Prophetinnen im Neuen Testament – ein theologisch-feministischer Einspruch zum ''Muttertag''

Predigt zu Matthäus 16,14-16 / Johannes 11,25-27


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Zwischen biblisch begründeten Rollenbildern und modernen Geschlechterklischees wird die Gleichwertigkeit von Frauen und Männern im Glauben neu gelesen – bis hin zu überraschenden Stimmen aus dem Neuen Testament.

Lesungstext: übertragen nach unterschiedlichen Übersetzungen, die sich um Nähe zum hebräischen Text bemühen

Genesis 1,26-27

26Da sprach Gott: „Wir wollen Menschen machen – als unser Bild, uns ähnlich gestaltet.“ […] 27Da schuf Gott das Erdenwesen als göttliches Bild, als Bild Gottes wurden sie geschaffen, männlich und weiblich wurden sie geschaffen.

Genesis 2, 18-22

18Dann sagte Gott: »Es ist nicht gut, dass das Menschenwesen allein ist. Ich will für es eine Hilfe machen, so etwas wie ein Gegenüber.« […] 21Da ließ Gott, einen Tiefschlaf auf das Menschenwesen fallen, dass es einschlief, nahm eine von seinen Seiten und verschloss die Stelle mit Fleisch. 22Dann formte Gott die dem Menschenwesen entnommene Seite zu einer Frau, später Eva genannt, und brachte sie zu Adam, dem Rest des Menschenwesens.

Predigttext

Johannes 11

25 Jesus sagte zu Marta aus Betanien: »Ich bin die Auferstehung und das Leben! Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt. 26Und wer lebt und an mich glaubt, wird in Ewigkeit nicht von Gott getrennt. Glaubst du das?« 27Sie antwortete: »Ja, Herr, ich glaube fest: Du bist der Christus, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll!« 28Nachdem Marta das gesagt hatte, ging sie weg und rief ihre Schwester Maria. Leise sagte sie zu ihr: »Der Lehrer ist da und lässt dich rufen.« 29Als Maria das hörte, stand sie schnell auf und ging zu Jesus.

Matthäus 16

14 Jesus fragte seine Jünger: 15»[…] für wen haltet ihr mich?« 16Simon Petrus antwortete: »Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!«

Sie wissen sicher genau, wie sich Männer und Frauen in ihrem Wesen unterscheiden. Nein? Rosa oder hellblau, von Geburt an. Der Monat Mai erinnert besonders daran.

Da feiern Männer sich selbst. Ganz unter sich ohne lästigen Familienanhang. Lautstark und dominant. Und mit viel Alkohol. Echte Kerle eben. So feiern Männer sich selbst. Am Vatertag ohne Kinder.

Ganz anders werden Frauen gefeiert. Mit Großeltern und Kindern. Ohne Alkohol und Kontrollverlust. Dafür mit überzuckerten Torten in Herzform. Gepriesen für ihre Selbstlosigkeit und Sanftmut. Für ihre grenzenlose Hingabe. Für ihre Mütterlichkeit. So werden Frauen gefeiert. Am Muttertag im Kreis der Familie.

Sich selber feiern. – Gefeiert werden. Aktiv oder passiv. So verschieden sind sie eben, die Geschlechter. Von Natur aus. Seit Jahrtausenden. In unser kollektives Gedächtnis eingegrabene Unterscheidungen. Nachzulesen bei den griechischen Philosophen. Und in der Bibel.

3Ich möchte aber, dass ihr Folgendes wisst: schreibt Paulus nach Korinth

4Ein Mann entehrt sein Haupt, wenn er bei Gebet oder prophetischer Rede seinen Kopf bedeckt. 5Eine Frau entehrt ihr Haupt, wenn sie bei Gebet oder prophetischer Rede ihren Kopf nicht bedeckt. (…) 7Der Mann soll seinen Kopf nicht verhüllen. Denn er ist Abbild Gottes und spiegelt dessen Herrlichkeit wider. Die Frau dagegen spiegelt die Herrlichkeit des Mannes wider. 8Denn der Mann wurde nicht aus der Frau geschaffen, sondern die Frau aus dem Mann. Der Mann wurde auch nicht wegen der Frau erschaffen, sondern die Frau wegen des Mannes. 10Deshalb soll die Frau ihren Kopf verhüllen. Das ist das Zeichen ihrer Vollmacht, wenn sie in der Versammlung öffentlich redet. So entspricht es der Ordnung, über deren Einhaltung die Engel wachen. 11Doch vor dem Herrn gilt: Es gibt die Frau nicht ohne den Mann und den Mann nicht ohne die Frau. 12Denn die Frau ist aus dem Mann geschaffen, doch der Mann wird von der Frau geboren. Aber alles kommt von Gott her. 13Urteilt selbst: Gehört es sich, dass eine Frau ohne Kopfbedeckung zu Gott betet? 14Das lehrt euch doch schon die Natur: Es ist eine Schande für einen Mann, die Haare lang zu tragen. 15Aber für eine Frau ist es eine Ehre, lange Haare zu haben. Sie hat das Haar ja als Umhang bekommen. 16Falls aber jemand darüber streiten will, dem kann ich nur sagen: So etwas ist weder bei uns [hier in Korinth] noch bei den Gemeinden Gottes üblich. (1. Korinther 11)

Na sowas! Das mit dem Schleier ist also nicht nur ein Streitpunkt zwischen strengen und liberalen Muslimen. Auch in Korinth muss es wegen dieser Frage hoch hergegangen sein. Man merkt das deutlich, welche Register Paulus zieht, um seine Regeln durchzusetzen:

Sie entsprechen einer Ordnung, über die die Engel wachen.

Sie entsprechen den Gesetzen der Natur.

Sie entsprechen dem, was üblich ist.

Und vor allem: Sie sind von Gott gegeben, wie es die Schöpfungserzählung angibt.

Dass der Apostel bei einer letztlich nebensächlichen Frage wie der Kopfbedeckung so herumeiert, zeigt sehr schön, auf welch schwachen Füßen seine Begründungen stehen. Er verwechselt dabei natürliche Bedingungen und gesellschaftliche Sitten. Die Natur weiß nichts von Ehre oder Schande. Und wie das mit den Engeln ist?

Paulus merkt selber, dass es durchaus wackelig ist, sich auf die Schöpfungsgeschichten zu berufen, wenn die Herrlichkeit der Herren als Widerschein der Herrlichkeit des HERRN bewiesen werden soll. Wie schön er dies selbst wieder zurücknimmt: 11Doch vor [Christus] gilt: Es gibt die Frau nicht ohne den Mann und den Mann nicht ohne die Frau. 12Denn die Frau ist aus dem Mann geschaffen, doch der Mann wird von der Frau geboren. Aber alles kommt von Gott her.

Gestritten wurde in Korinth über Kleidersitten. Gestritten wurde aber offensichtlich nicht über die Aufgaben von Männern und Frauen im Gottesdienst. Da gab es keinen Unterschied, wenn es um Beten und prophetisch Reden, also Predigen ging. Der Schleier, schreibt Paulus, ist für die Frau ein Zeichen ihrer Vollmacht, wenn sie in der Versammlung öffentlich redet. Das wird gerne überlesen, wo nach immer noch gültigem Recht in der römischen Kirche Frauen im Gottesdienst weder das Evangelium lesen noch predigen dürfen. Da beruft man sich dann vor allem auf einen späten Apostelbrief aus dem Ende des 1. Jahrhunderts, in dem die ursprünglich gleiche Beauftragung von Frauen und Männern im Gottesdienst harsch abgelehnt wird.

11Die Frau soll durch stilles Zuhören lernen, in aller Unterordnung. 12Zu lehren gestatte ich einer Frau nicht, ebenso wenig über einen Mann zu bestimmen. Sie soll sich still verhalten. 13Denn Adam wurde zuerst geschaffen, danach erst Eva. 14Und nicht Adam hat sich verführen lassen, sondern die Frau ließ sich verführen und wurde so zur Übertreterin. 15Sie wird aber dadurch gerettet werden, dass sie Kinder zur Welt bringt – wenn sie mit Besonnenheit im Glauben, in der Liebe und in der Heiligung bleibt. (1. Tim. 2)1

Mutterschaft als weibliche Tugend. Für die Kirche wurde dies über Jahrtausende zum Wesensmerkmal einer richtigen Frau: Mütterlichkeit. Kinderlosigkeit ist Nonnen vorbehalten. Oder ein schlimmes Unglück. Vielleicht auch Zeichen eines liederlichen Lebenswandels. Und Empfängnisverhütung eine der allerschlimmsten Sünden.

Die beginnende Säkularisation hat dies noch deutlich verstärkt – trotz (oder wegen?) 250 Jahren Emanzipationsbewegungen. Der Muttertag zeigt dies deutlich. Er entstand 1907 in Amerika ursprünglich in methodistischen Kreisen und verbreitete sich sehr schnell auch in Europa. Und kein Witz: 1922 wurde das Fest vom Verband Deutscher Blumengeschäftsinhaber mit Plakaten „Ehret die Mutter“ in den Schaufenstern etabliert. Die Nazis unterstützen dies später durch die Verleihung von Mutterkreuzen. Und alle autoritären Regimes propagieren derzeit ganz offen wieder Mutterschaft als Rettung der Nation. Putin tut dies und Erdogan, die AfD und amerikanische Rechtskonservative. Herhalten müssen dabei auch immer die Bibel oder der Koran oder fragwürdige Ideen vom natürlichen Wesen der Frau.

Eine schlechte Ausgangslage für eine feministisch inspirierte Theologie, wie ich sie mir wünsche. Abwarten! Lassen Sie uns auf die Erzählungen in den Evangelien blicken. Meine These vorneweg: Frauen und Männer um Jesus werden in ihren Glaubensäußerungen überhaupt nicht unterschiedlich dargestellt. Wie auch? Friedfertigkeit und Empathie-Fähigkeit – das sind hier keine speziell weiblichen Tugenden. Die Männer und Frauen, die mit Jesus durch Galiläa zogen, mussten Mut und Selbstdisziplin beweisen, ohne Dominanzgehabe und Gewaltandrohung.

Als Zeugin dafür, wie gleichartig Glaubensbekenntnisse von Männern und Frauen in den Evangelien erzählt werden – will ich Ihnen Marta aus Betanien vorstellen, die Patronin meiner Nürnberger Kirche. Ihr Name bedeutet Herrin. Und gemeinsam mit ihrer Schwester Maria verwaltet sie ein großes Hauswesen. Groß genug um Jesus und die, die mit ihm durch die Dörfer ziehen, zu bewirten. Der Kochlöffel, mit dem sie auf Altären und Kirchenfenstern dargestellt wird, gibt davon Kunde. Aber die beiden Frauen teilen sich offensichtlich die Verantwortlichkeiten. Einmal sitzt Maria zu Füßen ihres Rabbis und hört auf seine Worte, während Marta ein wenig über die Care-Arbeit stöhnt. Ein anderes Mal läuft Marta Jesus entgegen, während Maria noch im Haus zu tun hat.

Johannes 11

25 Jesus sagte zu Marta aus Betanien: »Ich bin die Auferstehung und das Leben! Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt. 26Und wer lebt und an mich glaubt, wird in Ewigkeit nicht von Gott getrennt. Glaubst du das?« 27Sie antwortete: »Ja, Herr, ich glaube fest: Du bist der Christus, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll!« 28Nachdem Marta das gesagt hatte, ging sie weg und rief ihre Schwester Maria. Leise sagte sie zu ihr: »Der Lehrer ist da und lässt dich rufen.« 29Als Maria das hörte, stand sie schnell auf und ging zu Jesus.

Die Szene aus der Erzählung von der Auferweckung des Lazarus ist berühmt. Und vielleicht überliest man das Bekenntnis, das Marta spricht, weil es so selbstverständlich klingt. Aber es ist ein prophetisches Messias-Zeugnis: Du bist der Christus, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll! Und – worauf ich besonders hinweisen will: Marta verwendet hier die gleichen Worte wie an anderer Stelle Petrus:

Matthäus 16

14 Jesus fragte seine Jünger: 15»[…] für wen haltet ihr mich?« 16Simon Petrus antwortete: »Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!«

Auf dieses Bekenntnis gründet sich das Dogma von den Päpsten als direkten Nachfolgern des Petrus. Die Männerherrschaft in der Kirche. Marta und Maria müssen da draußen bleiben. Dabei sind sie ebenso Christus-Verkünderinnen. Ob sie auch Mütter waren, erzählt die Bibel nicht. Auch nicht bei anderen Frauengeschichten in den Evangelien. Als Glaubende werden sie von Männern nicht unterschieden. Viele Parallelerzählungen zeigen das.

Da ist der römische Hauptmann, der Jesus um die Heilung seines Sklaven bittet. Und gleich danach die Witwe, die Jesus für ihren verstorbenen Sohn anfleht. Ein Mann und eine Frau. Was sie verbindet, ist ihr geringes Ansehen in der Gesellschaft und ihr unerschütterlicher Glaube. (Lukas 7)

Da steht die Geschichte vom verlorenen Schaf. Und gleich danach die vom verlorenen Groschen. Ein suchender Mann und eine suchende Frau. Sie sind es gleichermaßen wert, die unermüdliche Sorge Gottes um die Menschen im Gleichnis abzubilden.

Da gibt es reiche Pharisäer, die Anhänger Jesu werden, und reiche Frauen, die ihm finanziell unter die Arme greifen. Lukas nennt sie beim Namen: Johanna, die Frau von Chuzas, eines Verwalters im Dienst des Herodes, Susanna und viele andere. Sie alle unterstützten Jesus und die Jünger mit dem, was sie besaßen. (Lukas 8,3)

Lesen Sie einmal in dieser Perspektive im Neuen Testament nach. Sie werden weitere Beispiele finden.

Am aufregendsten finde ich die Geschichte von der Frau, die Jesus bei einer Essenseinladung salbt. Sie wird unterschiedlich erzählt. Und unterschiedlichen Frauengestalten zugeschrieben. Immer jedoch vollführt die Frau eine prophetische Zeichenhandlung. Sie salbt Jesus das Haupt wie bei einer priesterlichen Königsweihe. Sie salbt Jesus den Leib als Hinweis auf seinen Tod. Sie reinigt Jesus hingebungsvoll die Füße wie eine Sklavin – und nimmt dabei seine eigene Symbolhandlung der Fußwaschung voraus. Drei verschiedene Versionen der Geschichte. Aber in jeder sind es die Jünger, die das kritisieren oder sogar verhindern wollen. Markus jedoch lässt Jesus sagen: 9Amen, das sage ich euch: Auf der ganzen Welt wird man das Evangelium von mir verkünden. Dann wird man auch erzählen, was sie getan hat. So wird man sich immer an sie erinnern. (Markus 14,9) Ja, so ist es. Dieser Satz ist in der Tradition geblieben, obwohl die Kirche Frauen mehr und mehr ausgegrenzt hat, sie einseitig festgelegt hat auf ihre Rolle als Mutter.

Wir haben Gleichberechtigung im Grundgesetz verankert. Aber von wirklicher Gleichbehandlung und gleicher Würdigung sind wir noch entfernt. Lassen Sie uns dafür aus dem Neuen Testament lernen. Ausgerechnet dieser in manchem noch etwas inkonsequente Paulus hat uns dafür eine eindeutige Maxime überliefert.

27… ihr alle habt in der Taufe Christus wie ein Gewand angezogen. Und durch sie gehört ihr nun zu ihm. 28Es spielt keine Rolle mehr, ob ihr Juden seid oder Griechen, Sklaven oder freie Menschen, Männer oder Frauen. Denn durch eure Verbindung mit Christus Jesus seid ihr alle eins [und gleich] geworden. (Galater 3)

AMEN


1 Der Verfasser führt hier 1. Kor. 4 (Die Frau schweige in der Versammlung …) weiter. Paulus hatte allerdings zahlreiche Mitarbeiterinnen, wie seine Brief-Grüße und Aufträge zeigen.


Gudrun Kuhn