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Der zweifache Schrei

Predigt zum Karfreitag über Matthäus 27, 45 - 54

Der zweifache Schrei © Brigitte Strauß, Gütersloh 2015

Von Rolf Wischnath

Vorbemerkung: Predigt als Bibelarbeit

Die folgende Predigt ist zu Karfreitag im „Schiefen Turm“ - der Reformierten Kirche zu Soest - gehalten worden. Die Evangelisch-reformierte Kirchengemeinde Soest ist - hinsichtlich der Zahl ihrer Gemeindeglieder (ca. 400) - die kleinste in der Evangelischen Kirche von Westfalen. Ich war von 1980 bis 1986 Pfarrer dieser Gemeinde. Die Soester Reformierte Gemeinde ist aufgrund ihrer ausgeprägten Konfessionalität eine auf das biblische Wort und die Auslegung dieses Wortes in der Predigt ausgerichtete Gemeinde. Gleichsam mit der Bibel auf den Knien und vor Augen hört die Gemeinde kritisch die Auslegung des Predigttextes. Es wird nach dem Gottesdienst nachgefragt und angefragt, zugestimmt und kritisiert. Oft wird das Manuskript der Predigt erbeten. So kommt es zu einem intensiven Verstehen, zur fruchtbaren Auseinandersetzung und zur förderlichen Kritik. In der folgenden Fassung ist zunächst die ausgeführte Predigt nachzulesen. Die Fußnoten enthalten Belege, wo ich andere Texte und Literatur eingesehen habe. Vor allem aber sind Aspekte der zusätzlichen Auslegung des Textes aufgeführt. Sie sind natürlich nur im ausgedruckten Manuskript enthalten. Und sie dienen nicht einer problematischen Verwissenschaftlichung der Predigt, sondern dem elementaren Nachlesen, Erläutern und Verstehen des Gehörten: Predigt als Bibelarbeit.

Nach der Predigt und vor dem Abendmahl folgt eine Meditation über ein Bild, das die Malerin Brigitte Strauß (Gütersloh) mir zugeeignet hat

Zum aktuellen Hintergrund: Am 25. März 2015 geschah der schreckliche Unglücksflug (9525)des Germanwings-Flugzeugs, der 150 Menschen in den Tod stürzte. Darauf nimmt die Predigt Bezug.

Text in der revidierten Lutherübersetzung (Evangeliumslesung):

45 Und von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde.
46 Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? [...]
50 Aber Jesus schrie abermals laut und verschied.
51 Und siehe, der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus.
52 Und die Erde erbebte und die Felsen zerrissen und die Gräber taten sich auf und viele Leiber der entschlafenen Heiligen standen auf
53 und gingen aus den Gräbern nach seiner Auferstehung und kamen in die heilige Stadt und erschienen vielen.
54 Als aber der Hauptmann und die mit ihm Jesus bewachten das Erdbeben sahen und was da geschah, erschraken sie sehr und sprachen: Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!

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Predigttext [Verlesung vor der Predigt] - in Anlehnung an die Übersetzung von Grilli und Langner in: Massimo Grilli / Cordula Langner, Das Matthäus-Evangelium, Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 2010, S. 435:

45 Von der sechsten Stunde an wurde Finsternis über die ganze Erde
bis zur neunten Stunde.
46 Um die neunte Stunde aber schrie Jesus auf mit lauter Stimme,
rufend: Eli, Eli, lema sabachthani?
Das ist: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? [...]
50 Jesus aber schreiend - wieder mit lautem Schrei - gab den Geist auf.
51 Und – siehe! -
der Vorhang des Tempels wurde von oben bis unten in zwei Stücke gespalten,
und die Erde wurde erschüttert,
und die Felsen wurden gespalten,
52 und die Gräber wurden geöffnet,
und die vielen Leiber
der entschlafenen Heiligen wurden auferweckt,
53 und - herauskommend aus den Gräbern -
nach seiner (Jesu) Erweckung gingen sie hinein in die heilige Stadt
und erschienen vielen.
54 Der Hauptmann aber und die mit ihm Jesus Bewachenden -
- sehend das Erdbeben und die Geschehnisse - fürchteten sich sehr,
sagend: Wahrhaft Gottes Sohn war dieser!

  

Predigt

[1]
Am Karfreitag unter dem Kreuz Jesu wurde nach dem Bericht des Matthäus nicht künstlerisch gesungen oder gemalt oder geschnitzt. Es ist überhaupt eine ernste Frage: Was passiert, wenn die Leidensgeschichte des Gekreuzigten in erhabene Musik und Sprache und Malerei gesetzt wird? Verliert sie nicht recht eigentlich ihren leidvollen, tödlichen Ernst?[1] JESUS hat am Kreuz nicht in Choräle eingestimmt. Er hat keinen malerischen Anblick geboten. Vielmehr ist in der Passionsgeschichte nach Matthäus zweimal ein durchdringender Schrei zu hören. Und ein Mensch ist in einem unbeschreiblich grauenvollen Sterben zu sehen.

Es ist zunächst der Schrei zu hören, mit dem Jesus am Kreuz „aufschreit“, wie es heißt. Und in diesem Aufschreien betet der Gekreuzigte den Psalm 22. Hier heißt es zu Beginn: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“. So wird in der Regel übersetzt. Es kann aber auch heißen: „Mit welchem Ziel hast du mich verlassen?“ (woraufhin?) Oder: „Zu welchem Zweck hast du mich verlassen?“(wozu?) Oder eben auch: „Aus welchem Grund hast du mich verlassen?“ (warum?) Also, nicht nur nach dem Grund, nach der Ursache des Kreuzes ruft der Gekreuzigte, sondern auch nach Ziel und Zweck schreit er. Man kann es mit dem alten deutschen Wort „Vorbedacht“ zusammenfassen. Es heißt dann: „Mit welchem Vorbedacht hast Du mich verlassen?“

Dieser Gebetschrei ist oft verstanden worden als Ausdruck der Verzweiflung. In ihm habe der Gekreuzigte sein Vertrauen auf den Vater aufgegeben, wird gesagt. Ich vermute, es ist anders:

Wenn wir sagen: „Der betet das VATERUNSER“, wissen wir: Der Beter betet nicht nur die erste Zeile. Sondern er spricht das ganze VATERUNSER. Höre ich es recht, dann interpretiert der Evangelist Matthäus den ersten Schrei Jesu in seinem Sterben so:

Der Gekreuzigte ruft hier betend – in der Art jüdischer Gelehrter, der Rabbiner - mit dem Beginn des Psalms 22 den ganzen Psalm. Das heißt nicht, Jesus habe am Kreuz tatsächlich den ganzen langen Psalm gesprochen. Vielmehr ist es theologische Deutung. Der Evangelist und Theologe Matthäus deutet so den ersten Schrei Jesus. Mit dem Rufen der Anfangszeile des Psalms ist der ganze Psalm gemeint.

In seinem ersten Teil ist dieser Psalm 22 nun ein Gebet aus der Tiefe. Wir haben es eben (als Eingangspsalm) miteinander gesprochen und gebetet:[2]

  • „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“;
  • „Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne“
  • „ich aber bin ein Wurm und kein Mensch“
  • „sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe“
  • „keiner ist da, der hilft.“
  • „Mein Gott, mein Gott warum bist du fern meiner Rettung,
  • den Worten meiner Klage?“

Dann jedoch – auch diesen zweiten Teil haben wir zusammen gesprochen – heißt es mitten im Psalm im Vers 22: „DU hast mich erhört“. Der Psalm wird zum Gebet äußersten Vertrauens. Ja, es erklingt hier ein Jubel über eine ewig geltende Rettungstat:

  • „Ich will den Namen des HERRN verkündigen“
  • „doch meine Seele, ihm lebt sie.“
  • „Die nach dem HERRN fragen, werden ihn preisen“
  • „Euer Herz soll ewiglich leben.“
  • „Des HERRN ist das Reich.“
  • „Alle Enden der Erde werden dessen gedenken und umkehren zum HERRN“
  • „ihn allein werden anbeten alle, die in der Erde schlafen“.

Wie kommt es zu dieser Wendung? Wie kommt es von der herzzerreißenden Klage zum Lobgesang? Der Psalm sagt es nicht wie genau. Es steht einfach da: „Du hast mich erhört. Du antwortest mir …“ Ein kleines Wort ist das im Hebräischen. Und noch dazu ganz ähnlich wie „ich bin ein Elender / ein Armer“. Gab es eine Antwort des Ewigen Gottes für den Beter am Kreuz? Wie geschah sie?

Der Psalmist spricht davon mit dem Satz: „Ich will den Namen des HERRN verkündigen!“ Der Name Gottes ist es, der ihn bewegt. Dieser Name heißt aus dem Hebräischen übersetzt: „Ich bin doch da!“ Oder: „Ich bin doch bei Euch“.[3] Dies ist die Erfahrung des Psalmbeters, die die Wende ermöglicht hat: Er ist - dennoch und trotzdem – für mich da.[4]

Von den beiden Teilen des Psalms 22 aus gesehen ist der Tod Jesu das Ereignis tiefster Erniedrigung und zugleich das Ereignis höchster Erhebung. Ein Gegensatz!? Ja. Aber kein Widerspruch. Hier erfüllt sich, was schon im ersten Kapitel des Matthäusevangeliums mit der Nennung des Namens „Jesus“ - durch den Engel dem Joseph - verheißen wird: Dieser werde die Sünde, das Böse und Gemeine überwinden, ja „Er wird sein Volk retten: Er befreit es von aller Schuld“, heißt es dort[5]. Man kann mithin vom Tod Jesu als vom Zeichen der „Vergebung im Gericht“ sprechen, von der „Auferstehung im Tod“, „vom Ostermorgen im Karfreitag“.

[2]
Nun ist uns allen in der vergangenen Woche am 25. März einmal mehr der Blick auf Trümmer, Vernichtung und Tod zugemutet worden. Der Absturz des Germanwings-Flugzeuges in den Bergen Südfrankreichs erschüttert unser Land – und Frankreich und Spanien und andere Länder ebenso. Unter Trümmern des Flugzeugs sind 150 Menschen begraben worden. Schneidend stellen die Trümmer die alte Frage:

Wenn euer Gott allmächtig ist, könnte er dann Leid und Wahnsinn nicht verhindern? Wenn euer Gott gerecht ist, warum lässt er dann Leid und Verbrechen zu? Warum fällt er einem Wahnsinnigen, einem Gewalttäter dann nicht in den Arm? Es gibt nun aber so viel Leid und Verbrechen in der Welt. Mithin ist Gott entweder nicht allmächtig oder nicht gerecht. Das sagt die Logik. Wie kann man nach der März-Katastrophe 2015 noch an GOTT DEN HERRN glauben, der uns seine bewahrende Nähe verspricht?

Man „kann“ es gar nicht, meine Schwestern und Brüder. Ganz und gar ist der Glaube darauf angewiesen, dass er trotzdem aufgerichtet und erhalten wird. Denn unser Glaube hat ja keine umstandslose Auskunft parat. Auf die Frage nach dem Leid von Menschen gibt es keine „wie aus der Pistole geschossene“ Antwort. Die Klage bleibt offen. Und doch hält der Glaube sich an den Trost: dass der ewige Gott den Opfern gerecht wird. In der Gestalt des Gekreuzigten ist ER den Leidenden nah. Und ER bewahrt die Toten - in der Kraft des Auferweckten. Sie sind nicht vernichtet. Sie sind nicht ins Nichts gefallen. Sie sind dem gekreuzigten und auferweckten Jesus Christus unverlierbar. Sie sind schon auferweckt. Sie sind als die schon Auferweckten uns voraus in der Ewigkeit.[6]

[3]
Nun aber hört: Vom Hügel Golgatha aus dringt ein zweiter Schrei in unsere Ohren: ein unartikulierter Schrei, in dem Jesus stirbt: „Jesus aber – schreiend mit lautem Schrei – gab den Geist auf“ - d. h. „er verschied“. Und was zweimal in den Evangelien berichtet wird, hat eine doppelte Unterstreichung, eine unüberhörbar scharfe Akzentuierung:

Merkwürdigerweise gebraucht Matthäus hier im Griechischen für „schreien“ ein anderes Wort als zuvor. Das erste Wort lautet genau übersetzt „aufschreien“. Das zweite lautet „kraxein“ und kommt im Deutschen vor in den Worten „kreischen“ und „kreißen“. „Kreißen“ – denken wir an den „Kreißsaal“ - ist das alte deutsche Wort für „in Geburtswehen liegen“ und darin vor Schmerz „gellend schreien“. Die Verwendung dieses Wortes für das Sterben des Gekreuzigten bedeutet dann:

Er stirbt im Schmerz, in der Qual. Aber es geschieht etwas Neues. Es ist nur zu vergleichen mit der Geburt eines Menschen. So ist es auch hier nicht nur ein Schrei der Verzweiflung, sondern („schreiend mit lautem Schrei gab er den Geist auf“) der Geburtsschrei des neuen Lebens aus dem Tod.[7]

[4]
Und eben dieses Auferweckt-Werden und dieses Gericht geschieht nun nach der Theologie des Matthäus unmittelbar und jetzt auf dem Hügel Golgatha. Mit der Erwähnung des zweifachen Schreis wird der jüngste Tag als schon geschehend angesehen. Und so ist zu sagen:

Am Nachmittag des Karfreitags geschehen Weltgericht und Neugeburt. Die Finsternis, von der hier die Rede ist, ist die über die ganze Erde sich ausbreitende apokalyptische – d.h. die endzeitliche – Gerichtsfinsternis. Von ihr ist im Alten Testament verschiedentlich die Rede.[8] Jetzt ergeht auf Golgatha das Gericht. Es müsste eigentlich an allen Menschen ihrer vor Gott geschehenen Schuld wegen vollzogen werden. Die Schuld der Menschen – das ist ihre Abwendung von Gott. Und die Folge davon wäre seine Abwendung von ihnen. An das Kreuz der Gottesferne begibt er sich nun aber selbst. Er begibt sich an den Ort des Gerichts, das der Mensch sich wegen seiner Trennung von ihm selbst zugezogen hat. Das jüngste und letzte Gericht ergeht nunmehr in dieser Stunde allein über dem Mann von Golgatha. Und das ist Rettung für uns alle. Es geschieht unsere Neugeburt in diesem Gericht.[9]

„Und – siehe! -, der Vorhang im Tempel wurde (nämlich: vom dort verborgenen Gott[10]) zerrissen in zwei Stücke von oben an bis unten aus“, was Matthäus, Markus und Lukas übereinstimmend berichten. Gemeint ist der Vorhang, der das Volk vom allerheiligsten Gott trennte und ständig daran erinnerte, dass dem sündigen Menschen der Zugang zum Allerheiiggstenverwehrt ist. „Dieser Vorhang des Tempels wird von oben bis unten in zwei Stücke gespalten.“ Der Vorhang wird zerrissen „von oben an bis unten aus“, wie Luther übersetzt.

Was war zu sehen – hinter dem Vorhang? Dunkelheit. Es ist die Dunkelheit, in die sich Gott im allerheiligsten Teil des Tempels hüllt[11] Mit ihr ist der Ewige gnädig, um den Menschen den Anblick seiner Herrlichkeit zu verhüllen, - ein Anblick, der sie töten würde. Der zerrissene Vorhang jedoch kündigt an, dass nun der allerheiligste Gott selber kommt. Er gibt sich neu zu erkennen. Er kommt aus dem Dunklen und Verborgenen heraus. Er zeigt sich zugleich als der Schwache und der Starke, im Leiden und im ganz lebendigen, im ewigen Leben.

Als solcher kommt Er zu seinem sündigen Volk – zum Gericht: „Gott will im Dunkeln wohnen,“ dichtet Jochen Klepper, „und hat es doch erhellt! Als wollte er belohnen, so richtet er die Welt!“[12] Der gekreuzigte Jesus selbst eröffnet durch den zerrissenen Tempelvorhang hindurch die Gegenwart des Allerheiligsten unter den Menschen. Ihnen werden die von ihm trennenden Sünden weggenommen.

Und die endzeitliche Auferstehung, die Neugeburt geschieht ebenfalls: „Und die Erde wurde erschüttert, und die Felsen wurden gespalten, und die Gräber wurden geöffnet, und die vielen Leiber der entschlafenen Heiligen wurden auferweckt, und – herauskommend aus den Gräbern – nach Jesu Auferweckung gingen sie hinein in die heilige Stadt (Jerusalem) und erschienen vielen.“[13] Genauer gesagt: Gott erschüttert die Erde. Gott spaltet die Felsen. Gott öffnet die Gräber. Gott auferweckt die vielen Leiber der entschlafenen Heiligen.

[5]
Die hier geschilderten Vorgänge entziehen sich völlig unseren Vorstellungen und Erfahrungen.[14] Sie sprechen nicht von Tat-Sachen, sondern von Visionen und Ahnungen. Recht eigentlich lässt sich davon nur predigen im Zusammenhang von Andeutungen und scheuen Blicken. Die umstürzenden Ereignisse stehen nicht dafür, dass „der jüdische Tempel“ und „das jüdische Gesetz“ brüchig geworden sind, wie man auch hören kann. Sondern dafür, dass durch das Kreuz Jesu unsere mitgebrachten und oft so festgefahrenen religiösen Überzeugungen unausweichlich und umstürzend in Frage gestellt werden.

Was also lässt Matthäus nach dem Tod Jesu sehen? Die Vision und Audition, die „Sehung“ und „Hörung“ des Jüngsten Tages und der Totenerweckung. Die Verwirklichung dieser Vision ist im Tod Jesu so gegenwärtig, dass der Evangelist sie berichtet als schon geschehenes Ereignis: „Und die vielen (nämlich „alle“) Leiber der entschlafenen Heiligen wurden auferweckt und kamen aus den Gräbern.“ Dabei sind die „Heiligen“ nicht die besonders frommen Menschen, sondern die Toten und die Lebenden, die zu Ihm, zum Ewigen gehören. Das sind die Heiligen. Wie viele waren das? Es waren die „Vielen“, die unendlich und unzählig Vielen. Wir, du und ich, gehören auch dazu gehören.

[6]
Und es ist dies alles nun ausdrücklich und nachdrücklich auch zu sagen über die Opfer des großen Unglücks in der vergangenen Woche. Die in den französischen Bergen so gewaltsam zu Tode Gebrachten, sind nicht einfach zerschellt und ins Nichts gefallen. Sie haben vielmehr schon jetzt einen vorweggenommenen Anteil an der großen Auferstehung des Gekreuzigten. Wenn der ewige Gott aus dem Dunklen kommt, dann dürfen wir auch damit rechnen, dass er in dieser dunklen Katastrophe den Menschen in Not und im Tod gegenwärtig war und ist. Und dies gilt auch für den kranken Co-Piloten Andreas. Auch er ist hineingenommen in die Kraft des Kreuzes und der Auferstehung Jesu, hineingenommen in die Möglichkeit der Vergebung. Auch ER ist Einer von denen, die auferstehen ins Gericht und ins Licht, in die Sühne und das Urteil des jüngsten Gericht, aus dem heraus ihm und uns allen nur der gnädige Gott helfen kann.

Nur mit Vorsicht kann davon gesprochen werden. Auf einer Ebene zeitlicher Abfolge lässt sich das von Matthäus Berichtete nicht mehr denken. Es ist vielmehr die symbolische Verschlüsselung der hohen Wahrheit des Evangeliums: Der Tod ist im Tod Jesu überwältigt. Wir sterben hinein in die offenen Arme des Gekreuzigten und Auferweckten. Und so wird unser aller Tod einmal vernichtet sein. Und Himmel und Erde werden neu erstehen. Und Gerechtigkeit wird sein.

Im Horizont des Kreuzes dürfen wir uns darauf verlassen: Wir haben es im Leid nicht mit einem Gott zu tun, der sich von uns abwendet. Auch wenn er uns so oft verborgen erscheint. Der Vater Jeu Christi ist nicht der Urheber von Katastrophe und Wahnsinn. Er schickt uns nicht die Schicksalsschläge. Er ist vielmehr der Vater, der sich selbst in das unsagbare Leiden des Sohnes begibt. Kein Unglück und keine gewalttätige Tat geschehen in seiner Abwesenheit. Sie müssen an ihm vorbei. Sein Mitleid, sein Erbarmen tragen uns dennoch. Seine Treue trägt uns trotzdem über Unglück und Tod und Gewaltverbrechen hinaus. Sie gibt unserem so gefährdeten Leben dennoch Sinn und Zukunft. Und er schickt uns in dieses Leben Kraft, mit dem Unglück zu leben und dagegen aufzustehen.

[7]
Schließlich: In der Matthäuspassion werden ausgerechnet hervorgehoben jener im Gottesschrecken sich fürchtende römische Hauptmann und „die mit ihm Jesus Bewachenden “ …. Also die, die zu den Henkern und Gewalttätern gezählt werden, stehen da. Sie erfahren in ihrer Furcht angesichts all der endzeitlichen Geschehnisse der Sterbestunde Jesu die Würdigung, als Erste auszusprechen, was Anfang und Ende, A und O, was Kern und Stern des christlichen Glaubens ist: „Wahrhaft: Gottes Sohn war dieser!“ ER war es. ER ist es. ER wird es sein. Nämlich der einzigartige Sohn des einzig einen Vaters[15]. Und so sind auch die Fernsten nicht fern vom Gekreuzigten. Sie sind vielmehr die ihm Nahesten.

 

Meditation

Lied (EG 93, 1+2)

Nun gehören unsre Herzen ganz dem Mann von Golgatha,
der in bittern Todesschmerzen das Geheimnis Gottes sah,
das Geheimnis des Gerichtes über aller Menschen Schuld,
das Geheimnis neuen Lichtes aus des Vaters ewger Huld.
Nun in heilgem Stilleschweigen stehen wir auf Golgatha.
Tief und tiefer wir uns neigen vor dem Wunder, das geschah,
als der Freie ward zum Knechte und der Größte ganz gering,
als für Sünder der Gerechte in des Todes Rachen ging.

Stille

Im Bild der Brigitte Strauß sind es die widerstreitenden Farben des dunklen Chaos des Erdbebens und der Kreuzigung einerseits und des Lichtes der Ostersonne, die die Spannung von Erhöhung und Erniedrigung des Gekreuzigten zum Ausdruck bringen. Dunkelheit und Licht – das ist der Karfreitag.

Stille

Was bedeuten auf dem Bild die nur im Schemen, im schwachen Umriss angedeuteten Menschen? Es sind die, die durch den Tod hindurch den Weg ins ewige Licht gehen?

Stille

Hinter dem zerrissenen Tempelvorhang sehen wir - Dunkelheit. Es ist die Dunkelheit, in die Gott sich hüllt. Der zerrissene Vorhang jedoch kündigt an, dass nun der allerheiligste Gott selber kommt. Er kommt aus dem Dunklen und Verborgenen heraus. Er zeigt sich zugleich als der Schwache und der Starke, im Leiden und im ganz lebendigen, im ewigen Leben. Brigitte Strauß deutet seine Gegenwart im strahlenden Licht und im Symbol der drei hellen Kreise der Sonne: das Licht des Vaters, des Sohnes und des Geistes.

Stille

Lied (EG 93, 3 + 4)
Doch ob tausend Todesnächte liegen über Golgatha,
ob der Hölle Lügenmächte triumphieren fern und nah,
dennoch dringt als Überwinder
Christus durch des Sterbens Tor;
und, die sonst des Todes Kinder, führt zum Lichte er empor.
Schweigen müssen nun die Feinde
vor dem Sieg von Golgatha,
Die begnadigte Gemeinde sagt zu Christi Wegen: Ja!
Ja, wir danken deinen Schmerzen;
ja, wir preisen deine Treu;
ja, wir dienen dir von Herzen; ja, du machst einst alles neu.

Text: Friedrich von Bodelschwingh (1938) Fürbittengebet / Abendmahl / Segen


Rolf Wischnath
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