Wo ist denn euer Gott?

Predigt zu Ps 115,2–3, Joh 14,9


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Die Frage stellt sich angesichts von Leid und Katastrophen immer wieder – und sie erschüttert auch den Glauben. Der Blick auf Jesus Christus eröffnet eine andere Perspektive.

„Warum sollen die Heiden sagen: Wo ist denn euer Gott? Unser Gott ist im Himmel; er kann schaffen, was er will“ (Ps 115,2–3)
„Jesus spricht: Wer mich sieht, der sieht den Vater“ (Joh 14,9)

Liebe Gemeinde,

„wo ist denn nun euer Gott?“ Diese Frage hat es in sich. Sie geht uns an die Nieren. Mit dieser Frage werden wir als Christinnen und Christen von außen wie von innen konfrontiert. Schon der Kirchenvater Augustin wurde dies gefragt, als das „ewige Rom“ im Jahr 410 von westgotischen Kriegern unter Alarich geplündert wurde.1 Und schon Augustin tat sich extrem schwer mit einer Antwort. Und bis heute geht es uns nicht anders. Diese Frage will einfach nicht verstummen: „Wo ist Gott?“ Wo ist Gott, wenn – wie am Wochenende – 165 unschuldige Mädchen im Iran bei einem Luftangriff der USA sterben? Wo ist Gott, wenn Menschen von einer Sekunde auf die andere eine furchtbare Diagnose im Blick auf ihre Gesundheit erhalten? Wo war Gott in Auschwitz, als 6 Millionen Jüdinnen und Juden vergast wurden? Wo war Gott, als am 11. September 2001 die Twin-Towers in Manhattan infolge eines Terroranschlags einstürzten?

Wer wollte darauf eine Antwort geben? Und auch unser Losungswort aus Ps 115, reden wir nicht lange um den heißen Brei herum, überzeugt uns als Antwort nicht. Denn seine Auskunft: „Unser Gott ist im Himmel; er kann schaffen, was er will“, löst die Frage nicht, sondern verschärft sie nur: Wenn Gott das Böse verhindern kann, also in diesem Sinne „schaffen“ kann, es aber offenkundig nicht will, dann ist er böse. Und wenn er das Böse verhindern will, es aber nicht kann, dann ist er nicht allmächtig. Wenn er aber allmächtig ist und das Böse verhindern will, warum gibt es dann das Böse und warum lässt er es gewähren?2

Viele Menschen ziehen daraus den Schluss: „Es gibt keinen Gott.“ Die sog. „Theodizeefrage“, also die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes, ist – so der Theologe Ralf Fisch – der „brutalste Gotteskiller von allen“.3 Der Schriftsteller Georg Büchner spricht in „Dantons Tod“ nicht umsonst vom „Fels des Atheismus“.4 Der Hinweis unseres Losungswortes aus Ps 115, dass es die Heiden sind, die fragen: „Wo ist euer Gott?“, hilft uns auch nicht wirklich weiter. Denn nicht nur die Heiden sind es, die so fragen, sondern wir selbst – auch als Christinnen und Christen. Die Frage: „Wo ist Gott?“, lässt sich nicht durch den Hinweis zum Verstummen bringen, dass es sich ihrem Wesen nach um eine heidnische Frage handelt. Auch wir Christen sind doch oft nicht nur Christen im Herzen, sondern auch Heiden im Kopf. Und das verschärft die Frage vielleicht noch. Wenn mit der Katastrophe, die mich nach Gott fragen lässt, zugleich der Glaube, der mich im Leben getragen hat, wegzubrechen droht, mich vom Christen zum Heiden macht, richtet sie sich gegen mein Innerstes.

Die Frage erweist sich jedenfalls als robust und bleibend anstößig: „Wo ist Gott?“ Und die Antwort unseres Losungstextes „im Himmel“, lädt wohl eher den Heiden in uns zu einer sarkastischen Bemerkung ein, als dass sie das Herz des Christen in uns tröstet: „Im Himmel, na da ist Gott gut aufgehoben!“. „Gott, wir brauchen Dich hier bei uns auf der Erde, nicht im Himmel. Wir brauchen Dich hier, in der Not und in dem Elend, das wir Menschen uns Menschen antun“ – so schreit unser Herz betend zu Gott.

Gott sei Dank ist uns für heute nicht nur die Tageslosung aus Ps 115,2f., sondern auch der Lehrtext aus Joh 14,9 mit auf den Weg gegeben: „Jesus Christus spricht: Wer mich sieht, der sieht den Vater“. Und ich muss sagen, dass ich sehr dankbar für dieses Wort bin. Denn es verweist uns mit unserer Frage: „Wo ist Gott?“ auf Christus. Gott ist in Christus. Nicht, dass dadurch die Theodizeefrage gleichsam gelöst wäre. Aber wer auch immer diese Frage stellt, erhält durch unseren Lehrtext doch eine andere Blickrichtung. Diese Frage gerät in die Zentralperspektive des Christusgeschehens, des Geschehens von Kreuz und Auferstehung. Dass Gott etwa kein sarkastischer Despot ist, der zwar könnte, aber nicht will, weil er Spaß hat, Menschen leiden zu sehen, das zeigt sich darin, dass Gott in Christus ist, leidet Gott in Christus doch selbst am Kreuz. Und dass man Gott völlig verkennt, wenn man ihn auf einen zwar empathischen und sympathischen, aber letztlich machtlosen Mitleidenden reduziert, ihn gleichsam zu einem zahnlosen Tiger macht, wird klar, wenn man auf Gottes Sieg über den Tod in Christus blickt, hat doch Gott, der Vater, die Macht und die Kraft, seinen Sohn von den Toten aufzuerwecken.

Gott ist in Christus. Hier will er erkannt werden, hier wird er anschaulich, fassbar, greifbar, erlebbar. Hinsichtlich der Frage, wer denn der wahre Gott sei, heißt es bei Luther in seinem Lied „Ein feste Burg ist unser Gott“: „Fragst du, wer der ist? / Er heißt Jesus Christ, / der Herr Zebaoth, / und ist kein andrer Gott.“5 „Herr Zebaoth“ – das meint: Christus ist der „Herr der Heerscharen“. Er hat in Wirklichkeit die Herrschaft über alle Mächte und Gewalten. Er ist „in charge“. Und das heißt: Der Gott, von dem es in unserem Losungswort heißt, dass „er schaffen kann, was er will“, der ist kein anderer als Jesus Christus. Und genau dies bringt auch unser Lehrtext zur Sprache: „Wer Jesus sieht, der sieht den Vater“. Auf ihn gilt es zu sehen beim Stellen unserer Frage: „Wo ist Gott?“ Denn Gott ist in Christus. Hier hat er sich gezeigt und hier will er sich von uns finden lassen (vgl. Jer 23,13f.). Insofern wandelt sich die Frage „Wo ist Gott?“ im Lichte des Christusgeschehens zur eigentlich entscheidenden Frage: „Wer ist Gott?“6

Liebe Gemeinde, wir haben offene und ungelöste Fragen auch und gerade im Glauben. Und wer noch nie gezweifelt hat, der hat auch noch nie geglaubt. Wir dürfen mit unseren ungelösten Fragen dorthin kommen, wo sie hingehören, nämlich unter Jesu Kreuz. Und von dort, unter dem Kreuz, dürfen wir auf Christus blicken, um eine Antwort auf die Frage zu erhalten: „Wo bzw. wer ist Gott?“. Luther sagt: „Ich, Doktor Luther, will von keinem andern Gott wissen, denn allein von dem, der am Kreuz gehangen hat, nämlich Jesus Christus, Gottes und der Jungfrau Marien Sohn.“7

Weil Jesus Christus unser Gott ist, ist unser Gott ein naher und kein ferner, kein distanzierter Gott. Weil „Jesus Christus unser Gott ist, ist unser Gott ein Gott, der sich uns verspricht und sich uns bedingungslos selber gibt.“8 Weil Jesus Christus unser Gott ist, ist Gott ein verlässlicher Gott, so verlässlich wie Jesus seinen Weg ans Kreuz gegangen ist. Wer ihn sieht, der sieht den Vater. Und um abschließend nochmals die Brücke von unserm Lehr- zu unserem Losungstext zu schlagen, sei festgehalten: Als Gott im Himmel, der schaffen kann, was er will, will er in Jesus Christus bei uns sein, das Leid und den Tod überwinden und uns und alle Welt neu schaffen. Darauf dürfen wir uns verlassen. Denn Gott ist Gott in Christus. Amen.

1 Vgl. Larissa Seelbach, Wo ist denn nun euer Gott? Augustins Rechtfertigung des Christentums anlässlich der Eroberung Roms, in: Thomas Naumann / Annette Kurschus (Hg.), Wo ist denn nun euer Gott? Von Gottes Anwesenheit in einer unordentlichen Welt, Neukirchen-Vluyn 2010, 86–96.

2 Vgl. Lactantius, De ira Dei 13,20f. Damit ist das sog. „Theodizee-Trilemma“ skizziert. Siehe Marco Hofheinz, „Mein Gott, warum?“. Gotteslehre im Lichte der Theodizeefrage, in: Nadine Hamilton / Stephen James Hamilton / Martin Hailer (Hg.), Glauben lehren. Festschrift für Wolfgang Schoberth zum 65. Geburtstag, Leipzig 2023, 79–109.

3 Ralf Frisch, Gott. Ein wenig Theologie für das Anthropozän, Zürich 2024, 141.

4 Georg Büchner, Dantons Tod. Leonce und Lena. Dramen, Frankfurt a.M. 2008, 54.

5 EG 362,2 („Ein feste Burg“).

6 Der Berliner Dogmatiker Heinrich Vogel (1902–1989) hat seiner zweibändigen Dogmatik den Titel „Gott in Christus“ gegeben. Er hat die Bedeutung des christologischen Gottesverständnisses für theologische Fragestellungen, also – wenn man so will – für die theologische „Heuristik“, erkannt, wenn er im „Vorwort“ bemerkt: „Hinsichtlich der Gestaltung dieser Dogmatik erwuchs mir die größte Schwierigkeit genau an dieser Stelle, die ihr Zentrum und ihre Substanz bezeichnet und denn auch ihren Titel bestimmt hat. Wer es unternimmt, Gottes Wort, Sein und Wesen, wie es in seinen Werken sich uns erschließt, in Christo zu erkennen, und wer sich also die Wahrheitsfrage auf der ganzen Linie christozentrisch gestellt sein läßt, steht nicht nur in der Gefahr und Versuchung, dem das Geheimnis verleugnenden Prinzip eines Christomonismus zu verfallen. Er kommt auch in die, wie ich glaube, unausweichliche Gestaltungsschwierigkeit, die damit gegeben ist, daß alle einzelnen Probleme immer von neuem in der Bezogenheit auf die eine Christusmitte, nicht nur in ihrer Beantwortung, sondern in der Fragestellung selbst angegangen sein wollen.“ Heinrich Vogel, Gott in Christo. Ein Erkenntnisgang durch die Grundprobleme der Dogmatik Teil 1, Heinrich Vogel Gesammelte Werke Bd. 1, Stuttgart 1982, VIIf.

7 WA TR 4, Nr. 4034 (um 1532).

8 Hermann Dembowski, Martin Luther, in: ders., Wahrer Gott und wahrer Friede. Aufsätze zwischen Ost und West, hg. von Heino Falcke / Henning Schröer, Leipzig 1995, (378–393) 381.


Marco Hofheinz