Nach und nach Ostern

Ostergruß 2020


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Von Kathrin Oxen, Moderatorin des Reformierten Bundes

Vier Kapitel Abschied. Ein Kapitel Verrat, ein Kapitel Leiden. Und ein Wiedersehen in Etappen. Im Johannesevangelium wird es mehrmals Ostern, nach und nach. Ganz individuell begegnen sie dem auferstandenen Jesus: Zuerst, in dem Garten mit dem Grab Maria Magdalena, dann alle übrigen Jüngerinnen und Jüngern. Hinter verschlossenen Türen sitzen sie, mit einer selbst auferlegten Ausgangbeschränkung. Und dann ist Jesus mitten unter ihnen. Friede sei mit euch! sind seine ersten Worte. Als wäre das alles nicht geschehen, so steht Jesus wieder vor ihnen. Wie weggeblasen die ganzen Geschichten vorher. Die Schwäche und der Verrat, dass sie alle bei ihm bleiben wollen, es dann doch nicht können und sich in der Geschichte seines Leidens und Sterbens allmählich verlieren.

Aus dem Strom dieses kollektiven Verlorengehens ragte Petrus zunächst heraus. Bei Jesu Gefangennahme hatte er noch das Schwert geschwungen. Aber als Jesus dann von Hannas und Kaiphas verhört wird, reicht draußen vor der Tür schon die angelegentliche Nachfrage einer am Prozess gewiss nicht beteiligen Magd aus, um ihn spüren zu lassen, welche Substanz seine Nachfolge hat. Ich bin’s nicht. Und das wird er noch einmal und noch einmal sagen, weil auch aller schlechten Dinge drei sind. Fels sein, das fühlt sich wahrhaftig anders an.

Der einzige Jünger, der bis zum bitteren - oder besser gesagt, bis zum essigsauren - Ende bei Jesus bleibt, hat keinen Namen. Er verspricht auch nichts, ist aber da. Unter dem Kreuz, zusammen mit der Mutter Jesu. Die wenigstens kann nichts von ihrem Sohn trennen, nicht einmal der Sohn selbst. Sterbend hat er das noch versucht, indem er die beiden Verlorenen unter seinem Kreuz aneinander wies: Frau, siehe, das ist dein Sohn. Siehe, das ist deine Mutter. Zwei, denen wenigstens das gleiche weh tut. Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.

Deswegen wird auch sie natürlich dabei gewesen sein, am Abend des ersten Tages der Woche, bei dieser Versammlung der Verlorenen. Immer noch voller Angst, ihnen könnte das gleiche passieren wie das, was Jesus passiert war. Deswegen alle Türen verschlossen aus Furcht.

Eingeschlossen aber vor allem mit der brütenden, bitteren Wahrheit über sich selbst und ihre Fähigkeiten zur Nachfolge. Alles auf dieses ihr sehr individuelles Versagen zusammengezogen, lange nachbrennend wie ein Schluck Essig im Hals. Mit der Wahrheit über sich selbst eingeschlossen sein zu sein – eine Erfahrung, die viele von uns in der Zeit des Kontaktverbots nachempfinden gut können. Die fehlende Ablenkung schaftt Raum zum Nachdenken. Dieser Ort, diese Menschen – ist das da, wo ich wirklich sein will?

Solche Gedanken – auch unsere - werden unterbrochen durch Jesu Gruß.

Friede sei mit euch! Dieser Gruß klingt wahrscheinlich viel pathetischer, als er gesprochen wurde. Eine normale Begrüßung, schon beinahe ironisch so, als wäre nichts gewesen. Die vertraute liebe Stimme, ohne ein Kratzen von Essig darin, ohne einen dramatisch umflorten Unterton von „wie konntet ihr mir das bloß antun“.

Ein Satz, der alle Versprechen erfüllt. In diesem Moment erinnern sich. Natürlich erinnern sie sich daran. Denn seine Mutter ist ja auch bei ihnen: Eine Frau, wenn sie gebiert, so hat sie Schmerzen. Wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude willen, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist. Ich will euch wiedersehen und euer Herz soll sich freuen (Joh 16,21f.) Das waren seine Worte. Sie werden in diesem Moment wahr.

Und danach braucht es gar keine Worte mehr. Er zeigt ihnen die Hände und seine durchbohrte Seite. Es sind die Verletzungen, die er auch deswegen davongetragen hat, weil sie nicht zu ihm stehen konnten. Sie sind nicht vergessen. Jesus denkt noch an seine Angst. Aber Angst und Verletzung sind jetzt vergeben, um der Freude willen, dass er wieder zur Welt gekommen ist: Friede sei mit euch!

Dies ist die Inszenierung von Vergebung. So fühlt sie sich an. Beide Seiten haben ja etwas durchgemacht. Aber im Moment des Wiedersehens tritt das alles von einem Augenblick auf den anderen zurück. Das macht die Sehnsucht groß nach genau solchen vorwurfsfreien, fraglosen Neuanfängen. Dass sich einmal doch noch erfüllt, was immer ein Versprechen war. Dass man dasteht, miteinander und auf einmal alles wieder auf Anfang ist und die Vergangenheit vergangen für immer. Ob etwas davon auch nach der Zeit unserer Kontaktverbote zu spüren sein wird?

Jesus kann wieder atmen. Irgendwo im Garten hat er seinen ersten neuen Atemzug getan. Ein Hauch Schöpfung liegt in der Luft. Und als er sie dann anbläst, diese Verlorenen und Zerschlagenen in dem stickigen Zimmer, werden auch sie neue Menschen. Alles auf Anfang, erster Tag, wie neu geboren. Wer das einmal am eigenen Leib erfahren hat, begegnet anderen genauso: Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen: welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.

Wer sich auf Petrus berufen möchte und sich in seiner direkten Nachfolge sieht, muss zur Kenntnis nehmen, dass dieser Fels von bestürzend nachgiebiger Substanz ist. Wer die apostolische Sukzession lehrt und daraus eine Ämterlehre ableitet, die zum Beispiel Frauen ausschließt, sollte auch den furchtsamen Haufen Verlorener am Anfang der christlichen Kirche nicht vergessen, denen erst eine Frau die erlösende Nachricht brachte.

Die Vergebung der Sünden, das Amt der Schlüssel, wird am besten nicht von Schließertypen ausgeübt, sondern von Türöffnern. Denn hier weht ein neuer Wind. Ab jetzt: Untrüglich genau das Empfinden dafür, auf wie viele unterschiedliche Weisen ein Mensch versagen kann. Und unendlich groß die Bereitschaft, das Vergangene Vergangenheit sein zu lassen. Ein frischer Wind in einer Welt, wo man andere so gerne festnagelt auf das, was einmal gewesen ist und nach der ersten Wiedersehensfreude dann doch noch die alten Geschichten hervorgeholt werden. So soll es unter euch nicht sein. Das hat Jesus nicht gesagt. Aber vorgemacht. Für all die Übungen in seiner Nachfolge, die wir manchmal Kirche nennen. Auch dazu hatte unser Kontaktverbot vielleicht sein Gute, gerade in unseren Kirche. Damit es nach und nach wirklich Ostern werden kann bei uns.


Kathrin Oxen
Jeden Sonntag: Gemeinsam unterwegs in besonderen Zeiten - von Kathrin Oxen

Seit dem 18. März 2020 dürfen wegen der Corona-Pandemie in Kirchen in Deutschland Zusammenkünfte nur mit Einschränkung stattfinden. Der Gottesdienst aber geht weiter! Kathrin Oxen, Moderatorin des Reformierten Bundes, gibt Ihnen ab sofort auf reformiert-info.de jeden Sonntag Materialien für den Gottesdienst für Zuhause, dazu eine aktuelle Predigt.