfern, denn sie muss sowieso vergehen und eine neue ist schon kalkuliert. Und das Böse muss radikal bekämpft werden; darum sind Kompromisse hier und heute gar nicht denkbar. Bertold Klappert spricht in diesem Zusammenhang treffend von einem „apokalyptischen Defätismus“, der „sich meistens in einer Resignation gegenüber konkreten Friedensbemühungen dokumentiert.“ (6)

Sie werden es mittlerweile schon verschiedentlich gedacht haben: das klingt ja alles sehr ähnlich wie das, was wir von den Fundamentalisten anderer Religionen kennen. Und tatsächlich haben Sie Recht. Die fundamentalistischen Strukturen gleichen sich in ganz unterschiedlichen Religionen. Es gibt ähnliche Strukturen z.B. auch im Hinduismus und im Buddhismus und bei den Sikhs. (7)

Ich will hier exemplarisch für all die anderen eine von verschiedenen Ausprägungen des gegenwärtigen jüdischen Fundamentalismus kurz vorstellen, es sind die „Haredim“, die „Zitternden“, denn sie zittern vor Ehrfurcht, wenn Sie Gottes Wort hören, vgl. Jes 66,22. Als Zitterer werden sie meistens von außen bezeichnet. (8) Sie selbst sprechen von sich lieber in der Alltagssprache frommer Juden auf Jiddisch als von den „Jidden“ oder von den „ehrlicher Jidden“.

Ihre Überzeugung ist zunächst die, dass Juden keinerlei Impulse aus der Umwelt der Gastländer aufzunehmen brauchen. Die jüdischen Traditionen genügen vollauf für ein erfülltes jüdisches Leben. Fremdes, Neues tut dem reinen Judentum Abbruch. Einer von ihnen formuliert sogar ganz spitz: „ Die Tora verbietet alles Neue!“ (9) Zunächst genügte die Stedtl-Situation in Osteuropa, um sich von der modernen Welt abzukapseln. Allmählich aber erkannten einige Haredim, dass der Einfluss der Moderne auf die jüngeren Generationen so nicht aufzuhalten war. Man beschloss, die beste Maßnahme sei nicht die passive Isolation; man wählte die aktive Opposition und gelangte schließlich hin zu einer aggressiven Opposition gegen die nichtjüdische Umwelt. Haredim waren von außen gesehen nun viel häufiger gegen etwas als für etwas. Sie waren gegen jede Form von Assimilation und kultureller Vermischung.

Und da die Verlockungen der neuzeitlichen Freiheit besonders für Jüngere im sexuellen Bereich besonders groß schienen, entwickelte diese Form des jüdischen Fundamentalismus gerade im sexuellen Bereich eine besonders restriktive Moral. Auch dieser sexualfeindliche Zug ist typisch für viele verschiedene Spielarten des Fundamentalismus in verschiedenen Religionen.

Das fundamentalistische Verhältnis zur Moderne ist durchaus zwiespältig. Oft verbindet sich hier mit einer aggressiven Opposition gegen die kulturelle Moderne ein geradezu begeistertes Verhältnis zur technischen Moderne. Die technischen Möglichkeiten der Moderne kann man hier durchaus auch akzeptieren und zuweilen geradezu genial für die eigenen Bedürfnisse nutzen (Schabbatuhren, technische Hilfe für die Vermeidung von Arbeit am Schabbat u.a.m. bei den Haredim, die Möglichkeiten der modernen Informationstechnik z. B. bei den „electronic churches“ in den USA auf der anderen Seite). Die Haredim sind also ebenso wie die protestantischen Fundamentalisten der USA nicht grundsätzlich gegen die Moderne; sie sind aber getrieben von der Furcht, ihr „Eigentliches“ verlieren zu können, wenn sie alle Schleusen gegen die modernen Geistesströmungen öffnen würden. Deshalb sind sie selektiv aggressiv antimodernistisch.

Nach der Schoah hat sich die aggressive Abwehr der Haredim in Israel noch einmal deutlich verschärft. Warum? Die Einflüsse von außen schienen hier um so gefährlicher, als es nun jüdisch zionistische Einflüsse waren. Die alte Abwehr gegen „die Anderen“ funktionierte so nicht mehr. Darum musste die innere Abwehr gegen die eigenen „Apostaten“ um so intensiver betrieben werden. Hinzu kam eine eigentümliche Nachwirkung der Schoah, unter der die meisten Überlebenden litten und z. T. heute noch leiden: das Syndrom der „Überlebensschuld“.

Die ganze jüdische Welt Osteuropas war untergegangen, aber sie hatten anders als die 6 Millionen grundlos überlebt. Nun mussten sie ihr Überleben nachträglich „rechtfertigten“, indem sie um so eifriger die Erinnerung an die untergegangene jüdische Welt Osteuropas pflegten und für ihre Fortsetzung im Land Israel um jeden Preis sorgten. Sie mussten für die Auferstehung der toten jüdischen Welt sorgen und ihr ein um so stärkeres Leben geben als hier nun alles von ihrer jüdischen Treue und Praxis abhing. Unter den säkularen Juden Israels fühlten sich diese ostentativ im schwarzen Kaftan und mit den Pelzmützen Osteuropas gekleideten Stetteljuden „im Exil unter Juden“. Sie lehnten und lehnen bis heute den Staat Israel prinzipiell ab. Ihr größter Feind ist der Zionismus. Darin berühren sich im gemeinsamen Staat Israel diese jüdischen Fundamentalisten mit den islamischen Fundamentalisten. Und ihre Aggression gegen den Staat Israel geht so weit, dass eine Gruppe unter den Haredim, die Satmar Chassidim, erklärten, die Schoah sei Gottes strafende Antwort auf die Gottlosigkeit der jüdischen Zionisten. (10)

Auch hier finden wir wieder diese problematische Konstellation eines prinzipiellen Pessimismus für die Gegenwart und eines messianistischen Optimismus aufs Ganze gesehen; denn der Messias wird am Ende kommen und alles in ihrem Sinne richten. Darum kann man sich heute aller Kooperation mit den gegenwärtigen Weltverbesserern widersetzen. Diese Haredim sind keine militanten Terroristen, wie wir sie von islamistischer Seite kennen, und sie sind keine militanten Weltordnungserfinder, wie wir sie seit Bush senior, Reagan und Bush junior kennen. Aber ihr Denken ist doch strukturell verwandt dem aller Fundamentalisten. Und im Lager der Ultraorthodoxen gibt es eben auch mörderischen Fundamentalismus, der hier wie in allen anderen Religionen dann auch bereit ist, für die größere Hoffnung auf übermorgen, die verdorbene Welt und ihre Bewohner von heute zu opfern.

V. „...zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes...“ (Röm 8, 22) 
Bis zur Schoah gab es noch immer einen westlichen, christlich unterfütterten Optimismus der Aufklärung, der uns versprach, es könne die Vernunft am Ende das universale Glück aller Menschen herbeiführen, alle Trennungen überwinden, alles Böse beherrschen. Der aufklärerische Optimismus wollte alles in der Welt unter seiner Sonne zusammenführen. Ihm erschienen alle Unterscheidungswünsche, alle partikularen Interessen der Menschen wie ein Verrat am universal gedachten Glück der Menschheit. Darum hat die Aufklärung mit einem klassischen Zitat formuliert: Den Juden als Menschen alles, den Juden als Juden nichts! So war die Aufklärung ein Glück für die Juden, denn sie führte zur Emanzipation. Und die Aufklärung war zugleich eine Katastrophe für die Juden und für alle, die auf individuellen Unterscheidungen beharrten, denn diese wurden als reaktionär bekämpft und verboten (11). Hier stoßen wir auf eine merkwürdige Nähe zwischen Aufklärung und Fundamentalismus. Denn auch dieser meint ja das Recht zu haben, alles unter seine Grundsätze zwingen zu dürfen; auch er kann individuelles Ausscheren nicht akzeptieren; auch er hat einen totalitären Anspruch auf Weltbeglückung.

Die Schoah hat neben der jüdischen Welt auch diesen aufklärerischen Universaloptimismus vernichtet. Wenn wir diese Veränderung wahrnehmen, dann folgt daraus nun m. E. eine ganz andere Weltsicht. Wir werden die alte biblische Unterscheidung von Licht und Finsternis, von Gut und Böse, von „Ihr und Wir“ nicht einfach auslöschen können. Wir werden also keine Einheitsdecke über alle Erscheinungen der Welt ausbreiten. Unterscheidung muss sein, damit die Welt darin Platz hat zwischen den Grund- und Gegensätzen. Vor Gott ist nicht alles einerlei, wie vermeintlich vor der aufklärerischen Vernunft. Insoweit bleibt der Unterscheidungsimpuls der biblischen Schöpfungsgeschichte durchaus bestimmend.

Aber anders als es alle fundamentalistischen Denkweisen nahe legen, folgt gerade aus dem Unterscheiden Gottes nun nicht die Trennung, sondern die Suche nach der Einheit der Unterschiedenen, in der sie mit der Unterscheidung zugleich ihre Gemeinsamkeit als Kinder Gottes erkennen. Denn als der Schöpfer das Licht von der Finsternis schied, da hat er sie ja gerade nicht getrennt, sondern verbunden als die beiden Säulen der einen Schöpfung. Gott unterscheidet, um zu verbinden. Und das ist die herrliche Freiheit der Kinder Gottes, dass sie auch unterscheiden können, ohne zu trennen, dass sie Fremdes wahrnehmen und lieben können, ohne es vereinnahmen zu müssen, dass sie alles für das Hier und Jetzt tun und geben können, ohne dem Hier und Jetzt verfallen zu sein, dass sie die Erde so sehr lieben, der Erde bis zum äußersten treu sein können, ohne damit das Reich Gottes zu verraten. (12)

Und darin unterscheidet sich der biblische Weg vom Denken der Aufklärung: In der Bibel werden Unterschiede zwischen den Menschen markiert, akzeptiert und gepflegt. Der Mensch an sich, so folgert Karl Barth aus der biblischen Tradition, ist ein Gespenst (13); vielmehr müssen wir immer genau sein und sehen, ob es ein Kind oder ein Greis, ein Mann oder eine Frau, ein Reicher oder ein Armer, ein Jude oder ein Heide ist, von dem da die Rede ist. Und vom Fundamentalismus unterscheidet sich der biblische Weg gleichzeitig so, dass er uns nicht erlaubt, aus den notwendigen Unterscheidungen zwischen Menschen, Völkern und Gruppen irgendwelche grundsätzlichen Trennungen und Gegensätze zu konstruieren; denn der biblische Weg zielt letzten Endes auf die Gemeinsamkeit und Einheit aller Kinder Gottes.

Und darum, in der Freiheit der Kinder Gottes, können wir wahrhaftig niemals Fundamentalisten sein, gerade weil wir auf dem Fundament der biblischen Schriften gründen und aufbauen wollen. Ich möchte deshalb enden mit der Vision des Rabbiners Leo Baeck, die B. Klappert im Januar auf der Landessynode der EKiR unter der Überschrift „Toleranz aus Identität“ zitiert hat: „Dann werden gute Tage kommen. Menschen und Völker und Bekenntnisse werden geschieden bleiben, werden in ihrer Besonderheit weiterleben, aber sie werden wissen, dass sie zusammen gehören, Teile der einen Menschheit sind, zusammenleben sollen auf dieserunserer Erde, einander sehend und einander verstehend, und, wenn es Not tut, einander helfend.“ (14)

Anmerkungen
(1) In den siebziger Jahren gab es ein in manchen kirchlichen Kreisen viel gelesenes Buch „Alter Planet Erde, wohin?“, in dem genau diese dekandenzhermeneutische Sicht gegenüber der Gegenwart vertreten wurde.
(2) Die Erklärung islamistischer Terroristen gegenüber den westlichen Truppen im Irak spricht Bände: „Ihr liebt das Leben. Wir lieben den Tod!“ – Ein kluger westlicher Journalist hat daraufhin in geschliffener bürgerlicher Höflichkeit geantwortet: „Bitte nach Ihnen!“ – Aber bei solch einem feinen Witz wird eben doch übersehen, dass dieser islamistische Fundamentalismus die Antwort ist auf die vorausgehende fundamentalistische Aggression des Westens. Dazu s.u.
(3) R. Bultmann, Die Geschichte der synoptischen Tradition, 103, 107,161
(4) Fundamentalisms Observed, 5
(5) Ulrich Duchrow, Gert Eisenbürger, Jochen Hippler (Hg.), Totaler Krieg gegen die Armen, München 1989, 40ff u.ö.
(6) Klappert/Starck, Hg., Umkehr und Erneuerung, Neukirchen 1980, 82
(7) Zu allen diesen Aspekten vgl. den Sammelband von Martin E. Marty and R. Scott Appleby, Fundamentalisms Observed (FO), Chicago 1991
(8) Vgl. auf christlicher Seite z. B. die „Quaker“ (to quake= zittern) oder die ganz andere Gruppe der „Shaker“ (to shake = beben), die auch jeweils von außen so bezeichnet wurden, während sie für sich selbst andere Bezeichnungen bevorzugen. Die Quäker können im Übrigen überhaupt nicht mit den Fundamentalisten verglichen werden; sie sind in ihrem Lebenszeugnis und in ihrer Denkweise geradezu das positive Gegenbild gegen jede Art von religiösem Fundamentalismus; sie heißen offiziell in ihrer Eigenbezeichnung „The Society of Friends“ (Gesellschaft der Freunde).
(9) Rabbi Moses Sofer (Hatam Sofer), zit. n. FO, vgl. Anm. 5, S. 214
(10) aaO, 227
(11) Hier liegt eine Quelle für den kommunistischen Antisemitismus, der aus aufklärerischem Pathos eine eigene jüdische Identität nicht akzeptieren konnte. Vgl. E. Silberner, Sozialisten zur Judenfrage, Berlin 1962, und J. Bloch, Judentum in der Krise, Göttingen 1966,, 19ff
(12) 2. Kor 6, 4-10
(13) Vgl. KD III, 2, 270 u.ö.
(14) Leo Baeck, Judentum Christentum und Islam, 1956, zit. nach B. Klappert, „Geheiligt werde dein Name“, Vortrag, gehalten auf der Landessynode der EKiR am 9. 1. 2005, MS, S. 9

Quelle: Homepage der Melachthon-Akademie Köln/Texte/Download
Text als PDF auf der Homepage der Melanchthon-Akademie

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