Zum Glauben gehört auch Wissen

Für reformierte Christen gibt es keine Instanz, die festlegt, was zu glauben ist. Was gelehrt und gepredigt wird, soll im Einklang mit der Bibel stehen. Darauf zu achten ist auch die Aufgabe jedes Gemeindemitglieds. Ein hoher Anspruch!

"Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort offenbart hat, ..." Der Heidelberger Katechismus (Frage 21) betont die Wichtigkeit des Wissens für den Glauben. Jedes Gemeindemitglied sollte so viel wie möglich wissen, damit es seinen Glauben begründen und weitergeben kann.

In der aktuellen Situation wird das aus verschiedenen Gründen wieder wichtig: Der christliche Glaube steht zunehmend in einem Wettbewerb mit anderen Religionen und Glaubensrichtungen und sieht sich den Fragen und Verdächtigungen kritischer Mitmenschen ausgesetzt.

Deshalb ist es wichtig, den 
D i s k u r s  über Glaubensfragen und theologische Zusammenhänge in den Kirchen zu beleben und sich in weltanschauliche Diskussionen einzubringen. Zu diesem Zweck haben wir einen BLOG eingerichtet. (gr)

Kirchenzucht: Abendmahlszucht – Sittenzucht – Mediation – Versöhnungsarbeit – Frauenbefreiung – Ethik der Transparenz

Der ''Konfliktlotse'' Johannes Calvin in strenger Milde. Von Barbara Schenck

Die transparente Kuppel auf dem Reichstagsgebäude in Berlin

Als Calvin nach Genf kam, herrschten dort chaotische Zustände. Nachdem sich die Bürger zuerst vom Herzogtum Savoyen losgesagt hatten, verjagten sie auch den in der Stadt ansässigen Bischof und seine Priester – unter anderem wegen deren ausschweifenden und unzüchtigen Lebensweise. Johannes Calvin sollte die Kirche neu ordnen. Als Teil dieser Ordnung entstand ab 1541 die Genfer ''Kirchenzucht''.

Kirchenzucht als Sehne im Leib der Kirche
Die „Zucht“ in der Kirche dient dazu, das Fehlverhalten einzelner zurechtzurücken, die Gott mit Verachtung begegnen und die Gemeinschaft der Gläubigen gefährden. Somit bewahrt „die Zucht“ die Kirche:
„Wenn keine Gemeinschaft, ja, kein Haus, in dem auch noch so wenige Hausgenossen miteinander leben, ohne Zucht im rechten Stande erhalten werden kann, so ist solche Zucht noch viel notwendiger in der Kirche, deren Zustand doch gebührenderweise so geordnet sein muss, wie nur eben möglich. Wie also die heilbringende Lehre Christi die Seele der Kirche ist, so steht die Zucht in der Kirche an der Stelle der Sehnen: Sie bewirkt, dass die Glieder des Leibes, jedes an seinem Platz, miteinander verbunden leben. Jeder also, der da begehrt, die Zucht sollte abgeschafft werden, oder der ihre Wiederherstellung hindert, der sucht, ob er das nun absichtlich tut oder aus mangelnder Überlegung, unzweifelhaft die völlige Auflösung der Kirche.“ (Calvin in Institutio IV,12,1)
Calvin beschreibt die „Zucht“ auch in anderen Bildern. Die Kirchenzucht ist:
ein Zügel, „mit dem alle die zurückgehalten und gebändigt werden sollen, die sich trotzig gegen die Lehre Chisti erheben“,
ein Sporn, der die „zu wenig Willigen“ antreibt,
und eine väterliche Rute, „mit der solche, die sich ernstlicher vergangen haben, in Milde und in Einklang mit der Sanftmut des Geistes Christi gezüchtigt werden sollen“.
Dabei warnt Calvin selbst davor „bis zur äußersten Strenge“ zu strafen. Stattdessen empfiehlt er „Sanftmut“ und „Milde“, um der Weisung des Paulus entsprechend die Liebe gegenüber den Übeltätern zu bekräftigen (2.Kor. 2,8).

Der Vollzug der Zucht in Seelsorge, Ermahnung und Kirchenbann
„Kirchenzucht“ verläuft nicht willkürlich, sondern nach dem biblischen Vorbild in Matthäus 18,15-17 in drei Stufen (vgl. Institutio IV,12,2): Wer in der Gemeinde sündigt, soll zunächst zurecht gewiesen werden. Das hieß für Calvin erst einmal ein seelsorgerliches Gespräch im Hause dessen, der öffentlich Anstoß erregt hatte. Sollte sich ein Beschuldigter hartnäckig weigern, den begangenen Fehler einzusehen, konnte er vors Konsistorium geladen und bei gänzlicher Reuelosigkeit vom Abendmahl ausgeschlossen werden (Bann). Ziel dieser Maßnahme war jedoch, den Betroffenen wieder in die Gemeinde einzugliedern. Den zeitlich begrenzten Ausschluss vom Abendmahl begründet Calvin mit Paulus 1.Kor. 5,1-7: Der alte Sauerteig muss weggeschafft werden, um den neuen Teig nicht zu verderben.

Wozu Kirchenzucht?
Einen „dreifachen Zweck“ (Institutio IV,12,5) sieht Calvin in der Kirchenzucht:
1) Von den „stinkenden, faulen Glieder“ befreit die Zucht die Kirche als „Leib Christi“, so dass diese ihr Haupt, Christus, nicht schänden können. Die Kirche wird davor bewahrt, eine „Verschwörerrotte von nichtsnutzigen und ruchlosen Leuten“ zu werden. Dies geschieht konkret damit, einzelne „Sünder“ vom Abendmahl auszuschließen. Das Mahl des Herrn soll nicht durch „wahllose Austeilung“ entheiligt werden.
2) Die Zucht ist nicht nur eine Bestrafung der „Bösen“, vielmehr trägt sie dazu bei, dass die „Guten“ nicht „durch den fortgesetzten Umgang mit den Bösen verdorben werden“. Denn einzelne „schlechte Vorbilder“ gefährden die ganze Gemeinschaft, wie schon der Apostel Paulus wusste (1.Kor. 5,6).
Und 3) „bezweckt die Kirchenzucht, dass die Sünder selbst in Scham geraten und dadurch anfangen, über ihre Ruchlosigkeit Reue zu empfinden.“

Die Protokolle des Genfer Konsistoriums zeigen: eine „Disziplinierungsmaßnahme“ hat es nur im Ausnahmefall gegeben. In der Regel hieß „Kirchenzucht“ Beratung in zwischenmenschlichen Konflikten und der Versuch zur Schlichtung, zum Beispiel auch bei Streitigkeiten zwischen Ehepartnern. So wirkte Calvin in Genf und auch anderswo als „Konfliktlotse“ (Michael Weinrich).
Die „zentrale Funktion des Sittengerichts“ war „Versöhnung und Friedenssicherung“ (Heinrich R. Schmidt), die würdige Abendmahlsgemeinschaft der Gläubigen untereinander und mit Gott zu wahren. Die Sittenzucht lässt sich auch als „Abendmahlszucht“ (Heinz Schilling) definieren. Das Abendmahl sollte den einzelnen und der Gemeinde zum Heil und nicht zum Verderben gereicht werden.

Die Kirchenzucht und die weltliche Macht in Genf
Calvins Ideal war eine Kirchenzucht gänzlich in der Hand des Konsistoriums ohne Beteiligung der weltlichen Macht. Dies konnte er in Genf nicht durchsetzen. Im Konsistorium saßen Vertreter aus dem Kleinen und dem Großen Rat der Stadt. Außerdem bestimmten Ratsmitglieder die Ältesten und die Kandidaten für das Pastorenamt. Das Konsistorium durfte zunächst nur Ermahnungen aussprechen, keine Strafen vollziehen. Der Kleine Rat entschied über den Ausschluss vom Abendmahl. Erst nach 1555 konnte das Konsistorium die Exkommunikation aussprechen, 1560 bestärkten Ratsbeschlüsse die Verantwortung kirchlicher Instanzen für kirchliche Angelegenheiten. Damit stieg die Zahl der Personen, die zeitweise vom Abendmahl ausgeschlossen wurden, deutlich an.
Anhänger der Reformation Calvins begrüßten die neue Ordnung als Schutzschild gegen den „drohenden Rückfall des Kosmos ins Chaos“, eine Angst, die in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts stark anschwoll (vgl. Strohm, 92).

Kirchenzucht und Moderne: Transparenz und die Möglichkeit Fehler zu verbessern
Aus heutiger Sicht hat die Kirchenzucht einen Beitrag geleistet zur Gleichberechtigung von Frauen und Männern und zu demokratischen Entscheidungsstrukturen in der Gesellschaft. Der „Zucht Christi“ waren selbstverständlich auch „alle Zepter und Kronen der Könige“ unterstellt (Institutio IV,12,7), für die Entscheidungen des Konsistoriums spielte es keine Rolle, ob sich vor ihm Einwohner der Stadt mit vollem Bürgerecht oder Flüchtlinge, oder Neubürger verantworten mussten. In Ehestreitigkeiten und bei dem Wunsch nach einer Scheidung durften beide Ehepartner ihre Anliegen vortragen und selbstverständlich auch Frauen die Scheidung beantragen: "Das Recht, sich scheiden zu lassen, steht beiden Seiten in gleicher Weise und wechselseitig zu“ (Genfer Eheordnung von 1546). Die „Kirchenzucht“ bot auch die Möglichkeit, Gewalt in der Ehe öffentlich zu machen und zu bestrafen.

Als „Versuch, Transparenz in einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten zu erzeugen“ deutet Huizing die Kirchenzucht (Huizing, 118). Transparenz ist ein Kennzeichen der modernen Demokratie: „Jeder parlamentarische Untersuchungsausschuss ist ein Instrument zur Transparenzgewinnung“. Und „investigative Journalismus“ wird zu einem „Mittel“ der „Demokratiezucht“, schreibt Huizing (S. 128).
Fazit: Das, was der „Medienvisionär“ Jeff Jarvis aus der Bloggerwelt des Web 2.0 gelernt hat, nämlich „die Ethik der Transparenz“ und „der offenen Fehlerverbesserung“ (Jarvis, 123), könnte er auch bei Calvin finden.

Literatur
Jeff Jarvis im Interview, in: Wozu noch Zeitungen? Wie das Internet die Presse revolutioniert, hrsg. von Stephan Weichert, Leif Kamp, Hans-Jürgen Jakobs, Göttingen 2009, 116-123.
Klaas Huizing, Calvin … und was vom Reformator übrig bleibt, edition chrismon, Frankfurt/M. 2008.
Rosine Lambin, Calvin und die adeligen Frauen im französischen Protestantismus, http://www.reformiert-info.de/2304-0-105-16.html
Heinrich R. Schmidt, Kirchenzucht und Kirchenordnung im reformierten Europa, in: Calvinismus. Die Reformierten in Deutschland und Europa. Eine Ausstellung des Deutschen Historischen Museums Berlin und der Johannes A Lasco Bibliothek Emden, hrsg. von Ansgar Reiss und Sabine Witt, Dresden 2009, 351-356.
Barbara Schenck, „Kirchenzucht“ als Frauenbefreiung?!, http://www.reformiert-info.de/3704-0-105-16.html
Christoph Strohm, Johannes Calvin. Leben und Werk des Reformators, Verlag C.H. Beck, München 2009.
Michael Weinrich, Konfliktlotse Calvin, http://www.reformiert-info.de/294-0-105-16.html


Barbara Schenck
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Ein alter Begriff modern gedeutet

Hat Calvin die Menschen in Genf mit strengen moralischen Vorschriften tyrannisiert?
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