Zum Glauben gehört auch Wissen

Für reformierte Christen gibt es keine Instanz, die festlegt, was zu glauben ist. Was gelehrt und gepredigt wird, soll im Einklang mit der Bibel stehen. Darauf zu achten ist auch die Aufgabe jedes Gemeindemitglieds. Ein hoher Anspruch!

"Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort offenbart hat, ..." Der Heidelberger Katechismus (Frage 21) betont die Wichtigkeit des Wissens für den Glauben. Jedes Gemeindemitglied sollte so viel wie möglich wissen, damit es seinen Glauben begründen und weitergeben kann.

In der aktuellen Situation wird das aus verschiedenen Gründen wieder wichtig: Der christliche Glaube steht zunehmend in einem Wettbewerb mit anderen Religionen und Glaubensrichtungen und sieht sich den Fragen und Verdächtigungen kritischer Mitmenschen ausgesetzt.

Deshalb ist es wichtig, den 
D i s k u r s  über Glaubensfragen und theologische Zusammenhänge in den Kirchen zu beleben und sich in weltanschauliche Diskussionen einzubringen. Zu diesem Zweck haben wir einen BLOG eingerichtet. (gr)

Dein Reich komme

Matthäus 6, 10a

'Dein Reich komme!', ist die Bitte, die zugleich die Gewissheit, dass sie erhört wird, in sich trägt.
Eine Predigt aus der Kölner Reihe 'Der einfache Gottesdienst' von Johannes Voigtländer

So sollt ihr beten:
Unser Vater im Himmel.
Dein Name werde geheiligt.
Dein Reich komme.

Liebe Gemeinde!

„Dein Reich komme!“ Diese zweite Bitte des „Unser Vater“ ist der heutige Predigttext. „Dein Reich komme!“ Wie oft haben wir das schon gebetet? So oft, dass wir fast schon vergessen haben, darüber nachzudenken und uns Rechenschaft zu geben, was wir da eigentlich betend erbitten? „Dein Reich komme!“, eine uns von Jesus Christus in den Mund, ans Herz gelegte Bitte – doch welchen Inhalts? Schon tausendmal gesagt, geseufzt, geflüstert, geschrien, gefordert, herbeigerufen, herangesehnt: „Dein Reich komme!“

Es ist schon das erste Wort, das Pronomen „dein“, über das ich stolpere. Dein, dein Reich – nicht mein, auch nicht unser Reich. Dein, Gottes Reich, um das bitten wir hier. Das ist schon recht ungewöhnlich; denn normalerweise wollen wir doch etwas für uns, für mich, vielleicht noch für die Menschen, mit denen ich zusammenlebe. Und hier bitten wir um etwas Fremdes, etwas, das von außen auf uns zukommt, auf das wir keinen Einfluss haben, das unserer Macht entzogen ist, nämlich Dein, dein Reich, Gottes Reich. Wir verstehen es doch als einen Ausdruck unserer Freiheit, unserer Selbstständigkeit und Unabhängigkeit, dass wir von „mein“ sprechen können, dass wir die Dinge in die Hand nehmen, dass wir die Verantwortung tragen, dass wir entscheiden. Doch hier lassen wir uns von Jesus Christus eine Bitte in den Mund legen, mehr noch, lassen wir uns von Jesus Christus zu einer Bitte auffordern „So sollt ihr beten!“, die all unserem aufgeklärten Selbstbewusstsein widerspricht: „Dein Reich komme!“

Aber auch das zweite Wort birgt Irritationen: „Reich“. Ein Reich beschreibt doch die Art und Weise, wie das Leben der Menschen in Gesellschaft und Politik organisiert wird. Reiche sind Organisationsformen in der Welt, in all ihrer Unterschiedlichkeit. Also auch in der Frage der konkreten politischen Machtverhältnisse lassen wir uns von Jesus Christus auffordern zu bitten: „Dein Reich komme!“ Wir müssen wohl noch genauer hinsehen.

Karl Marx hat vor über 150 Jahren die Geschichte der Menschheit als eine Geschichte von Klassenkämpfen beschrieben. Ich denke an dieser Analyse ist vor allem richtig, dass die Menschen und das heißt die Mächtigen, im Laufe ihrer Geschichte immer behauptet haben, dass sie die Welt mit ihren Herausforderungen beherrschen können. War das anfangs eine Gesellschaft der Sklavenhalter oder dann der Feudalherren oder die sich entwickelnde bürgerliche Gesellschaft, die sich gegenwärtig als demokratisch versteht. In Wirklichkeit – und das lehrt dann vor allem die Rückschau – hat es sich aber immer um Auseinandersetzungen um Macht, um Herrschaft, um Gewalt, um Geld und um Einfluss gehandelt, eben um Klassenkämpfe. Nie war die Menschheit in der Lage, unbeeinflusst von solchen Interessen, die Sorgen und Nöte zu lösen oder auch nur zu regeln und Frieden und Gerechtigkeit für alle herzustellen, eben eine Welt in Unordnung.  Wir haben uns einen Mythos der menschlichen Fähigkeiten geschaffen und dabei dem Unrecht nicht wehren können. Heute ist das vielleicht der Mythos der Demokratie, als seien wir an das Ende jedweder gesellschaftlichen Entwicklung gelangt und ein Nachdenken über humanere Formen des Zusammenlebens seien damit von vorne herein obsolet. Dabei haben wir in den vergangenen Wochen fast täglich hören müssen, in welch einer Unordnung gerade auch unsere Welt existiert, wie sehr die Gier nach Geld und noch mehr Geld das Leben der Menschen vergiftet. Ob das nun der ehemalige Betriebsratsvorsitzende von VW oder der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Post ist. Nicht ohne Grund wird in den Evangelien dem Mammon zugesprochen, dass er die Herrschaft eines Götzen unter uns Menschen ausübt. – Geht hier von der zweiten Bitte des „Unser Vater“ eine entmythologisierende Bewegung aus?

Wir erleben die noch nicht abzusehenden Konsequenzen unserer Eingriffe in die Natur und die ökologischen Systeme. Es gibt das präzise formulierte Interesse, auch vor der Planung, Steuerung und Entwicklung menschlichen Lebens nicht Halt zu machen. Wir lassen uns erzählen, die embryonale Stammzellenforschung, wie die Gentechnik überhaupt, sei, um des Fortschritts willen, unverzichtbar. Doch welcher Fortschritt ist damit gemeint? Der Fortschritt in der Erkenntnis, dass wir Menschen Gottes Geschöpfe sind oder der Fortschritt wirtschaftlicher Interessen und der der Aktienkurse?

Wir werden von Unrecht, von ungerechten Lebensverhältnissen, von einer Welt in Unordnung in Atem gehalten. Manchmal möchte man sich von dem allen abwenden, sich zurückziehen, zurück auf sich selbst. Wir Menschen möchten uns immer wieder frei machen von Gott, einem Gott dem wir unterstellen, dass ihn das alles nicht kümmere. Deshalb wollen wir selbst die Geschicke in die Hand nehmen und bestimmen, wollen uns von unserem Schöpfer „emanzipieren“. Freiheit, absolute Freiheit für mich, gilt als das Lebensideal. Auch das ein Mythos, ein Mythos der uns in die Resignation treibt?!

Doch Gott wäre nicht Gott, Gott wäre nicht Adonai, Gott wäre nicht Mensch geworden in Jesus Christus, Gott wäre nicht Heiliger Geist, wenn das Leid, die Unordnung, das Unrecht, das die Menschen sich gegenseitig antun nicht in ihm seine Grenze hätte. Darum fordert uns Jesus Christus zu dieser Bitte auf: „Dein Reich komme.“

Indem wir so beten, machen wir die Hände leer. Indem wir so beten, verzichten wir auf unsere Vorstellungen vom Reich Gottes. Denn all unsere politischen Phantasien werden nicht hinreichen, das Reich Gottes zu beschreiben, weder im Himmel noch auf Erden. Indem wir so beten, vertrauen wir auf Gott, der sein Reich, seine Gerechtigkeit, seinen Frieden und seine Freude für uns Wirklichkeit werden lässt. Indem wir so beten, willigen wir ein in das Selbstverständnis, dass wir Gottes Geschöpfe sind und Nichts seiner Herrschaft entzogen ist. Er ist es, der alles neu machen wird. Indem wir so beten, erklären wir zugleich, dass wir nichts unternehmen können, um das Reich Gottes auf Erden herbeizuführen, dass wir nichts dazu beitragen können, dass das Reich Gottes sichtbarer, schöner, größer oder strahlender wird. Denn es ist Gottes Reich, um das wir beten und er allein ist es, der es schafft, der es aufscheinen lässt in unserem Alltag, der uns etwas erahnen lässt von der Menschenfreundlichkeit, von dem Neuen seines Reiches und das er durch kein biblisches Wort an die Kirche gebunden hat. Das müsste uns gerade in der Gemeinde Jesu Christi sehr bescheiden und demütig machen.

„Dein Reich komme!“ Es ist ein Ruf, ein Flehen. Es ist eine Bitte besonderer Art. Es ist nämlich keine Bitte die uns freigestellt ist, der wir nach eigenem Gusto nachkommen oder sie auch bleiben lassen. „Dein Reich komme!“ ist eine unvermeidliche Bitte; denn Gott ist es, der uns gleichsam in die Freiheit dieser Bitte geleitet. Nur Gott kann mit seinem Reich der menschlichen Ungerechtigkeit, der Unordnung ein Ende setzen.

„Dein Reich komme!“, ist die Bitte, die zugleich die Gewissheit, dass sie erhört wird, in sich trägt. Hier geht es nicht um ein Probehandeln. Hier geht es nicht um einen Versuch, den man auch sein lassen könnte. Sondern, weil Gott von uns diese Bitte will, weil Gott in Jesus Christus uns diese Bitte lehrt, weil Gott im Heiligen Geist uns zu dieser Bitte ermutigt und stärkt, darum ist ihre Erfüllung nicht nur eine Möglichkeit, sondern ihre Erfüllung ist gewiss! Mehr noch: In der Geschichte Jesu Christi, in seinen Reden, in seinem Tun, in seinem Leiden, Sterben und Auferstehen, als des einen Gottes einer Sohn, als des Messias Israels, als der Heiden Heiland, als der Mittler zwischen Gott und den Menschen, ist das Reich Gottes nahe herbeigekommen. Der Evangelist Lukas bekennt das, indem er Jesus Jesaja zitieren lässt: „Der Geist des Herrn ruht auf mir, weil er mich gesalbt hat, Armen das Evangelium zu verkündigen. Er hat mich gesandt, Gefangenen Freiheit und Blinden das Augenlicht zu verkündigen, Geknechtete in die Freiheit zu entlassen, zu verkünden ein Gnadenjahr des Herrn.“ (Lk 4,18f.) Schon jetzt sahen sich die Jüngerinnen und Jünger mit dem Reich Gottes konfrontiert. Und wir, die wir auf den Glauben der Jüngerinnen und Jünger vertrauen, uns darauf einlassen, kommen dann doch auch von dieser Erfahrung her.

„Dein Reich komme!“ – für unser Sprachverständnis ist das ein Ausblick in die Zukunft. Doch nun ist das biblische Zeitverständnis komplizierter - oder sollte ich besser formulieren, aufregender, menschlicher. Wenn wir von Zukunft reden, dann denken wir an etwas, das irgendwann geschieht, keiner weiß wann. „Kann man sich darauf überhaupt verlassen?“ „Bauen wir nicht auf Sand, wenn wir von Zukunft reden?“ „Vertrösten wir nicht die Menschen auf einen Sankt-Nimmerleins-Tag?“ Solches oder ähnliches unterstellen wir doch, wenn versprochen wird, dass alles besser werden soll und wir alle wissen, dass uns da ein holpriger und steiniger Weg bevorsteht, den wir noch zu bewältigen haben und keiner weiß so recht wie. Das Niederländische gibt mit seinem Wort „de toekomst“ einen Hinweis, den wir in unserem deutschen Wort „Zukunft“ nicht mehr hören. „De toekomst“, das, was auf uns zu kommt, das, was uns entgegenkommt. Das zukünftige Reich Gottes ist das Reich Gottes, das uns entgegen kommt. Also nicht wir sind es, die in die Richtung des Reiches Gottes gehen, es kommt vielmehr auf uns zu! Das Reich Gottes, Gott, Jesus Christus das Entgegenkommen des Gekommenen!

„Dein Reich komme!“ Es ist Gott, der da auf uns zukommt. „Dein Reich komme!“ Es ist kein System, das in menschliche Begriffe einzufangen ist. „Dein Reich komme!“ Es ist die konkrete Tat Gottes inmitten der irdischen Geschichte und deshalb kann man von ihm wohl auch nur in Gleichnissen reden: Das Reich Gottes ist wie ... ein Sämann, wie ... ein Vater, wie ... ein Weinbergbesitzer, wie ... ein Senfkorn. Dieses Wissen, dieses sich Erinnern geht der Bitte voraus, „Dein Reich komme!“ Das Reich Gottes hat sich für die erste Gemeinde in der Geschichte Jesu Christi als das schon Gegenwärtige und zugleich als das erst Zukünftige dargestellt und in diesen aufregenden und spannungsvollen Prozess sind wir mit hineingenommen.

Dass Gott seinen Weg zu Ende geht, darum bitten wir also - demütig - und dürfen zugleich dessen gewiss sein. Die Freiheit, so zu beten, eröffnet uns Gott. Von diesem Gebet Gebrauch zu machen, dazu fordert uns Gott heraus. Das ist gleichsam der Kern dessen, was wir als Menschen zum Kampf gegen die Unordnung beitragen können.

Dann aber, weil wir einerseits von den Gleichnissen über das Reich Gottes erzählen können, andererseits Gott mit seinem Reich auf uns zukommt und wir unverdient Beschenkte sind, werden wir in Bewegung gesetzt, werden wir verändert, nimmt Gott uns in Gebrauch, nun auch unsererseits dem kommenden Reich entgegenzuleben. Das heißt, wir werden in Anspruch genommen für den Einsatz, für den Kampf um menschliche Gerechtigkeit, nicht um die göttliche, die menschliche! Aber dafür sind wir dann auch verantwortlich. Wir nehmen also den Gedanken der „internationalen Solidarität“ auf, aus der ersten Predigt dieser Reihe, über die Anrede „Unser Vater“.  Wenn wir also verantwortlich sind für die menschliche Gerechtigkeit, dann gewinnt diese ihre Perspektive bei der göttlichen und wir müssen uns fragen lassen, warum wir zulassen, dass der Mensch leidet, unter Armut, Krieg, Gewalt, unter Hunger, Angst, unter Arbeitslosigkeit, Unmenschlichkeit oder Schrecken, eben der Unordnung. Dieser Leidende ist der von Gott geliebte Mensch!

„Dein Reich komme!“ „Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit, Frieden und Freude.“ (Rö 14,17), schreibt Paulus an die Gemeinde in Rom. Diesen Dreiklang, diesen Dreiklang aus Gerechtigkeit, Frieden und Freude lasst uns nicht aus den Augen verlieren. Diesen Dreiklang lasst uns nicht in hart gewordenen Herzen begraben. Lasst uns diesen Dreiklang aus Gerechtigkeit, Frieden und Freude durch keinen Diskurs aus unserer Vernunft und unserem konkreten politischen Handeln verdrängen, damit wir voll Zuversicht und Hoffnung mutig betend bitten: „Dein Reich komme“.

Amen.


Johannes Voigtländer
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