Zum Glauben gehört auch Wissen

Für reformierte Christen gibt es keine Instanz, die festlegt, was zu glauben ist. Was gelehrt und gepredigt wird, soll im Einklang mit der Bibel stehen. Darauf zu achten ist auch die Aufgabe jedes Gemeindemitglieds. Ein hoher Anspruch!

"Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort offenbart hat, ..." Der Heidelberger Katechismus (Frage 21) betont die Wichtigkeit des Wissens für den Glauben. Jedes Gemeindemitglied sollte so viel wie möglich wissen, damit es seinen Glauben begründen und weitergeben kann.

In der aktuellen Situation wird das aus verschiedenen Gründen wieder wichtig: Der christliche Glaube steht zunehmend in einem Wettbewerb mit anderen Religionen und Glaubensrichtungen und sieht sich den Fragen und Verdächtigungen kritischer Mitmenschen ausgesetzt.

Deshalb ist es wichtig, den 
D i s k u r s  über Glaubensfragen und theologische Zusammenhänge in den Kirchen zu beleben und sich in weltanschauliche Diskussionen einzubringen. Zu diesem Zweck haben wir einen BLOG eingerichtet. (gr)

''Musik sprengt den Kerker der Glaubensformeln''

Präses Kurschus über die ökumenische Kraft des gesungenen Gotteslobs – Gemeinsamer Vespergottesdienst der christlichen Kirchen im Dom zu Minden

Haben an an der ökumenischen Vesper mitgewirkt (von links): Erzbischof Mor Julius Dr. Hanna Aydin (Warburg), Präses Annette Kurschus, Erzbischof Hans-Josef Becker (Paderborn), Bischof Anba Damian und Kirchenrat Tobias Treseler. Foto: Carola Mackenbrock

MINDEN/WESTFALEN - Musik verbindet Christen verschiedener Konfessionen auch dort, wo Trennungen noch nicht überwunden sind. Diese Überzeugung hat die westfälische Präses Annette Kurschus vertreten. Am Sonntag (20.5.) sagte die leitende Theologin der Evangelischen Kirche von Westfalen in einem ökumenischen Gottesdienst im Dom zu Minden: „Wenn wir gemeinsam Gott loben, tun wir selbstverständlich, was uns an Verhandlungstischen und am Abendmahlstisch noch nicht möglich ist.“

An dem Gottesdienst wirkten auch Erzbischof Hans-Josef Becker (Paderborn) und Kirchenrat Tobias Treseler (Detmold) von der Lippischen Landeskirche mit. Beteiligt waren außerdem Erzbischof Mor Julius Dr. Hanna Aydin (Warburg) von der Syrisch-Orthodoxen Kirche in Deutschland und Bischof Anba Damian (Höxter) als Repräsentant der Koptisch-Orthodoxen Kirche Deutschland, ebenso die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) Minden

Das gemeinsame Singen „sprengt lauthals die Kerker unserer formelhaft richtigen Glaubensaussagen“, sagte Präses Kurschus. Es liege quer zu Erkenntnissen des Verstandes und erscheine deshalb manchen naiv. Doch Singen und Musizieren sei von jeher Ausdruck einer natürlichen Ökumene. Zu dieser Musik gehörten außer den harmonischen auch klagende, mahnende und schräge Töne.

Das Lob Gottes geschehe immer im Wissen um Mängel und Bedrohungen: „Unser Leben ist bruchstückhaft und stets gefährdet, unser Glaube ist ständig vom Zweifel umzingelt, unsere Einheit als Kirche bleibt ein zerbrechliches Ziel.“ Deshalb, so Annette Kurschus, ist es gut, dass sich dieses Lob nicht aus menschlicher Gewissheit nährt, sondern aus der Kraft Gottes.

Die Präses nannte Beispiele für die ökumenische Kraft der Musik: Martin Luther, der als Liederdichter auf die katholische Tradition zurückgreifen konnte; die Protestanten Bach und Händel, deren Werke auch in katholischen Kirchen erklingen – wie umgekehrt geistliche Musik der Katholiken Haydn und Mozart in evangelischen Gotteshäusern. Das heutige evangelische Gottesdienstverständnis sei undenkbar ohne die katholische Liturgiebewegung. Andererseits enthält das katholische Gesangbuch „Gotteslob“ viele ursprünglich evangelische Choräle.

Seit 1999 findet ein ökumenischer Abendgottesdienst mit Vertretern der christlichen Kirchen jährlich in katholischen oder evangelischen Kirchen in Ostwestfalen/Lippe statt.


Pressemeldung der EKvW, 20. Mai 2012
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