Zum Glauben gehört auch Wissen

Für reformierte Christen gibt es keine Instanz, die festlegt, was zu glauben ist. Was gelehrt und gepredigt wird, soll im Einklang mit der Bibel stehen. Darauf zu achten ist auch die Aufgabe jedes Gemeindemitglieds. Ein hoher Anspruch!

"Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort offenbart hat, ..." Der Heidelberger Katechismus (Frage 21) betont die Wichtigkeit des Wissens für den Glauben. Jedes Gemeindemitglied sollte so viel wie möglich wissen, damit es seinen Glauben begründen und weitergeben kann.

In der aktuellen Situation wird das aus verschiedenen Gründen wieder wichtig: Der christliche Glaube steht zunehmend in einem Wettbewerb mit anderen Religionen und Glaubensrichtungen und sieht sich den Fragen und Verdächtigungen kritischer Mitmenschen ausgesetzt.

Deshalb ist es wichtig, den 
D i s k u r s  über Glaubensfragen und theologische Zusammenhänge in den Kirchen zu beleben und sich in weltanschauliche Diskussionen einzubringen. Zu diesem Zweck haben wir einen BLOG eingerichtet. (gr)

Christlicher Fundamentalismus heute

Von Marten Marquardt

©Andreas Olbrich

Geschichte und Theorie des christlichen Fundamentalismus macht Marquardt anschaulich an Beispielen aus der Praxis: anhand der Hinrichtung des Juristen und Theologen Michael Servet am 27. Oktober 1553 in Genf und anhand eines zeitgenössischen Fundamentalisten, dem jungen amerikanischen Studenten Tom. Marquardt ruft dazu auf, aufmerksam hinzuschauen, "damit wir die Gefahren erkennen" und nicht "aus besten Absichten zu Komplizen der Unmenschlichkeit" werden.

Marten Marquardt, geb. 1944, Leiter der evangelischen Melanchthon-Akademie in Köln bis Frühjahr 2008.
Marten Marquardt, Christlicher Fundamentalismus heute. PDF

A. Geschichte und Theorie
I. Ein christlicher Fall

II. Das verwirrte Kind der Moderne
III. Die militanten Folgen der Verunsicherung
B. Praxisaspekte
1. Das Beispiel des jungen Fundamentalisten Tom
2. Amerikanischer Fundamentalismus und amerikanische Politik

A. Geschichte und Theorie 

I. Ein christlicher Fall
Obwohl wir heute weit mehr von islamischen Fundamentalisten und jüdischem „Fundamentalismus der Siedler" und grünen „Fundis" hören, müssen wir zu Beginn sofort feststellen: Fundamentalismus ist ein Kind des Christentums und zunächst als eine christliche Erscheinung zu begreifen. Und einer der zentralen Sätze des christlichen Fundamentalismus ist der, daß die Bibel als Wort Gottes wörtlich zu nehmen sei.

Und nun will ich das angesichts des heutigen Datums [27. Oktober] sofort anschauen. Nehmen wir das neutestamentliche Wort 1. Kor 5,5. Da schreibt Paulus über einen aus der korinthischen Gemeinde, der Unzucht betrieben habe, offenbar mit der Frau seines Vaters (Vers 1). Paulus kanzelt nun nicht den einzelnen ab, der sich moralisch vergangen hat, sondern Paulus greift die Gemeinde von Korinth an, weil sie hier nicht konsequent reagiert hat. Und dann gibt er den Korinthern folgende Anweisung: „Wenn ihr versammelt seid im Namen des Herrn Jesu und mein Geist samt der Kraft unseres Herrn Jesu bei euch ist, wollen wir diesen Menschen übergeben dem Satan zum Verderben des Fleisches, auf daß der Geist gerettet werde am Tage des Herrn. " (1 Kor 5,4-5). - Heutige Ausleger zweifeln nicht daran, daß das im Endeffekt den Tod des Sünders bedeutet, „auf daß der Geist gerettet werde ". H.-D. Wendland erklärt in seinem Kommentar: „Klar ist, daß das furchtbare Gericht der Gemeinde über den Sündern nicht nur Vernichtungs-, sondern letztlich Heilssinn hat" (NTD 7, 1934, S. 27). Und genau diese Ambivalenz von Vernichtung und Heil ist offenbar eine typisch religiöse und eben auch im Christentum von Anfang an her angelegte Möglichkeit: um das Seelenheil zu erreichen, können Leiber geopfert werden. In der Leib-Seel-Trennung, in der die Seele meist wichtiger wird als der Leib, liegt die Möglichkeit für das, was wir heute Unmenschlichkeit nennen.

Und wenn Fundamentalismus die komplexen und widersprüchlichen Erfahrungen in Kirche und Gesellschaft vereinfachen will, um die zu entlasten, dann ist er für solche Trennungen nur zu anfällig, dann gilt ihm immer nur „entweder", „oder", „heiß", oder „kalt". Alles dazwischen wird als fauler Kompromiß, als Verrat an der Wahrheit gehalten. Darum besteht er zuerst auf einer scheinbar ganz eindeutigen, wortwörtlichen Auslegung der Bibel und der Bekenntnissätze.

Nun läßt sich leider im Laufe der Kirchengeschichte nachweisen, daß der wörtliche Umgang mit Bibeltexten oft genug zu objektiv unmenschlichen und grausamen Konsequenzen geführt hat. Das beginnt mit der wörtlichen Auslegung des heiligen Augustin, der aus Lk 14,23 „cogite intvare " die Rechtfertigung für militärisches und mordendes Vorgehen gegen die Donatisten entwickelt, um wenigstens ihre Seelen zu retten. - Aber ich nehme heute, am 27. Oktober, lieber das eine Beispiel aus der protestantischen Reformation, also ein Beispiel dafür, wie wörtliche Auslegung der Bibel zu unmenschlichen Konsequenzen führen kann: Michael Servet war ein hochbegabter Jurist und Theologe aus Spanien. Er konnte sich die Dreieinigkeit Gottes nur so erklären, daß er nicht von drei Personen Gottes, sondern von drei Kräften, bzw. drei Wirkungsweisen Gottes in Gestalt von Vater, Sohn und Heiligem Geist sprach. Darum ging der Streit. Und er endete tödlich für Servet. In der Hauptstadt der Schweizer Reformation wurde er am 27. Oktober hingerichtet.

Am Morgen des Hinrichtungstages, dem 27. Oktober 1553, gehen Calvin und sein Freund Farel ins Gefängnis, um den Verurteilten noch einmal zu besuchen. Servet ist bestürzt vom Todesurteil und ruft immer nur „Misericordia, misericordia, Erbarmen, Erbarmen!". Dann gewinnt Servet seine Fassung wieder und bittet Calvin um Vergebung. Calvin antwortet: „Niemals habe ich dich um meiner persönlichen Beleidigung willen verfolgt! Aber ich bitte dich herzlich, Gott um Gnade anzuflehen, da du Gott so gräulich gelästert hast, indem du die drei Personen im dreieinigen Wesen Gottes geleugnet hast.“

Farel erzählt: „Da war Servet zwar anders als früher. Aber wir erreichten dennoch nicht, was wir von ihm wollten, nämlich, daß er seinen Irrtum erkenne und die Wahrheit annähme. Alle unsere Ermahnungen und Bitten waren vergeblich. Servet schlug sich nur an die Brust und bat um Gnade, er rief Gott an, er betete zu Christus, und er erkannte ihn als Heiland an und noch viel mehr. Aber er erkannte in Christus nicht den Sohn Gottes, sondern nur den Menschen in der Zeit.“

Dazu schreibt der holländische Calvin-Biograph Willem F. Dankhaar: „Es ist ergreifend, das zu lesen. Da bittet ein Mensch, gebrochen im Angesicht der Ewigkeit, um Vergebung: er bittet Gott um Gnade und ruft Christus als seinen Heiland an. Aber die beiden Pfarrer fordern nur ein sauberes trinitarisches Bekenntnis, und sie bekommen ebendies zu ihrer Enttäuschung nicht zu hören. An dem heiligen Ernst dieser beiden Männer (sc. Calvin und Farel) ist ebenso wenig zu zweifeln wie an dem Servets." - Und - da wir in der Melanchthon-Akademie sind, muß ich das hinzufügen: Melanchthon schreibt später an Calvin im Blick auf diesen 27. Oktober 1553: „Ich habe Dein Schriftstück gelesen, worin Du die verwerflichen Gotteslästerungen Servets widerlegt hast, und danke dem Sohne Gottes, der Richter in Deinem Kampf war. Auch die Kirche ist Dir jetzt und zukünftig Dank schuldig. Ich bin völlig einverstanden. Und ich bestätige zugleich, dass Deine Obrigkeit recht gehandelt hat, indem sie den Lästerer nach seinem rechtmäßigen Prozeß zum Tode verurteilte." (Calvin, S. 126-128)

Noch einmal: alle Beteiligten meinen es absolut ernst und subjektiv ehrlich und gut. Aber indem sie auf wortwörtlichen Wahrheiten bestehen und nicht fragen, was dann diese Wahrheit mit dem unwiederbringlichen irdischen Leben der beteiligten Menschen macht, werden sie faktisch zu Mördern, bzw. Mordgehilfen - wenn wir heutige Maßstäbe für Recht, Gesetz und Wahrheit anlegen.

Und darum beginne ich meinen Vortrag über christlichen Fundamentalismus am 27. Oktober mit der Erinnerung an Servet. Er zeigt, daß die mit dem Fundamentalismus aufbrechenden Probleme nicht die Probleme irgendwelcher extremistischer Sektierer sind, sondern daß sie im Zentrum der Reformation, mitten in unserer Kirche auftreten können. - Und wenn ich im folgenden auch viel von amerikanischen Christen und von in unseren Augen zum Teil unglaublichen Phänomenen sprechen muß, dann nicht, um mit dem Finger auf die anderen zu zeigen, nicht um die Fundamentalisten in Bausch und Bogen zu diffamieren, sondern um uns einen Spiegel vorzuhalten: Seht diese Gefahren stecken. in unserer eigenen Glaubenstradition! Laßt uns sehr aufmerksam hinschauen, damit wir die Gefahren erkennen und damit nicht auch wir wieder aus besten Absichten zu Komplizen der Unmenschlichkeit werden. Und auch, wenn im Deutschland des Jahres 1994 nicht mit Mordanschlägen fundamentalistischer Christen zu rechnen ist, müssen wir Geschichte und Gefahren des Fundamentalismus kennen, weil auch nur latente, auch nur geistige und geistliche Gewaltbereitschaft immer gefährlich ist. Zu sehr war und ist das Christentum für diese Gefährdung anfällig.

II. Das verwirrte Kind der Moderne
Fundamentalismus ist ein Kind der Moderne. Das Wort „Fundamentalismus" taucht in unserer Sprachgeschichte zum ersten Mal auf im Jahr 1910 in einer christlichen amerikanischen Schriftenreihe: „The Fundamentals: The Testimony to the Truth" (12 Bd 1910-1912). In dieser Schriftenreihe wird zusammengefaßt, was seit etwa 1870 in nordamerikanischen Großstädten auf Bibelkonferenzen und prophetischen Konferenzen diskutiert wurde. Da war es auf all diesen Konferenzen um die Bedrohung der guten alten christlichen Tradition durch „Industrialisierung", „Urbanisierung" und „Auflclärung" gegangen. Wer war denn da vorwiegend bedroht? Das traditionelle Familienleben der Mittelklasse-Familien, das noch durch die Zweiteilung der Arbeitswelt in Frauendomäne und Männerbereich gekennzeichnet war, also frei nach Schiller: „züchtig waltet die Hausfrau " hier und: „der Mann muß hinaus ins feindliche Leben " dort! Diese Einteilung kam ins Wanken, als die Industrie massenweise Arbeitskräfte brauchte und als auch Frauen vom Arbeitsmarkt angezogen wurden. Die alte Familie war bedroht. Bedroht war auch das so informell, fast familienmäßig organisierte Kirchenleben. In den modernen Großstädten wurden Kirchengemeinden zunehmend mehr organisiert: Struktur und Organisation ersetzten auch hier oft Gefühl und Gemeinschaft. Eine Großstadtgemeinde braucht eben auch Strukturen wie z.B. eine solche Akademie, wo in früheren Zeiten Bibelkreise auf Nachbarschaftsebene durchaus genügten. - Damit änderten sich auch liturgische Aspekte, Texte, Melodien, ja sogar die Sprache der Gemeinden. Die guten alten Choräle des 19. Jh waren nicht mehr die einzige Form der Kirchenmusik. Bedroht war also alles, was bisher so selbstverständlich Ausdruck von Kirchenleben schien. Und nun reagierten Propheten und Pastoren landauf, landab mit Kritik an den modernen Zeiten.

Gestatten Sie mir an dieser Stelle einen kleinen Umweg. Was ist denn „die Moderne"? Hans Jonas bezieht sich (Prinzip Verantwortung, 251) auf das Programm des englischen Philosophen Francis Bacon (~ 1626), dessen Schlagwort wir alle kennen: „Wissen ist Macht". Wissen und Macht des Menschen gründen auf seiner Herrschaft über die Natur durch Technik. Und Bacons Programm der Moderne ist bis heute erfolgreicher als uns allen lieb sein kann, weil die Macht des technischen Wissens sich gegenüber Mensch und Natur zu verselbständigen droht.

Und nun können wir eine sehr eigenartige Feststellung gegenüber dem „Fundamentalismus" treffen. Die fundamentalistischen Kritiker der Moderne sind zugleich glühende Verehrer von Francis Bacon, also in gewisser Weise selber Kinder der Moderne. 1895 spricht ein gewisser A.T. Pierson auf einer „Prophetenversammlung" zum Thema: „Ich wünsche mir eine biblische Theologie, die ... nicht mit einer Hypothese beginnt, um dann die Fakten und die Theorie zu verdrehen, damit sie auf unser Dogma passen - ich wünsche mir vielmehr ein Baconsches System, das zuerst die Lehren aus dem Wort Gottes zusammenstellt und dann daraus allgemeine Regeln ableitet, nach denen schließlich die Fakten geordnet werden. "

Hier müssen wir einen Moment innehalten, weil sich hier grundsätzliche Züge des christlichen Fundamentalismus zeigen:
1. „Fundamentalismus" ist ein höchst rationales System, also nicht einfach die religiöse Willkür, als die uns manches erscheinen mag.
2. „Fundamentalismus ist ein höchst modernes System; es nutzt die Moderne sowohl philosophisch als auch technisch, wo immer möglich. Wir sehen das auch daran, daß die technisch und ökonomisch extrem effektive „Elektronische Kirche" in den USA fest in der Hand der Fundamentalisten ist.
3 „Fundamentalismus" ist ein verzweifeltes und verwirrtes Kind der Moderne, weil er die Auswirkungen der Moderne auf das eigene Denken und Leben nur mit prinzipieller Abwehr parieren kann; eine Veränderung der eigenen Denk- und Lebensformen kommt grundsätzlich gerade nicht in Frage.

Machen wir uns diese Seite des „Fundamentalismus" an der einen berühmt gewordenen Szene des Jahres 1925 klar. Der Ort ist die Kleinstadt Dayton in Tennessee. Der Lehrer John Scope hat in seiner Schule die Abstammungstheorie von Charles Darwin vorgetragen. Eltern erfahren das, gehen vor Gericht und erreichen die Bestrafung des Lehrers. Der Prozeß ist berühmt geworden als der „Affenprozeß" von Dayton. Einer der treibenden Kräfte gegen die ganze Theorie ist der presbyterianische Christ W.J. Bryan. Mit ihm gewinnt die gesamte christlichfundamentalistische Front. In mehreren Staaten wird Darwin im Unterricht verboten. Lehrer, die dagegen verstoßen, werden entlassen oder bestraft. [Wir erinnern uns, daß diese Diskussion in den USA z.Z. des Präsidenten R. Reagan eine Neuauflage im Jahr 1985 erfuhr.] Fundamentalisten instrumentalisieren die Gewalt des Staates, um ihre Weltanschauung gegen eine andere durchzusetzen. Dabei ist ihre eigene Weltanschauung u.a. dadurch ausgezeichnet, daß sie die alte, bewährte ist. Sie muß gegen die Wirren moderner Widersprüche wiederhergestellt werden.

Moderne Wirren ganz anderer Art verstärken den fundamentalistischen Widerstand gegen die Moderne. Ende des 19. Jh „fluten" (ich benutze diesen schlimmen Ausdruck sehr bewußt, um Assoziationen zu heute zu ermöglichen) 17 Millionen Asylanten, meist „Wirtschaftsasylanten" in die USA. Die meisten sind nicht-protestantisch. Damit wird die religiöse und kulturelle Landschaft einschneidend verändert. Vielfalt prägt das Bild, wo bisher ein homogenes protestantisches Klima herrschte. Auf diesen neuen religiös-kulturellen Pluralismus reagieren die Fundamentalisten mit der Suche nach eindeutigen, verläßlichen Grundlagen ihres Glaubens.

Anders als andere Konservative oder Orthodoxe geht auch hier die fundamentalistische Bewegung höchst rational und organisiert vor. Die Städte sind die Zentren der Moderne. Die Städte sind auch die Zentren des „Fundamentalismus". In den Städten werden zunächst große Konferenzen organisiert, sog. Bibel-Konferenzen oder Prophetenversammlungen. Die ersten berühmten fanden in Niagara-on-the-Lake statt, daher ihr Name „Niagara-Bible-Conference" (seit 1875). - Die erste internationale Prophetenversammlung fand 1878 in New York City statt.

Daneben wurden seit 1908 (Los Angeles) Bibel-Institute gegründet. 1909 erscheint die erste kommentierte Bibel, die berühmte Scofield Reference Bible, ein Standardwerk des Fundamentalismus mehr oder weniger bis heute. Und dann erscheint ein Jahr später die erste Nummer (1910) der Schriftenreihe „The Fundamentals" . Ihr Ziel ist es, Zeugnis abzulegen, „damit der Unglaube, der auf der Kanzel und der Kirchenbank die Kirche Christi gelähmt hat, überwunden wird und daraus eine weltweite Erweckung folgt" ([Martin E. Marty and R. Scott Appleby, Fundamentalisms Observed, Chicago 1991] (FO), 22).

Hier werden nun fünf fundamentale Glaubensaussagen formuliert:
l. Verbalinspiration
Die Bibel ist absolut irrtumsfrei und wahr und genügt vollkommen. Das heißt, daß der „Fundamentalismus" sich als protestantische Buchreligion zeigt: sola scriptura. - Da sie das Buch hat, hat sie die Wahrheit. „Zur fundamentalistischen Bewegung gehört ihr exklusiver Wahrheitsanspruch und die Stigmatisierung aller anderen, gehört die radikale Gruppenbildung und Ausgrenzung aller anderen. " (Pfürtner [Fundamentalismus. Die Flucht ins Radikale, Freiburg 1991], 50)
2. Jungfrauengeburt
Hier wirkt sich der Affekt gegen die Naturwissenschaft aus, wie das im „Affenprozeß" zum Ausdruck kommt. Denn es ist ja nur die Naturwissenschaft, die diesen Glaubenspunkt in Frage stellt. - Der Prozeß zeigt aber auch, wie Religion und Politik vermischt bzw. instrumentalisiert werden.
3. Sühneopfer Jesu
4. Leibliche Auferstehung
5. Wiederkunft Christi zur Errichtung seines Tausendjährigen Reiches vor demJüngsten Gericht

Diese fünf Fundamente sollen den verwirrten Kindern der Moderne zur eigenen Identität helfen, ihnen klare und einfache Entscheidungen ermöglichen im Entweder-Oder, damit sie in der verwirrenden Vielfalt der Moderne nicht zu Grunde gehen.

III. Die militanten Folgen der Verunsicherung
Aus ihrem buchstäblichen Gebrauch der Bibel haben „Fundamentalisten" nun doch zwei verschiedene Erwartungshaltungen entwickelt. Sie alle sind stark ausgerichtet auf das Tausendjährige Reich. Aber die Frage, in der sie sich unterscheiden, ist die, ob nun Christus vor dem Millenium wiederkommt (Premillenianion) oder nachher. Es geht ja jedesmal um den Bruch in der Geschichte, den sie erwarten (rapture!), mit dem Christus sie herausretten wird aus der vergehenden Welt. Aber dieser Bruch wird von vielen Prophezeiungen umgeben, bes. in Daniel und Offenbarung. Da ist von vielen Tribulationen die Rede, woraus dann ein Fahrplan für das Weltende entstehen kann. Danach erst bringt X Friedensreich. Premilleniaristen sagen: X muß vor dem Millenium wiederkehren. Seine Wiederkehr wird von Katastrophen vorbereitet, einschließlich der Herrschaft des Antichrist. Danach kommt X plötzlich, um alles zu beenden.
Postmilleniaristen sagen: X kommt nach dem Millenium. Und wir haben die Chance, durch soziales Engagement z.B. die Trübungen zu lindern und Sein Kommen zu beschleunigen. - Diese Postmillenialisten sind in gewisser Hinsicht optimistischer als die Premilleniaristen, weil es sich für sie lohnt, sich politisch, sozial und gesellschaftlich zu engagieren.

Beide Ausprägungen haben als eschatologisch geprägte Denkweisen ein besonderes politisches Interesse. Und das ist nun bei den Premilleniaristen höchst brisant. Jedes politische Problem kann bei ihnen interpretiert werden als ein Zeichen der biblisch beschriebenen Katastrophen. In diesem System ist nun nichts wirklich erschreckend; alles gehört zum Plan, selbst die größten Grausamkeiten, selbst ein atomarer Weltkrieg gehört wie Hungersnot und Seuche zu ihrem Weltbild und dient ihrer Selbstvergewisserung: Seht ihr, wir wußten schon, daß das kommen muß.

In diesem Schema spielt nun der Kommunismus eine besondere Rolle als die Verkörperung des Antichrist. Besonders der premilleniaristische „Fundamentalismus" ist daher zutiefst vom unüberbrückbaren Gegensatz zu jeder Form des Kommunismus beherrscht. Diesen zu bekämpfen, ist Auftrag jedes Christen (Reagan, Totaler Krieg..., S. 41 ). Am deutlichsten läßt sich diese Verbindung in Lateinamerika erkennen. Lateinamerikanische „Fundamentalisten" sind vom Premilleniarismus geprägt. Und die heillose Verknüpfung lateinamerikanischer „Fundamentalisten" mit den menschenverachtenden Militärjuntas von Chile (FO, 142), Guatemala (FO, 143), El Salvador (FO, 144 CAM, FO, 146), Argentinien (FO, 175).

In diesen Kontext gehören aber auch die Geschichten von Campus Cruzade for Christ (FO, 163) mit ihren Verquickungen mit dem CIA (Die letzte Schlacht..., 73). - Die Militanz dieser Kampagnen kommt nicht immer zum Vorschein. Wenn wir z.B. wissen, daß das „Frauenfrühstück" und Aktion „Neu Anfangen" personelle und sachliche Vernetzungen mit Campus hat, dann ahnt man etwas von der Wandlungsfähigkeit des premillenianen Fundamentalismus.

Von hier aus knüpfe ich jetzt zurück an den Anfang, an dem ich Ihnen den Besuch Calvins und Farels in Servets Gefängnis geschildert habe. Wir haben in Inhalt und Form leider ganz ähnliche Besuchsprotokolle aus unseren Tagen. Es sind da Menschen am Werk, die einen südamerikanischen militanten „Fundamentalismus" vertreten ( Totaler Krieg..., 42). Tatsächlich ist dieser Wahn heute nicht in Deutschland denkbar. Aber er ist die Gefahr, die bei leichter Perversion unseres Glaubens in unserer eigenen Tradition lauert. Lassen Sie uns darum schon den Anfängen wehren. Gerade weil der „Fundamentalismus" eine vielschichtige und in vielerlei Hinsicht durchaus nachvollziehbare Sache ist, müssen wir, die wir sozusagen den „Fundamentalismus" in der Muttermilch des Christentums aufgenommen haben, besonders wachsam sein.

B. Praxisaspekte

Heute abend will ich einige Fakten aus dem Vortrag Fundamentalismus (I) des vergangenen Semesters voraussetzen und gleichzeitig das Thema fortführen. Dabei soll es um zwei besondere Aspekte gehen: Einerseits möchte ich am Beispiel des jungen Amerikaners Tom zeigen, wie fundamentalistische Religiosität im Einzelfall „funktioniert“. Hierzu dient mir ein Aufsatz von Dieter Stoodt als Vorlage. (1) Ich möchte andererseits die politischen Auswirkungen des Fundamentalismus in Amerika heute mit einigen Beispielen beleuchten.

1. Das Beispiel des jungen Fundamentalisten Tom
Fundamentalistisches Verständnis der Bibel vermittelt eine ungeheure Gewissheit. Da jedes Wort der Bibel göttlich inspiriert ist, erhebt mich das Bibelwissen über alle Alltagsdiskussionen und über allen Zweifel in dieser verwirrenden modernen Welt. Darum wird die wörtliche Auslegung der Bibel zum scheinbar unanfechtbaren Grundstein des Fundamentalismus.

Tom ist ein junger amerikanischer Student, der im Fundamentalismus seine ganze Selbstsicherheit und seine positive Weltanschauung begründet sieht. Er reibt sich an dem evangelischen Theologen, der aus Deutschland gekommen ist und eine kritische und liberale Theologie und Auslegung des biblischen Textes befürwortet. Tom sagt: Die wörtliche Auslegung der Bibel betrachtet die Gesamtschrift als von Gott eingegebenes Gotteswort. Von Adam und Eva bis zur Wiederkunft Christi ist alles Tatsache. Der Inspirationsglaube verbindet sich hier mit dem positivistischen Tatsachenglauben. Das angeblich Faktische zählt und imponiert. Das angeblich Faktische macht einen vernünftigen und eigentlich modernen Eindruck.
Gleichzeitig ist Tom ein sportlicher Typ, auch darin das Bild eines modernen jungen Amerikaners. Seine Philosophie verbindet nun die sportliche Erfahrung mit seinem religiösen Fundamentalismus: In Amerika sind viele am Sport besonders stark interessiert. Alle Sportler wissen, dass man in einem erfolgreichen Team bleiben sollte. Warum sollte man wechseln, wenn das Team Erfolg hat. – Nun wird man aber die Millionen wiedergeborener Christen in unserem Land kaum davon überzeugen können, dass eine liberale und symbolische Interpretation der Bibel Erfolg haben kann. Tatsächlich haben wir ja sogar zwei besonders große Fernsehanstalten in unserem Land (Christian-Broadcasting-Network) und Praise-the-Lord-Network), die ja durch ihre Netze das Wort Gottes in viele Länder der Erde senden. Beide sind höchst erfolgreich und bringen viele Bekehrungen zum Christentum zustande, indem sie die wörtliche Auslegung des Wortes Gottes betreiben. Unser Land erlebt ja eine spirituelle Erneuerung! Sogar im Bereich der Musik erleben viele heute ihre Bekehrung und predigen das Wort Gottes durch ihre Musik. Sie alle beharren auf der wörtlichen Auslegung der Bibel.

Tom denkt also in guter Sportsmanier und gleichzeitig in guter Geschäftsmanier. Der Erfolg und die Zahl gibt ihm, dem Fundamentalisten, einfach recht. Aufgrund dieser erfolgsorientierten Selbstgewissheit bleiben ihm die inneren Widersprüche bei einer faktischen und wörtlichen Auslegung des Textes völlig verborgen. Das Problem im Umgang mit jungen (und alten) Fundamentalisten ist nun das, dass jeder Versuch, die Vieldimensionalität und damit auch Vieldeutigkeit der biblischen Texte zu erläutern, ausdrücklich zur Verunsicherung der Menschen beitragen muss. Ihre Siegesgewissheit wird in Frage gestellt. Alles wird unendlich viel komplizierter. Eindeutigkeiten können nicht angeboten werden. Auf der fundamentalistischen Seite, die ja immer nach Gewissheit und Eindeutigkeit strebt, muss die Frage aufbrechen: Was soll denn daran gut sein? Warum denn alles so kompliziert machen ? Die Welt ist doch schon kompliziert genug! Und außerdem: so viele Fundamentalisten können doch nicht irren.

Wie geht nun aber Tom selbst mit der Bibel um? Wir müssen entsprechend dem Wort Gottes unser Leben ändern. Es darf nicht andersherum gehen. Die Bibel sollte der Magnet sein, von dem wir angezogen werden. Wir müssen bereit sein, uns zu ändern, zu handeln und zu glauben, so wie die Schrift es sagt. Wenn Tom seine eigene Lebensgeschichte erzählt, geht es aus heutiger Perspektive nur um sein Leben und die Bibel: Ich war zwölf Jahre in einer katholischen Schule... Ich ging zur Kirche und sang Choräle. Ich war anständig angezogen. Als ich zur Universität kam, hielt ich von der Bibel ungefähr genauso viel wie die anderen Leute. Also nicht viel.

Man muss sich klarmachen, das sind die Jahre 1968 - 1980. Tom erzählt von seinem Leben, ohne auch nur irgendein konkretes Detail aus der Familie zu berichten. Auch aus der Gesellschaft rundherum bewegt ihn offenbar nichts außer der Bibel. Weder der Kampf der Schwarzen gegen den amerikanischen Rassismus, die Erfahrungen Martin Luther Kings, der Vietnam-Krieg noch irgendeine andere Entwicklung von außen interessiert ihn. Der Biblizismus macht ihn blind für den Rest der Welt. Dann kommt der Wechsel zur Universität. Sein Lebenslauf geht so weiter: Ich suchte Wahrheit und Freude. Ich bekam es mit Rock-n-Roll-Musik, Alkohol, Marihuana und anderen Drogen, Mädchen und sogar LSD zu tun. Wow, ganz plötzlich hatte ich ein spirituelles Leben. Die ganze Zeit vorher hatte ich keine spirituellen Gefühle. In dem Augenblick, in dem ich mein Leben änderte, bekam ich Bekanntschaft mit der Spiritualität. Mit dieser neuen Spiritualität erfuhr ich ehrlich, dass die Wahrheit jenseits des Christentums und der Welt von Musik, Drogen, usw. liegt. Da kam Power in mein Leben. Meine Freunde und ich hatten einen ungeheuren Einfluss auf unsere Umgebung. Wir lebten in unserer eigenen Welt, und die anderen drehten sich um unser Leben oder versuchten, mit einzusteigen. Musik, Drogen und die Leute überzeugten mich immer mehr, dass ich das Richtige tat. Aber im Laufe der Zeit merkte ich, dass mit diesem Leben irgend etwas falsch war. Ich verfiel auf Marihuana und hatte keinen wirklichen Frieden im Innern. Die Musik erschien mir mehr und mehr wie Todesmusik. Ich merkte, es müsste etwas mehr geben als das. Ich wollte es wissen. Ich begann, Gott durch Gebete zu suchen. Er antwortete in wunderbarer Weise. Er gab mir ein neues Selbstvertrauen, weil ich ihm vertraute. Das war in Ordnung, aber immer noch war ich mit all den anderen Dingen verwickelt. Ich glaubte zwar an Gott, aber Glaube und Lebensstil stimmten nicht überein. Da begegnete ich einem einzelnen Menschen, der mir erklärte, dass die Wahrheit und der Weg zum Leben in der Bibel gefunden wird. Er erklärte mir die Welt in einer Art und Weise, die mich wirklich traf, z.b.: „Rock-n-Roll predigt nur das Leben der Zerstörung“. Ich dachte darüber nach und begann, in der Bibel zu lesen. Zum ersten Mal las ich sie wörtlich. Ich betrachtete die als das Heilige Wort Gottes, aus dem alle den wahren, angemessenen und höchst befriedigenden Lebensweg lernen sollten. Ich erfuhr etwas über Satan und seinen Versuch, die Welt zu verwirren. Aber über allem lernte ich von Jesus, der mich so unendlich lieb hat. Er ist persönlich gestorben für mich, damit ich eine Beziehung zu Gott haben konnte. Jesus lehrte mich, ihm in jeder Hinsicht zu vertrauen. Meine Vergangenheit aufzugeben und ein neues Leben zu beginnen, indem ich ganz einfach nur ihm vertraute, dass er mich leiten und behüten könnte. Er deckte mich mit seinem Blut zu und hat mir versprochen, immer bei mir zu sein. Jesus lebt jetzt in meinem Herzen, das früher leer war. Jesus hat mir neue Augen gegeben. Ich sah die Welt nun anders, die Bibel wurde meine Autorität über das ganze Leben, und plötzlich war ich und bin bis heute fröhlich, liebevoll, fürsorglich, ehrlich, ein Individuum, das gut sein kann. Jesus hat mich zum Besseren verändert. Er hat mir die Fähigkeit gegeben, alles das zu tun, was ich tun will und das Vertrauen, das ich brauche, um es zu tun. Jesus hat mich aus Ägypten herausgeführt (Rockkultur) und führt mich ins gelobte Land (das ewige Leben mit ihm!).

Wenn man Toms Bekehrungsgeschichte nun bedenkt, fällt auf, wie sehr alles um ihn herum sich in Schwarzweiß-Manier schildern lässt. Der scheinbar so auf Fakten und Faktisches konzentrierte Tom lässt sich im Grunde weniger von Fakten als von „Faktoiden“ (factoids) bestimmen. Faktoide sind „Schöpfungen, die nicht so sehr Lügen sind als vielmehr Zeugnisse, die Emotionen hervorrufen sollen“. (2) Geschichte, Politik, Gesellschaft, Umwelt, werden auf das subjektive Schicksal reduziert, die Wirklichkeit wird „religiös-subjektivistisch“ unterlaufen. (3) Tom erlebt also eine zweite Bekehrungsgeschichte, nach der er erst der wirklich neue Mensch wird. Die biblische Autorität enthebt ihn allen Versuchungen und Verwirrungen der Welt. Interessant ist nun an diesem religiösen Lebenslauf, dass er ja schon vor seiner zweiten Bekehrung eine spirituelle Bekehrung erlebt hatte. Diese frühere Spiritualität war aber noch eine solche, die die Welt von Musik und Jugendkultur nicht ganz abgeschrieben hatte. Nun, nach der zweiten Bekehrung, nachdem er wirklich zur Wahrheit gelangt ist, erkennt er, dass auch dieses frühere spirituelle Leben tatsächlich vom Satan beherrscht war.

Satan wider Gott. Der Kern des fundamentalistischen Weltbildes, das sich nun nach der zweiten Bekehrung unter der fundamentalistisch verstandenen Autorität der Bibel entwickelt, ist dieser Dualismus. Die Welt kann nur vom Bösen oder vom Guten beherrscht werden. Etwas dazwischen gibt es nicht. „Heiß oder Kalt, Ja oder Nein, niemals dürfen wir lauwarm sein“. Das fundamentalistische Weltbild kennt nur schwarze oder weiße Farben. Die schärfste Auseinandersetzung mit Tom entzündet sich an der Frage, ob die biblischen Texte, in denen von Satan die Rede ist, religionskritisch zu lesen und zu relativieren sind oder ob hier tatsächliche Weltgeschichte erzählt wird. Für Tom sind Texte wie Jes 14, 12-15 (der Sturz des Babylonischen Weltenherrschers) in Verbindung mit Luk 10, 18 und Off 12, 9 („Er sprach aber zu ihnen: ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz“ – „und es ward gestürzt der große Drache, die alte Schlange, die da heißt Teufel und Satan, der die ganze Welt verführt. Er ward geworfen auf die Erde, und seine Engel wurden mit ihm dahingeworfen.“) wörtlich zu nehmende Zentren seines Weltbildes. Das wird verstärkt dadurch, dass in Miltons Paradise lost (1658-1663) diese Vorstellung von Luzifer sozusagen ein unumstößliches kulturelles Niveau bekommt. Zum amerikanischen Protestantismus gehört der Gedanke einer göttlich-satanischen Weltenteilung.

In entsprechenden Comic-Heftchen erfährt Tom genau diese Tradition auf anderer Ebene wieder. Die Comic-Serie „The Cruzaders“ erzählt von der Luzifer-Tradition: Luzifer ist der gefallene Engel Gottes, der Gott selbst werden wollte und darum zur Erde verbannt wurde. Der Planet Erde und die Atmosphäre um die Erde herum sind sein Reich. Luzifer kann da nun heißen Satan, Teufel, Fürst der Lüfte, Macht der Luft, der Gott dieser Welt. Nun heißt es ganz dualistisch: Als Gott dem Adam die Herrschaft über die Erde gab, war Satan darüber entrüstet, weil er selbst Herr der Erde sein und bleiben wollte. Darum hat Satan den Adam permanent verführt und zum Sündigen zu bringen versucht. So gewann Satan die Kontrolle über die ganze Erde. Er hasste den Menschen, und er hasst noch heute die ganze Menschheit. Unter Satan ist die Welt zum Irrenhaus geworden. Nun will Gott die Welt Satan wieder entreißen und hat dazu das Volk Israel als Instrument genommen. Wir leben heute in der beginnenden Endzeit.

Tom glaubt total an die Wahrheit dieses Comic-Weltbildes. Jede andere Auslegung dieser biblischen Texte, jeder Hinweis, dass selbst der Name Luzifer nicht biblisch ist, wird entrüstet zurückgewiesen. Tom braucht Satan-Luzifer, um die dualistische Struktur seines Weltbildes zu behalten. Immer sind die Strukturen die gleichen: vor der Bekehrung – nach der Bekehrung, christliche Lehre ist entweder falsch oder richtig; entweder stimmt, was in der Bibel steht, oder es stimmt nicht. So wie die gesamte Religion von dieser dualistischen Sicht bestimmt ist, so auch Politik, Moral, Kunst, usw. Das Leben ist Kampf. Nach der Bekehrung geht dieser Kampf verstärkt weiter. Zu dieser Kampfesperspektive gehört die Gewissheit, selbst erwählt zu sein zum Kampf auf der richtigen Seite.

Für Tom ist klar, dass alle rechten Christen immer Fundamentalisten gewesen sein müssen. Er kann gar nicht verstehen, dass Denken und Religion eine Geschichte durchgemacht haben, in deren Verlauf erst durch die moderne Kritik des Denkens, die Grundlagen für den Fundamentalismus gelegt worden sind. Er kann darum auch nicht verstehen, dass seine Behauptung, Luther sei Fundamentalist gewesen, von daher schlicht Unsinn ist. Was macht nun den dualistischen Fundamentalismus für Tom und seine Freunde so verlockend?

1. Sie finden in diesem System für fast alles Klarheit. Mit dem Teufel kann man alles erklären. Die komplizierten Fragen von Politik und Geschichte lassen sich ausklammern, denn hinter allem steckt der Satan.
2. Die Gesellschaft wird nicht nach den Gesetzen von Politik und Markt analysiert. Alle gesellschaftlichen und politischen Probleme werden individuell über einzelne Personen diskutiert. Immer ist ein einzelner zu finden, der schuldig ist, wenn etwas schief geht. Letztlich ist es immer Satan, der den einzelnen gelenkt und verführt hat. Satan hat seine Agenten überall: Jesuiten und Papst, Juden und Kommunisten, Liberale und Ökumene, die UNO und die Friedensbewegung. Und für diese Weltsicht bekommt Tom immer recht. Er greift zur Statistik und belegt mit der Statistik den zunehmenden Einfluss Satans in unsere Welt: In USA waren 1955 1,7 Mill., 1977 aber 6,4 Mill. Menschen psychisch krank. Im Jahr 1900 wurde in den USA von 12 Ehen nur eine geschieden, heute aber wird schon jede zweite Ehe geschieden. Stress und Sorgen, Depressionen und Einsamkeit, Zusammenbrüche und Selbstmordversuche – alle Zahlen steigen. Das ist für Tom Beweis dafür, dass die Welt von Satan zunehmend beherrscht wird. Wie funktioniert nun Toms Fundamentalismus auf der individuellen Ebene?

Tom hat den Beschluss gefasst, dass seine Bibelübersetzung die richtige, authentische und irrtumsfreie sei. Seine Bekehrung, so hat er beschlossen, hat aus ihm einen netten Menschen gemacht. Das dualistisch-fundamentalistische Weltbild ist die Wahrheit. So bestätigen es ihm die Comic-Heftchen, die amerikanische Mainstreamkultur, die fundamentalistischen Fernsehstationen, die Millionen fundamentalistischer Freunde in aller Welt. Das heißt aber, dass Toms Religion ein Ergebnis seines eigenen Beschlusses ist. Diese Art von Fundamentalismus ist eben ein Beispiel für die moderne „Meinungsreligion“. Das Wahrheitsbewusstsein ist willkürlich, wird mehr oder weniger zufällig beschlossen. Diese fundamentalistische Religiosität lebt vom schlichten Subjektivismus, der sich hinter dem Klammern an festgefügte überlieferte Struktur verbirgt.

Der Beschluss zu einer solchen Religion ist besonders hilfreich in einer Situation, in der Orientierung und Durchblick schwierig sind oder verlorengegangen sind. Nun kann man mit dem Beschluss auf einmal eine eigene neue Perspektive gewinnen, da hat man die Wahrheit, und man ist die verwirrende Wirklichkeit endlich los. Alles, was man leisten muss, ist nur ein Willensakt dieses einmaligen Beschlusses. Nun könnte bei näherem Hinsehen die Gründung der ganzen Welt und der ganzen Wahrheit auf diesen einzelnen einmaligen Beschluss etwas schwach erscheinen. Darum muss dieser Willensakt, die Bekehrung, besonders herausgestrichen werden. Diese Bekehrung ist eine schwere, große und erstaunliche eigene Leistung. Und sie ist letzten Endes ja Gottes Werk an mir und dadurch viel gewichtiger. Und durch den Verzicht auf das frühere Leben wird unterstrichen, dass es hier nicht um subjektive Willkür geht, sondern um den Eingriff von oben.

Die Konstituenten dieses Fundamentalismus sind also:
• das Ineinander von biographischen Zusammenhängen, traditionellen Vorgaben und Gruppenbindung
• der Protest als objektiv notwendige Reaktion auf die Gefährdung der Lebenswelt
• das Verkennen politisch-ökonomischer Basisprozesse
• das Verschleiern dieses Protests, der nicht als Reaktion auf ökonomische oder politische Veränderungen, sondern als unbedingt notwendig dargestellt wird.
Dieses Beispiel des amerikanischen Studenten Tom kann vielleicht erklären, inwiefern der Fundamentalismus eine wirkliche Verlockung für moderne Jugendliche sein kann. Er ist ja sensibel für viele gesellschaftliche Probleme, er nimmt gerade eine gewisse Art von Nachdenklichkeit und jugendlicher Unzufriedenheit auf, er bietet aber in diesem Kontext mehr als viele andere Agenten des Geistes anscheinend vernünftige Antworten und ein soziales Netzwerk, das die Seele stärkt.

Gerade in Amerika ist aber der Fundamentalismus in den letzten Jahrzehnten auch eine nicht zu unterschätzende politische Macht geworden. Dieser politischen Seite des amerikanischen Fundamentalismus gilt nun der zweite Teil.

2. Amerikanischer Fundamentalismus und amerikanische Politik
1910:
Wir hatten schon in der Einführung in den Fundamentalismus gesagt, dass der Begriff Fundamentalismus zum ersten Mal auftaucht in der zwölfbändigen Paperback-Serie „The Fundamentals“, die über Pfarrer, CVJM-Verbände und christliche Seminare in einer Auflage von 3 Mio. Stück verteilt wurden. Ihr Ziel lag darin, „dass der Unglaube, der auf Kanzel und Katheder die Kirche Christi gelähmt hat, überwunden und eine weltweite Bekehrung in Gang gesetzt wurde“ (FO, 22). So steht der Fundamentalismus mit dem ersten Erscheinen des Begriffs sofort im deutlichen Gegensatz zu „Kanzel und Katheder“.
1917:
Sehr früh aber verbündet sich dieser antiliberale und antikirchliche Aspekt des amerikanischen Fundamentalismus mit einem politisch-nationalen Element. Die wesentlichen Entwicklungsjahre des Fundamentalismus liegen in der Zeit des Ersten Weltkriegs. Für Amerika war es lange heiß umstritten, ob man sich in den europäischen Krieg einmischen sollte. 1917 ist der Sohn eines calvinistischen Pfarrers Präsident der USA: Thomas Woodrow Wilson; er ist liberaler Christ. Wilson entscheidet sich 1917 bewusst für den Kriegseintritt gegen Deutschland, um das amerikanische Recht gegen den deutschen Kaiser zu behaupten. Wilsons damaliger Außenminister heißt William Jennings Bryan. Bryan ist Fundamentalist. Er glaubt, die Welt ist verdorben, besonders die alte Welt Europas, und muss zu Grunde gehen, bevor Christus wiederkommt; gleichzeitig verbindet sich mit diesem Gedanken ein gewisser fundamentalistischer Pazifismus. Bryan legt also das Amt des Außenministers mit Beginn der amerikanischen Intervention im Ersten Weltkrieg nieder. – Wir haben hier zwei christliche Positionen in USA: der liberale Christ ist diesmal der zugleich nationalistischer und militanter agierende (Wilson); der fundamentalistische Christ aber handelt faktisch pazifistisch, und zwar aus einem mehr pessimistischen Prä-Millenianismus heraus. (Der selbe William Jennings Bryan hat dann acht Jahre später eine militant fundamentalistische Rolle im Scope Prozess von Tennessee 1925 gespielt.) Wir müssen aber das „Schicksalsjahr“ 1917 noch einen Augenblick genauer betrachten. Was geht da im fundamentalistischen Lager vor sich? Zwar hatte Bryan aus seinem Glauben heraus pazifistische Konsequenzen gezogen, weil Europa, die alte Welt, in jedem Fall verdorben, verloren und vor der Wiederkunft Christi nicht zu retten war. Aber aus dem gleichen fundamentalistischen Glauben heraus konnten auch ganz andere Folgerungen gezogen werden. War nicht Amerika God’s own country?! War nicht dieses protestantische Land gerufen, die Welt, auch die alte Welt, in Gottes Namen zu erlösen?! Gab Gottes besondere Liebe zu Amerika diesem Volk nicht die moralische Pflicht, für die Erlösung der alten Welt zu kämpfen?! – So konnte also aus fundamentalistischem Glauben heraus politischer Isolationismus folgen (Bryan), es konnte aber auch eine protestantische Kreuzzugs-Mentalität entstehen, mit der man sich in den Krieg stürzte.

Diese fundamentalistisch-protestantische Kreuzzugsmentalität wurde nun ganz besonders gegen Deutschland entwickelt. Denn Deutschland war ja die Wiege der modernen Bibelkritik, der historisch-kritischen Exegese. Von dorther wurde die wörtliche und buchstäbliche Geltung der Schrift in Frage gestellt, diese Schwächung des Wortes Gottes konnte man nur als Werk des Satans verstehen; Deutschland war das Satans-Land. [Aus dieser Perspektive erscheint der 70 Jahre jüngere Ausspruch als amerikanische Präsidenten Ronald Reagan gar nicht mehr so eigenartig: „Moscow is the centre of the evil“ – das hat durchaus fundamentalistische Tradition!]. Gleichzeitig ist 1917 das Jahr der russischen Revolution, also des atheistischen Sieges über das Christentum. Amerikanische Fundamentalisten haben dieses Datum nur im Zusammenhang mit dem definitiv beginnenden Weltuntergang verstehen können. Der seither herrschende Kommunismus war ihnen immer das erschreckende Zeichen der bösen Welt und zugleich das mit Hoffnung betrachtete Vorzeichen der nun unweigerlich bevorstehenden Wiederkunft Christi.

Auch diesen merkwürdigen Zug fundamentalistischer Weltsicht müssen wir von nun an im Blick behalten. Es erscheint uns ja äußerst befremdlich, dass Schrecken und Entsetzen zuweilen mit kaum verhohlener Freude, zumindest aber mit unbeirrbarem Gleichmut registriert werden. Wieder haben wir 70 Jahre später in Reagans Atompolitik ein Beispiel. Ronald Reagan selber schien ja ernsthaft mit einem Atomkrieg zu rechnen. Und in den 80er Jahren haben verschiedene fundamentalistische Prediger Reagans Rüstungskurs voll unterstützt, sich sogar für Starwars und Neutronenbomben ausgesprochen. Das ist dann erst richtig erklärlich, wenn man bedenkt, dass all diese grausamen Entwicklungen ja als Vorzeichen der Wiederkunft Christi gedeutet und als solche begrüßt werden (vgl. G. Simpfendörfer, Traum in der säkularen Kultur, EK 10/89, 27ff und N. Birnbaum, Der protestantische Fundamentalismus in den USA, in: T. Meyer, Hg., Fundamentalismus in der modernen Welt, S. 1116).
1925:
Seit 1917 ist die Welt in einem schwindelerregenden Wandel begriffen. Im individuellen Bereich haben die Erfindung und Massenproduktion des Autos den einzelnen unabhängiger von angestammter Gesellschaft und Familie gemacht. Zugleich hat die massenhafte Vermarktung von Verhütungsmitteln die familiäre Verhaltenskontrolle außer Kraft gesetzt. Dadurch sahen Fundamentalisten nun die Kernzellen ihrer Existenz, Familie und lokale Sozialstrukturen, zutiefst erschüttert. Hier treten nun Fundamentalisten und modernes, industrialisiertes Amerika endgültig auseinander. Einerseits veröffentlicht der amerikanische Philosoph des 20. Jh, John Dewey, 1925 sein Hauptwerk „Experience and Nature“; er begründet den amerikanischen Pragmatismus, der sich mit Industrialisierung und Demokratisierung der Gesellschaft hervorragend ergänzt – andererseits kämpfen die Fundamentalisten (wie der oben erwähnte Bryan) 1925 ihren längst verlorenen Kampf gegen die Evolutionstheorie von Darwin. Zwar könnte der Anteil fundamentalistischer Amerikaner damals immer noch etwa 12 % der Bevölkerung ausmachen (Birnbaum, a.a.O., 148), aber von nun an handelt es sich in jedem Fall um eine Minderheit.
1935:
In der Minderheitensituation der 30er Jahre radikalisiert sich nun der amerikanische Fundamentalismus deutlich. Die rechten Demagogen gewinnen Einfluss. Einer von ihnen ist z.b. Gerard Winrod, der etwa 1935 zur Ansicht gelangt, dass der Antichrist ein Jude sei. Er ist überzeugt, dass „eine jüdische Elite teuflische Rollen im von Gott geleiteten Weltendrama spielt, das nun zu seinem Ende kommt. Die moderne Fassung dieses Komplotts stellt eine genaue Parallele zur biblischen Prophetie über das Ende der Welt dar.“ (FO, 35). So kommt Winrod zur „Erkenntnis“, dass Roosevelt in Wirklichkeit ein Jude sei. Die Protokolle der Weisen von Zion hält er für das Herzstück einer umfassenden Theorie über die jüdische Weltverschwörung.

Allerdings steht solch fundamentalistischer Antisemitismus in scheinbarem Widerspruch zum Pro-Zionismus der meisten Prä-Milleniaristen. Diese sahen ihrerseits die Gründung des jüdischen Staates als einen entscheidenden Schritt zur Eröffnung der messianischen Endzeit. Hier wiederholt sich eine fundamentalistische Eigentümlichkeit, die wir schon bei Bryan im Jahr 1917 sahen: Fundamentalisten könnten aufgrund ihrer absoluten Sicherheit über Gottes Wort und Fahrplan zu völlig konträren Konsequenzen gelangen. Diese Erfahrung, sofern sie überhaupt zur Kenntnis genommen wird, führt nun aber nicht dazu, den totalitären Aspekt ihres Wahrheitsbegriffs in Frage zu stellen, er steigert vielmehr die jeweilige Überzeugung und Militanz. 
1948:
Drei Jahre nach Kriegsende soll nun in Amsterdam endlich der ÖRK gegründet werden. Die Bestrebungen zu einem Zusammenschluss aller christlichen Kirchen der Welt gehen schon zurück bis zum Anfang des Jahrhunderts. Die fundamentalistischen Gemeinden, vor allem in den USA, sehen aber schon seit 40 Jahren darin eine Verschwörung gegen das Evangelium, denn ein weltweiter Zusammenschluss kommt ja dem endgültigen Einigungswerk Christi bei seinem zweiten Kommen zuvor. Es ist somit gegen Gottes Plan, wie überhaupt schon der Völkerbund der 20er Jahre, der Internationalismuslinker und liberaler Friedensbewegungen dem göttlichen Regiment zuwiderlaufen (FO, 23). Nun schließen sich über den amerikanischen fundamentalistischen ACCC alle Fundamentalisten der Welt gegen den ÖRK wenige Tage vor dessen Gründung genau am Ort der Gründung in Amsterdam zu einem antiökumenischen Weltbund zusammen. Gegründet wird der ICCC (International Council of Christian Churches). Der ICCC soll aller Welt zeigen, dass der Fundamentalismus gar nichts mit dem ÖRK gemeinsam hat, ihn vielmehr für eine böse Fortentwicklung des Christentums hält, denn er sei beherrscht von „modernistischen und kommunistischen Tendenzen“ (G. Schimpfendörfer, EK 10/89, S. 27).

Wieder bemerken wir eine erstaunliche Inkonsequenz im fundamentalistischen Denken. Einerseits wird der weltweite Zusammenschluss der Kirchen als ein Widerstand gegen Gottes Einigungswerk gebrandmarkt, andererseits wird genau ein solcher weltweiter Zusammenschluss der eigenen Kirchen mit konsequenter Energie betrieben. Laut „idea“ gehören heute zum ICCC 480 protestantische Kirchen mit etwa 40 Mio. Mitgliedern im Gegensatz zum ÖRK mit 320 (protestantischen) Kirchen und etwa 400 Mio. Mitgliedern. Der amerikanische Fundamentalismus ist auf jeden Fall radikal antiökumenisch und mischt permanent seine antikommunistischen Impulse in seinen Kampf gegen die Ökumene.
1956:
Das Jahr 1956 bringt eine gewisse Klärung der Fronten dadurch, dass militante Fundamentalisten sich offiziell aus Billy Grahams Feldzügen für Evangelisation zurückziehen, weil dieser auch mit nichtfundamentalistischen Gruppen zusammenarbeiten will. Billy Graham zieht daraufhin seinerseits die Konsequenzen und verlässt „Das Schwert des Herrn“ (Farley P. Butler, Billy Graham an the End of Evangelical Unity, Ph.D.Diss., University of Florida, 1976, p. 160) Zehn Jahre später schließt Billy Graham beim Kongress zur Welt-Evangelisation in Berlin (1966) den Gründer des ACCC, Carl McIntire, generell aus. Der Bruch ist äußerlich vollzogen. Hier Evangelikale – hier Fundamentalisten. – Aber die Trennung markiert nur die radikalen Flügel beider Seiten: nationalistische, antiökumenische, antikommunistische, prä-milleniaristische Militanz auf der einen Seite und weltumspannende, individuell orientierte, primär auf Rettung der Seelen (und dann auch eines Teils der Welt) orientierte Evangelisation auf der anderen.

Dazwischen berühren sich beide Lager allerdings und bilden eine diffuse breite Masse mehr oder weniger militanten evangelikalen Spektrums. Heute gehören m.E. in diese diffuse Schnittmenge beider Lager z.B. „idea“ (Simpfendörfer, 27), Evangelische Notgemeinschaft in Deutschland e.V., Campus für Christus u.a.
1963:
Seit 30 Jahren hat nun der Fundamentalismus in Amerika über verschiedene Ereignisse wieder eine teilweise stürmische Entwicklung genommen. 1963 entscheidet der oberste Gerichtshof in USA, dass an öffentlichen Schulen kein Schulgebet vorgeschrieben werden darf. Diese Entscheidung bringt des Fundamentalismus in Rage. Die Richter und die Regierung werden als Feinde des Christentums „entlarvt“. Der dahinterstehende Feind ist nun nicht mehr direkt „Satan“, sondern der säkulare Humanismus (Tim Lahaye, The Battle for the Mind, 1980). Die Fundamentalisten zählen folgende verwerfliche Konsequenzen des Humanismus auf:
• Frauenemanzipation
• Verbot der Körperstrafe in den Schulen
• Steuerrechtliche Durchleuchtung des Finanzgebarens von Religionsgemeinschaften
• Bürgerrechte auch für Schwule
• Humanistische Werte in den Schulen
• Regierungsmitsprache sogar in christlichen Schulen
• Zerstörung der Familie durch die Freigabe der Abtreibung als einer persönlichen Gewissensentscheidung.

Doch der nächste, noch wirksamere Entwicklungsschub für den Fundamentalismus waren Verlauf und Ausgang des Vietnam-Kriegs. Hier war ja in den Augen der Fundamentalisten direkt das protestantische Land Amerika in Konfrontation mit dem nicht-weißen, kommunistischen Land Vietnam. Diese Konstellation forderte alle Aufmerksamkeit der nationalistischen, antikommunistischen, protestantischen Fundamentalisten. – Der Ausgang dieses Krieges mit der Kapitulation Saigons am 30. April 1975 bedeutete die unfassbare Niederlage des weißen christlichen Amerika, das von einer kommunistischen Dritte-Welt-Macht geschlagen war: Kein überzeugenderer Beweis für die Entartung einer einstigen Erlösernation konnte angeführt werden als die Niederlage gegenüber asiatischen Kommunisten eines primitiven Landes (Birnbaum, a.a.O., 150).

Diese Entwicklung hatte nun zweierlei Folgen für den Fundamentalismus:
1. Sie wurde verstanden als Bestärkung und Bestätigung der eigenen Ansicht, dass das Jüngste Gericht unmittelbar bevorstand.
2. Sie wurde begriffen als Auftrag an die Fundamentalisten, das alte, christliche, protestantische Amerika vor dem Untergang zu retten. Diese fundamentalistischen Motive wurden nun national verstärkt durch die im Jahr 1976 überall aufwendig gefeierte zweihundertste Wiederkehr der Gründung der Vereinigten Staaten. Am Ende dieses bicentennial Jahres standen die Präsidentschaftswahlen, die nach der relativ liberalen Kennedy-Johnson-Nixon-Ford-Ära nun einen Südstaatler, einen evangelikalen Wanderprediger ins Weiße Haus brachten: Jimmy Carter wurde zunächst auch von vielen Fundamentalisten gewählt und begrüßt. Noch seine Antrittsrede am 20.1.1977 mit dem berühmt gewordenen Bibelzitat aus Micha 6, 8: „Es ist dir gesagt Mensch, was gut ist, und was der HERR von dir fordert, nichts als Recht üben und die Güte lieben und demütig wandeln vor deinem Gott“ deutet darauf hin, dass nun Amerika zu den guten alten protestantischen Werten zurückkehren wird (H.W. Wolff, Mit Micha reden, S. 110). Erst recht aber der Wahlkampf für Ronald Reagan mobilisierte Anfang der 80er Jahre das ganze fundamentalistische Lager. Sie verstanden sich als die Moral Majority (gegründet 1979), die vor allem über Familienpolitik nun die Wahlen aktiv beeinflussen wollten. Jerry Falwell war einer ihrer bekannten und im Mediengeschäft besonders erfolgreichen Sprecher. Die Moral Majority wurde eine einflussreiche politische Kraft, die gerade weil sie kein Parteiprogramm hatte und also auch keine klar definierte Zugehörigkeit, ein sehr breites politisches Spektrum beeinflussen konnte. Unter Reagans Präsidentenschaft hatte sie ihre größte Zeit. Familienfragen, Abtreibungsrecht waren ihre größten Themen. Reagan war ihr Gewährsmann in Washington.

In dieser Zeit wird die politische Basis weiter ausgebaut durch die elektronische Kirche. Zwei große Fernsehanstalten CBN (Christian Broadcasting Network) und Praise-the-lord-Network stehen 24 Stunden am Tag zur Verfügung, dazu zahllose lokale Radiostationen, Zeitungen und Verlage. Und wieder sind merkwürdige Widersprüche zu beobachten:
1. Zur Person Reagans. Man muss schon einen sehr groben Humor haben, wenn man ihn zum politischen Zugpferd des Fundamentalismus macht: ein geschiedener Präsident, der seine eigenen Kinder nicht mehr sehen wollte; ein vermeintlicher Filmstar aus Hollywood, der nie einen besonderen Hang zu harter Arbeit an den Tag legte; einer, der sich selbst als Christ bezeichnete, doch nie zur Kirche ging. Dieser Mann sollte der Führer eines streng christlichen neuen alten Amerika sein?! (Birnbaum, a.a.O., 151 f).
2. Das politische Engagement verlangt in Amerika immer eine optimistische Ausstrahlung; anders sind Wahlen nicht zu gewinnen. So verändert der pessimistische Prä-Milleniarismus in den 80er Jahren unmerklich sein Gesicht, wird optimistischer, strahlt sozialen Reformwillen aus, wird zum optimistischen Post-Milleniarismus. Der Hauptstrom des Fundamentalismus hat aus politischer Opportunität die theologischen Fronten gewechselt.
1988:
Übriggeblieben ist ein harter und nun erst recht militanter Kern des Fundamentalismus. 1988 begann er unter dem Name „Operation rescue“ direkt gegen die Abtreibungspraxis und das Abtreibungsrecht zu arbeiten. Formen direkter Konfrontation mit Polizei, Justiz und Andersdenkenden werden bewusst gewählt. Kliniken werden umstellt, Frauen werden physisch am Betreten einer Klinik gehindert; viele Fundamentalisten füllen die Gefängnisse. Jerry Falwell, der Fernsehstar und fundamentalistische Prediger unterstützt sie lautstark, zieht es selber aber vor, nicht aktiv auf die Straße zu gehen. Die Auswirkungen dieser radikalisierten kleinen Minderheit erleben wir heute bei den Mördern, die Ärzte erschießen oder Klinikpersonal mit Mord bedrohen, um das Abtreibungsrecht zu ändern. Bei diesen ist nun auch in unseren Tagen der Fundamentalisten in blanken Terrorismus umgeschlagen. Aber es gibt wohl keine scharfe Trennlinie zwischen noch religiösem Fundamentalismus und schon kriminellem Terrorismus. Das macht es für uns alle so dringend, Geschichte und Denkweise des christlichen Fundamentalismus so gründlich zu studieren und auch seine feinsten Formen schon in unserem kirchlichen Alltag aufzuspüren und zu bekämpfen.

Anmerkungen
(1) Dieter Stoodt, Religion in der Lebenswelt am Beispiel eines jungen Fundamentalisten, in: A. Grözinger und H. Luther, Hg., Religion und Biographie. Perspektiven zur gelebten Religion, München 1987, S. 149
(2) Stoodt, in: Religion und Biographie, S. 154
(3) Stoodt a.a.O.

Quelle: http://www.theologie-koeln.de/

Marten Marquardt, Christlicher Fundamentalismus heute. PDF


Marten Marquardt
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