Zum Glauben gehört auch Wissen

Für reformierte Christen gibt es keine Instanz, die festlegt, was zu glauben ist. Was gelehrt und gepredigt wird, soll im Einklang mit der Bibel stehen. Darauf zu achten ist auch die Aufgabe jedes Gemeindemitglieds. Ein hoher Anspruch!

"Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort offenbart hat, ..." Der Heidelberger Katechismus (Frage 21) betont die Wichtigkeit des Wissens für den Glauben. Jedes Gemeindemitglied sollte so viel wie möglich wissen, damit es seinen Glauben begründen und weitergeben kann.

In der aktuellen Situation wird das aus verschiedenen Gründen wieder wichtig: Der christliche Glaube steht zunehmend in einem Wettbewerb mit anderen Religionen und Glaubensrichtungen und sieht sich den Fragen und Verdächtigungen kritischer Mitmenschen ausgesetzt.

Deshalb ist es wichtig, den 
D i s k u r s  über Glaubensfragen und theologische Zusammenhänge in den Kirchen zu beleben und sich in weltanschauliche Diskussionen einzubringen. Zu diesem Zweck haben wir einen BLOG eingerichtet. (gr)

Der Traum von dem einen Hut, unter den alle passen - oder: Der Turmbau zu Babel

Predigt zu 1. Mose 11,1-9 und Gebet von Paul Kluge

Der Turmbau zu Babel - von Pieter Brueghel d.Ä.

''So kam es, dass aus dem geplanten Monumentalbau eine Bauruine wurde. Denn der Geist Gottes, des allein Allmächtigen, hatte zu den Menschen gesprochen, und sie hatten seine Stimme gehört, ein jeder in seiner Sprache, in der er geboren war. Und der Geist Gottes hatte ihnen Mut gemacht und Kraft gegeben, dass sie sich einig waren in ihrer Haltung gegen den Einheitswahn. Denn nicht Einheit macht stark, sondern Einigkeit. Einigkeit aber setzt Verschiedenheit voraus.''

Der Traum von dem einen Hut, unter den alle passen, erweist sich in Wirklichkeit als Alptraum, und der Hutmacher gibt sich zu erkennen als einer, der verschiedene Hüte nicht aushält. Er hält seinen Kopf für die Hauptsache“. Diese Gedanken, liebe Geschwister, fand ich in einer Predigthilfe als Einstieg in den heutigen Predigttext. Ich denke, dieser Satz ist so etwas wie eine Quintessenz aus dem Predigttext. Der steht im 1. Buch Mose, Kapitel 11, Verse 1-9 ...

1 Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. 2 Als sie nun nach Osten zogen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst. 3 Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen! – und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel 4 und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder.
5 Da fuhr der HERR hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten. 6 Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. 7 Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe!
8 So zerstreute sie der HERR von dort in alle Länder, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. 9 Daher heißt ihr Name Babel, weil der HERR daselbst verwirrt hat aller Länder Sprache und sie von dort zerstreut hat in alle Länder.

Eine altbekannte Geschichte, und vielleicht geht es Ihnen bei so vertrauten Geschichten wie mir: Ich weiß dann immer gleich, worauf der Text hinaus will. Denn oft schon habe ich das immer Gleiche über den Text gehört und gelesen. Da war mir der vorhin zitierte Satz hilfreich, denn er paßt so gar nicht zu der gängigen Auslegung des Textes: „Der Traum von dem einen Hut, unter den alle passen, erweist sich in Wirklichkeit als Alptraum, und der Hutmacher gibt sich zu erkennen als einer, der verschiedene Hüte nicht aushält. Er hält seinen Kopf für die Hauptsache.“ Also noch einmal genau auf das gesehen, was da steht. Und dann springt mich ein Satz an: „Sie sind ein Volk und haben eine Sprache - und das ist erst der Anfang ihres Tuns; laßt uns hinabfahren und ihre Sprache verwirren.“

Ja, liebe Geschwister, so weit hatten sie es gebracht, die Babylonier. Groß waren sie geworden und mächtig. Hatten erst die Nachbarstädte unterworfen, dann die Nachbarstaaten und schließlich auch entferntere Länder. Überall hatten sie ihre Gesetze eingeführt, ihre Vorstellungen von Recht und Ordnung, und schließlich auch ihre Sprache. Babylonisch war Weltsprache, und im ganzen babylonischen Reich durfte nur Babylonisch gesprochen werden. Den unterworfenen Völkern waren ihre Muttersprachen verboten, und wer sie dennoch sprach, dem drohten Verhaftung und Verhör. Denn wer seine Muttersprache sprach, galt als aufsässig, als Widerständler. Ein Volk sollten sie alle werden, und darum sollten sie alle eine Sprache sprechen. Denn wie man spricht, so denkt man. Darum eignet sich Sprache so gut zur Unterdrückung. Ein Volk sollten sie werden, ein Reich sein, einen König haben. Alle unter einem Hut.

Ja, sie hatten es weit gebracht, die Babylonier. Ein Großreich waren sie nun, eine Weltmacht; Wirtschaft und Wissenschaft, Kultur und Technik hatten Weltniveau, und wenn es irgendwo außerhalb des Staates kleine Unruhen gab, dann eilten sie, dort wieder Ruhe und Frieden herzustellen- und schon war ihr Einflußbereich wieder etwas größer.

Die Herrschenden von Babylon wurden nicht müde zu betonen, ein wie großes und bedeutendes Reich sie seien, und dass jedermann froh sein müsse, unter dem Schutz Babylons leben zu können.

Nun kam es aber immer wieder vor, dass hie und da eine unterworfene Stadt, ein erobertes Land seine alte Selbständigkeit wiederhaben wollte.

In den Städten - und mehr noch auf dem Land, das lange zögert, eh es untergeht - wurden trotz Verbot die eigenen Sitten und Gebräuche, die eigene Kultur, die eigene Religion und auch die eigene Sprache gepflegt. Babylon ist weit, sagten sich die Menschen, und wir sind hier. Haben wir nicht gut gelebt mit dem, was uns von den Alten überkommen ist, waren unsre Gesetze, unsre Gebräuche, waren unsre Lieder und Tänze, war unsre Religion etwa schlecht? Und in unsrer Sprache verstehen wir uns bestens. Für was sollen wir babylonisch lernen, für was andere Gesetze anwenden, für was fremde Götter anbeten? Laßt uns bei dem bleiben, was für uns richtig war. Das wird für uns auch richtig sein und bleiben. Und sie sprachen ihre Sprache, sangen ihre Lieder, tanzten ihre Tänze, beteten zu ihren Göttern, wie sie es gelernt hatten und wie es für sie richtig war.

Andere zogen es vor, außer Landes zu gehen, ihre Heimat, ihre Verwandtschaft zu verlassen und als Flüchtlinge im Ausland ihr Leben zu leben. Doch weil die Herrschenden das nicht ertrugen, war jeder Ausreisewillige ein Verbrecher, jeder Fluchtversuch lebensgefährlich. Dabei wollten die Menschen nicht mehr als in Ruhe leben, zu ihren Göttern beten, ihre Lieder singen, ihre Tänze tanzen, ihre Sprache sprechen und sich verstehen.

Solche Gedanken, solche Worte, solche Taten waren den Herrschenden in Babylon ein Graus. Verrat witterten sie und Aufruhr. Mit anderen Worten: Sie bekamen Angst. Denn ihre Macht stand auf den tönernen Füßen von Gewalt und Unterdrückung. So beschlossen sie, ein mächtiges Bauwerk zu errichten, beschlossen, ihrer Macht ein Denkmal zu setzen, wie die Welt es noch nicht gesehen hatte. Mit monumentaler Architektur wollten sie Eindruck auf die Völker ihres Reiches machen, auf alle Völker der Welt. Die Leute würden dann schon sehen, wer die Größten waren, die Stärksten, die Mächtigsten.

Die Herrschenden Babylons zwangen also ihre Untertanen, Ziegel zu brennen, Asphalt zu kochen und einen gewaltigen Turm zu bauen. Er sollte das Symbol für ihre Größe und Stärke werden, und zu ihm sollten alle aufschauen. Er sollte die Menschen einen, er sollte das Reich zusammenhalten und dafür sorgen, dass es nicht zerfiel. Denn nichts erschien den Herrschenden gefährlicher als das Nebeneinander verschiedener, gar gegensätzlicher Meinungen, als das Nebeneinander unterschiedlicher Kulturen, unterschiedlicher Religionen und - vor allem - unterschiedlicher Sprachen. Denn wer eine andere Sprache sprach, die sie nicht verstanden, der war für sie nicht kontrollierbar. Und was sie nicht kontrollieren konnten, machte ihnen Angst. Denn, wie gesagt, ihre Macht stand auf den tönernen Füßen von Gewalt und Unterdrückung.

Darum ließen sie sich ein Denkmal bauen, ein mächtiges Bauwerk, einen protzigen Palast, wie die Welt, wie die Menschheit es noch nicht gesehen hatte. Kommandierten Bauarbeiter ab aus dem Norden ihres Reiches und dem Süden, aus dem Osten und aus dem Westen. Die Bauarbeiter kamen, sprachen, wenn überhaupt, dann nur gebrochen Babylonisch, verständigten und verstanden sich untereinander in ihren je eigenen Sprachen. Doch weil die Menschen aus Nord und Süd und Ost und West verschiedene Sprachen sprachen und weil sie den Mut hatten, sie zu sprechen, herrschte auf der Baustelle bald ein fürchterliches Chaos. - jedenfalls aus der Sicht der Mächtigen. Aus der Sicht der Menschen herrschte ein buntes, fröhliches Durcheinander. Natürlich kam es zu Mißverständnissen, auch zu Streitereien, denn Sich-Verstehen geht nicht ohne Verständigung. Doch wenn es mal wieder einem der Aufseher partout nicht gelang, einen Auftrag zu erteilen, eine Anweisung zu geben - die Angesprochenen verstanden ihn einfach nicht - dann war über alle Sprach- und Kulturgrenze hinweg Solidarität spürbar, Sympathie, ein Sich-Verstehen der Herzen.

Die Aufseher verzweifelten oftmals an ihrer Aufgabe, waren oft dran und drauf, ihren Job aufzugeben. Dann kamen sie auf die Idee, aus den Reihen der Arbeiter Aufseher auszubilden; die kannten ja ihre Muttersprache.

Geeignete Menschen wurden ausgesucht und für viel Geld gut ausgebildet, doch wenn sie dann ihre neue Aufgabe wahrnahmen, war alles wie gehabt. Denn sie durften ja nur Babylonisch sprechen, wie das Gesetz es befahl. Und so blieben die vielen Arbeiter, die ein monumentales Denkmal der Einheit errichten sollten, ein Denkmal der Einheit des babylonischen Reiches, der Einheit des babylonischen Volkes, der Einheit des babylonischen Denkens und der Einheit der babylonischen Sprache, so blieben also die vielen Arbeiter letztlich unregierbar. Sie ließen sich nicht unter den einen Einheitshut zwingen, nicht in eine Einheitspartei und nicht in eine Einheitsreligion. Denn sie waren sich einig, dass solche Einheit immer dem einzelnen Menschen das Denken abnimmt, ihn entmündigt, seine Einzigartigkeit und Einmaligkeit zerstört, ihm das Rückgrat bricht. Darum sprachen sie untereinander weiterhin ihre Sprache, obwohl es verboten war, sangen ihre Lieder, tanzten ihre Tänze, beteten zu ihren Göttern und freuten sich über die Buntheit und Vielfalt des Menschenmöglichen ebenso wie über die wachsende Hilflosigkeit der Herrschenden. Denn statt der gewollten Uniformität stärkten diese indirekt die Pluralität, untergruben durch ihren Einheitswahn ihre eigene Macht.

So kam es, dass aus dem geplanten Monumentalbau eine Bauruine wurde. Denn der Geist Gottes, des allein Allmächtigen, hatte zu den Menschen gesprochen, und sie hatten seine Stimme gehört, ein jeder in seiner Sprache, in der er geboren war. Und der Geist Gottes hatte ihnen Mut gemacht und Kraft gegeben, dass sie sich einig waren in ihrer Haltung gegen den Einheitswahn. Denn nicht Einheit macht stark, sondern Einigkeit. Einigkeit aber setzt Verschiedenheit voraus.

Liebe Geschwister, was damals in Babylon geschah, ist lange her. Seit dem hat es immer wieder Versuche gegeben, Menschen, Gruppen, ganze Völker unter einen Hut zu zwingen, und immer waren diese Versuche mit Monumentalbauten verbunden. Ich finde es tröstlich und ermutigend, dass all diese Versuche genau so gescheitert sind wie damals in Babylon. Um so mehr kann ich mich über die Vielfalt und Buntheit der Kulturen und Sprachen, über die Vielfalt menschlicher Lebensformen, um so mehr kann ich mich meines Lebens freuen und dem begeistert danken, der diese bunte Vielfalt geschaffen hat. Amen

Gebet: Guter Gott, wir haben gehört und gelesen, haben es zum Teil auch selbst erlebt: Verordnete Gleichheit, erzwungene Einheit haben keinen Bestand. Wo Menschen unter einem Namen etwas aufbauen wollen oder sollen, wo Menschen ihre Eigen-Art einer großen Idee opfern sollen, da bricht alles zusammen.

Denn vielfältig wie deine Schöpfung hast du auch die Menschen geschaffen, einen jeglichen nach seiner Art. Das macht das Leben bunt und lebendig, und dafür danken wir dir.

Das macht unser Miteinander aber auch schwierig, denn oft verstehen wir einander kaum oder gar nicht. Deshalb wünschen wir uns manchmal, dass alle eine Sprache sprächen, einen Namen hätten. Doch wir sollen deinen Namen heiligen, denn du hast uns bei unseren Namen genannt.

Guter Gott, du hast uns Menschen deinen Geist  gegeben, den Geist der Verständigung trotz aller Mißverständnisse, den Geist der Einigkeit trotz aller Verschiedenheit, den Geist der Freiheit trotz aller Unterdrückung, den Geist des Friedens trotz aller Gewalt, den Geist des Trostes trotz aller Trauer. Für die Gabe deines Geistes danken wir dir von Herzen und bitten dich für alle Menschen, die sich deinem Geist widersetzen, indem sie Zwang und Gewalt ausüben, Unfrieden stiften und Versöhnung verweigern.

Guter Gott, mit Hoffen und Bangen gehen wir in die neue Woche. Was uns bedrückt und was uns beschwingt, bringen wir vor dich und beten gemeinsam: Unser Vater im Himmel, geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute, und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen

Gesänge: „Komm, o komm, du Geist des Lebens“, Nr. 134, 1 - 4; „Jauchzt, alle Lande, Gott zur Ehre“, Rps 66, 1, 2, 4; „Strahlen brechen viele“, Nr 268, 1 - 5 „In Gottes Namen fang ich an“, Nr. 494, 1 + 6


Paul Kluge, Pfr. i.R., Leer
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